LESERANWALT

Ein Plädoyer für Transparenz

Detlef Schönen, Ombudsmann der NRZ mit Chefredakteur Manfred Lachniet
Die nebenstehende Kolumne greift einen Beitrag von Detlef Schönen (links) auf. Seine Zeilen beziehen sich auf das 14. Treffen der Vereinigung der Medien-Ombudsleute. Das Foto, mit Genehmigung entnommen aus der NRZ (Neue Ruhr Zeitung), zeigt den Ombudsmann zusammen mit Chefredakte...

"Wider den bösen Verdacht“. So hat mein Kollege Detlef Schönen, Medien-Ombudsmann der NRZ (Neue Ruhr Zeitung, Essen), zuletzt eine treffliche Kolumne überschrieben. Gerne zitiere ich daraus. Es geht darin um den Vorwurf der Manipulation und darum, wie man ihm begegnen kann. Mit seinem Beitrag gibt Schönen auch einen Einblick in das, was die Vereinigung der Medien-Ombudsleute (VDMO) vor wenigen Tagen bei ihrem 14. Treffen beim Hamburger Abendblatt intensiv beschäftigt hat.

 

Bekenntnis zu Fehlern

Schönen gesteht, was niemand leugnen kann: Journalisten und Medien machen Fehler, ebenso deren Ombudsleute.  Deshalb bezieht er sich auf den Medien-Wissenschaftler Horst Pöttker, der folgerichtig gesagt hat, dass Fehleranfälligkeit grundlegend für Journalismus ist und der es deshalb für wichtig hält, dass man sich zu Fehlern bekennt und sie korrigiert.

 

Unkenntnis über mediales Handwerk

Was einfach klinge, stoße in der Praxis auf Probleme, erkennt Schönen. Zunehmend sehen sich Medien dem Vorwurf ausgesetzt, manipulieren zu wollen. Eine Unterstellung, die auch aus Unkenntnis über mediales Handwerk resultiere. Damit, was dem entgegenzusetzen ist, haben sich die Ombudsleute in Hamburg beschäftigt. Mit Fehler sei mehr gemeint als lässliche Irrtümer. Die Bandbreite dessen, was Medien vorgehalten werde, wachse: Sie fälschen Bilder, betreiben Propaganda für die Regierung oder gleich für ein Weltbild („Linkspresse“).

 

Das Problem mit anderen Meinungen

Und der Ton werde aggressiver. Von hasserfüllten Mails und sogar von Drohungen berichten Kollegen. Die Initiative Tageszeitung, ein Weiterbildungsträger für Journalisten, arbeitet an einem Seminar, das basierend auf Empfehlungen der Staatsanwaltschaft Köln Hintergründe und Handlungstipps aufzeigen will. „Es ist nicht verkehrt, den Rechtsstaat an dieser Stelle zu nutzen“, sagt Professor Pöttker. „Aber auch diesseits der Strafbarkeit, gibt es merkliche Verschiebungen“, schreibt Schönen. „Wir stellen fest, dass manche Leute ein Problem damit haben, überhaupt andere Meinungen zuzulassen“, sagt Dr. Burkhard Nagel, Qualitätsmanager der Tagesschau in der ARD, Vortragsgast der VDMO-Tagung.

 

Das Wissen um den Wert überprüfter Nachrichten

Wie aber kann man einen Dialog führen mit jemandem, der Debatte mit Machtkampf verwechselt und Google mit Recherche? „Die Inszenierung einer alternativen Wirklichkeit ist das eine Problem, das bröckelnde Wissen über Journalismus das andere. <…> Selbst unter jungen Akademikern bleiben Tagesschau und Tageszeitung überwiegend ungenutzt.“

Das bedeute nicht, dass junge Menschen nachrichtenfrei leben. Die Gefahr bestehe vielmehr darin, dass eine Kulturtechnik verloren gehe, die der Kitt des gesellschaftlichen Zusammenhalts ist: das allgemeine Wissen um den Wert überprüfter Nachrichten und der Meinungstoleranz. Dieses Wissen muss Formate, Kanäle und Gewohnheiten überdauern. So schreibt es Schönen.

