LESERANWALT

Ein freches Foto und die Gürtellinie

Liebe. feministisch. Torturmtheater
Dieses Foto liegt aus der Sicht eines Lesers außerhalb der Geschmacksgrenze. Es gehört zur Ankündigung einer Komödie, erschienen am 28.5. (siehe auch am Ende des Textes) am 20.5.2019. Foto: Angelika Relin

Ein Foto, erschienen zu einer Ankündigung im Kulturkalender (Zeitung vom 28.5.19), empfindet Leser T.G. als "geschmacklos, peinlich, primitiv". Es wolle Aufmerksamkeit erregen, aber falle „doch wohl nicht unter die häufig strapazierte künstlerische Meinungsfreiheit“, sondern gehe „eindeutig unter die Gürtellinie“. Diese Kritik bedarf einer erklärenden Erwiderung.

 

Kneifen in den Hintern

Zuvor sei jedoch beschrieben, was auf jenem Bild (siehe auch Kopien) zu sehen ist: Ein freundlich in die Kamera blickender Mann, der sich gerade anschickt, einer lächelnden Dame in ihren Hintern zu kneifen. Hinzugefügt sei, beide Personen sind vollständig, wenn auch eigenwillig bekleidet. Das zweifellos freche Foto illustriert eben die Ankündigung einer Komödie („Lieben. feministisch“) im Torturmtheater Sommerhausen.

 

Weit reichende Kunstfreiheit

Zurück zur „künstlerischen Meinungsfreiheit“, die aber tatsächlich meist unter „künstlerische Freiheit“ zitiert wird. Wie auch immer: Sie ist Teil der in  Artikel 5 (Abs. 3)  grundgesetzlich geschützten Kunstfreiheit. Meinungsfreiheit, die hat bekanntlich jede Person in unserem Lande. Sie gilt also keinesfalls alleine für das Kunstschaffen. Spezielle Freiheiten Kunstschaffender finden sich in der Rechtsprechung sehr weitreichend beschrieben, sind nicht an gesellschaftliche Zwänge gebunden. Bei „künstlerischer Freiheit“ spricht man vom Vorrecht der Künstler, von der Wirklichkeit abzuweichen, wenn es die künstlerische Wirkung des Werkes erfordert. Einschränkungen könnte es geben, würde persönliche Ehre grob verletzt. Letzteres ist bei der fotografierten Bildszene aus dem Theater nicht der Fall, selbst wenn man sie (aus feministischen oder sittlichen Gründen) als "anstößig" empfinden mag. Trotzdem liegt nicht in allem, was von Kunstfreiheit geschützt ist, eine Empfehlung, es im Alltag nachzuahmen. Das vorliegende Bild sei warnendes Beispiel.

 

Schwierige Difinition

Kunst griffig zu definieren, wie es Juristen gewöhnlich brauchen, ist schwierig. Das Ergebnis könnte freier schöpferischer Gestaltung als Wesen der Kunst entgegenstehen, denn das entwickelt sich stetig weiter. Es ist aber klar, das beschriebene Foto fällt unter die grundgesetzlich gesicherte Kunstfreiheit (Siehe Wikipedia). Die schützt übrigens auch Werbung für Kunstwerke, ohne dass die selbst künstlerischen Ansprüchen genügen muss. Darin steckt keine Bewertung des beschriebenen Bildes. Angelika Relin, Leiterin des Theaters, hat das auffällige Bild aus einer Szene der Komödie selbst aufgenommen. Es fügt sich also in deren Handlung, die laut Rezension "augenzwinkernd (auch) auf eingerostete Denkschubladen anspielt" (Ursula Düring). Die Aufnahme entstand bei einer sogenannten speziellen Fotoaufführung.