 

Das geht nicht nur Journalisten an

Wie es gelingen kann, dieses Wissen zu erhalten und zu verbreiten? Durch Transparenz! Das heißt, das eigene Tun wieder und wieder zu erklären und auf den Prüfstand zu stellen. In der Zeitung, klar, im Dialog, sicher, vor allem aber frühzeitig, in den Schulen. Was eine Nachricht zur Nachricht macht, dieses Wissen geht nicht nur Journalisten an.

Ich füge hinzu, Transparenz ist längst zur Aufgabe des Journalismus geworden. Medien-Ombudsleute sehen sich als eine Instanz, die dabei vorangeht. Auch mit der Bereitschaft, in Schulen zu gehen.

Ich danke dem Kollegen Detlef Schönen von der NRZ für seinen Beitrag.

Hier erreichen Sie mit einem Klick seine gesamte Kolumne "Wider den bösen Verdacht"

Frühere Leseranwalt-Kolumnen zu diesem Thema:

"Transparenz, Baustein für Glaubwürdigkeit" (2017)

"Eingestehen, wo das Wissen des Journalisten endet" (2017)

"Trotz Kürzung, der Kern der Nachricht blieb" (2018)

"Transparenz für das redaktionelle Konzept" (2018)

"Pressefreiheit und das Vertrauen" (2017)

"Das Bekenntnis zu Fehlern in der Zeitung" (2016)

"Von eigenen und fremden Fehlern ..." (2012)

"Fehler in der Zeitung dürfen nicht zu unvermeidlichen Zeiterscheinungen werden" (2014)

"Wenn Schreibfehler Zweifel an der Seriosität des Journalismus aufkommen lassen" (2012

"Ombudsleute helfen Lesern, die Presse zu demystifizieren" (2012

"Deutscher Presserat misst Medien-Ombudsleuten große Bedeutung bei" (2013)

Alle Leseranwalt-Kolumnen finden sie frei zugänglich unter www.mainpost.de/leseranwalt

Anton Sahlender, Leseranwalt der Main-Post und Vorsitzender der VDMO e.V.

Rückblick

  1. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  2. Niemand muss anonym informieren
  3. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  4. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  5. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  6. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  7. Die Straftat und der Verdacht
  8. Kräftige Worte von Marcel Reif
  9. Das war keine Würdigung
  10. Das Missverständnis mit der Zensur
  11. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  12. Meinungen ertragen lernen
  13. Keine Schablone über Redaktionen legen
  14. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  15. Konzeptionelles Nachdenken
  16. Amtsperson war früher
  17. Fußball kann man überblättern
  18. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  19. Falsche Tatsache im Leserbrief
  20. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  21. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  22. Geschmackssache: Foto von Merz
  23. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  24. Ungleichgewicht in Zahlen
  25. Nachgeholte Berichtigungen
  26. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  27. Ein Plädoyer für Transparenz
  28. Verpixeln oder nicht?
  29. Heiße Tage und Nächte
  30. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  31. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  32. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  33. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  34. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  35. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  36. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  37. Reichweite ist nicht alles
  38. Lehren für den Journalismus
  39. Kritikwürdiges Boulevardstück
  40. Analysen sind Meinung
  41. Wer hat hier Kummer mit wem?
  42. Treffende Argumente statt zuspitzender Worte
  43. Die überflüssige Ohrfeige
  44. Wenn Söder im Bericht plötzlich ätzt
  45. Der verbrämte Nazi-Vergleich
  46. Worte an WM-Desinteressierte
  47. Herkunft von Nachrichten offenlegen
  48. Kreuzerlass: Vorwurf einer falschen Behauptung
  49. Versuchte Einschüchterung
  50. Keine mildernden Umstände für ängstlichen Leser

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