 

Mehr Humor erwünscht

Frau Relin erwähnt, in einer Folgeszene der heiteren Aufführung erfolge das Kneifen umgekehrt. Sie erklärt, bei ihr komme Feminismus zuweilen als „zu spaßentleert“ an. Bei aller Ernsthaftigkeit für das Thema, würde sie sich oft mehr Humor wünschen. Zweifellos, das füge ich hinzu, hätte man auch ein anderes Foto für die Vorankündigung auswählen können. Aber das vorliegende ist eben auch zulässig, denn Geschmacksgrenzen werden sehr individuell gezogen. Allgemein verbindliche Grenzen für guten oder schlechten Geschmack finden sich auch nicht im Pressekodex des Deutschen Presserates. Sie lassen sich bestenfalls aus den Ziffern 8 bis 12 ableiten.

 

Persönliche Meinung

Leser T.G. bittet um Verständnis für seine Kritik und empfiehlt dem "Leseranwalt", er solle auf Werbung für Theaterstücke auch ein sorgsames Auge haben. Ja, beides habe ich. Umgekehrt bitte ich Herrn T.G. aber um Verständnis, dass ich seine Wertung („unter der Gürtellinie, geschmacklos“ etc.) seiner persönlichen Meinung zuordne, die ich im vorliegenden Fall aber nicht teile. Ich wiederhole: Wo etwas beginnt unter der Güterllinie zu liegen, ist meist eine sehr individuelle Entscheidung.

Eine Empfehlung von Frau Relin gebe ich gerne an Herrn TG weiter: Er möge doch die heitere Komödie besuchen, um danach über seine Bewertung noch einmal nachzudenken. Auch weil es um Kunst und eine Erklärung geht, nehme ich in Kauf, dass diese Kolumne auch werbend für die Komödie wirken kann.

Siehe Rezension der Aufführung am Ende dieser Kolumne (Kopie aus der Zeitung). Oder Online: "Feminist liebt Macho-Frau..."

Ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

"Kräftige Worte von Marcel Reif" (2019)

"Über Maßstäbe für Moral und guten Geschmack" (2008)

"Tipps für schnellen Sex in den Ferien waren nicht ernst gemeint" (2009)

"Zeitungsleser sind keine Besucher einer Kleinkunstveranstaltung" (2011)

"Die Kastelruther Spatzen und die Banalistät" (2018)

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"Grenzen von Karikaturen: Schon Franz Josef Strauß wurde in seiner Würde als Mensch verletzt" (2015)

"Zulässige Satire für Sterbliche" (2016)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Premierenkarten: "Lieben, feministisch" - Aus Zeitung vom 28.5.2019
Das kritisierte Bild mit Ankündigung ist am 28.5 im Kulturkalender der Zeitung erschienen....
Rezension. Feminist liebt Machofrau - geht das gut?" (Ursula Düring)
Kopie der Rezension von "Lieben.feministisch" (Zeitung vom 1.6.2019): Augenzwinkernde Anspielungen an Emanzipation und G...

Rückblick

  1. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  2. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  3. Was nicht berichtet wurde
  4. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  5. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  6. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  7. Fotografierte Zeitgeschichte
  8. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  9. Persönlichkeitsschutz verletzt
  10. Empfehlung für mehr Transparenz
  11. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  12. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  13. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  14. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  15. Niemand muss anonym informieren
  16. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  17. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  18. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  19. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  20. Die Straftat und der Verdacht
  21. Kräftige Worte von Marcel Reif
  22. Das war keine Würdigung
  23. Das Missverständnis mit der Zensur
  24. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  25. Meinungen ertragen lernen
  26. Keine Schablone über Redaktionen legen
  27. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  28. Konzeptionelles Nachdenken
  29. Amtsperson war früher
  30. Fußball kann man überblättern
  31. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  32. Falsche Tatsache im Leserbrief
  33. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  34. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  35. Geschmackssache: Foto von Merz
  36. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  37. Ungleichgewicht in Zahlen
  38. Nachgeholte Berichtigungen
  39. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  40. Ein Plädoyer für Transparenz
  41. Verpixeln oder nicht?
  42. Heiße Tage und Nächte
  43. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  44. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  45. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  46. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  47. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  48. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  49. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  50. Reichweite ist nicht alles

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