LESERANWALT

Empfehlung für mehr Transparenz

Bericht, Analyse, Wertung....
Übernommen aus einem Beitrag für mehr Transparenz und für die Erkennbarkeit von Analysen, in denen Meinung steckt. Aus d...

Wenn in einem Artikel zweier Autoren (Christian Grimm und Holger Sabinsky-Wolf) zu lesen ist, dass die Große Koalition taumelt und die Grünen bereitstünden, sie abzulösen, ist das eine Bewertung dieser Autoren. Sie zitieren dazu Grünen-Chefin Annalena Baerbock: „Wenn eine Regierung nicht handlungsfähig ist, haben die Menschen ein Recht darauf, eine neue Regierung zu wählen.“ Dazu erklären die Autoren weiter, dass die Grünen Neuwahlen „jedenfalls am wenigsten fürchten“ müssten, „schließlich haben sie die Union zumindest in einer Umfrage gerade erst als stärkste Kraft abgelöst“. Nachzulesen auf der Titelseite der Zeitung vom 4.6.2019 (Kopie am Ende dieses Beitrages).

 

Unterschiedliche Wertungen

Das alles stand so auf dem Titel unter der insgesamt wertenden Überschrift: „Grüne drängen auf Neuwahlen“. Zu dieser Ansicht über das Verhalten der Grünen kann man angesichts der politischen Vorgänge durchaus kommen, obwohl das so klar im Text nicht deutlich wird. Wie auch immer: Dass die Grünen „drängen“ bleibt eine Bewertung und ist keine Nachricht. Die ist über einem Artikel, der weder als Analyse noch als Meinung ausgewiesen ist (auch nicht optisch), fehl am Platze. Leser T.L. aus dem Lkrs. Würzburg bezeichnet die Überschrift sogar als „schlichtweg falsch“. Sie suggeriere, „dass die Grünen sofort auf Wahlen drängen würden, was angesichts der letzten Erfolge natürlich verständlich wäre. Dass tun sie aber gar nicht.“ Diese Ansicht von Herrn T.G. ist als solche berechtigt, aber ebenfalls nur Wertung.

 

Wertende Botschaft in der Überschrift

Zu befürchten ist: Wer alleine die Überschrift liest, nimmt folglich nur eine wertende Botschaft mit und die gleich einer Nachricht. Die Wertung ist der Redaktion der Zeitung zuzuordnen, die in der Regel die Schlagzeilen macht und verantworten muss. Wer den gesamten Text liest, stößt auf weitere Bewertungen von Politiker-Aussagen. So ist die kommissarische Führung der SPD als „Verlegenheits-Troika“ bezeichnet. Diese Einordnung ist grundsätzlich zulässig. Vergleichbar kann sie in Analysen durchaus vorkommen. Deren Autoren sind meist Korrespondenten aus Hauptstädten. Sie kommen aber auch in Reportagen und Hintergrundberichten vor. Es muss aber im Text jederzeit deutlich sein, wo die gesicherte Nachricht endet und wo Wertungen und Einordnungen der Autoren beginnen. Jene Überschrift lässt das leider offen.

 

Was man nicht erfährt

Analysen, Meinungsberichte, Hintergrundtexte oder Reportagen sind also Gattungen, in denen Bewertungen vorkommen. Sie sollten der Leserschaft erkennbar als solche übergeben und zuweilen in ihrer Eigenart erklärt werden. Beim vorliegenden Beitrag – wie oft bei  politischen Analysen – ist nichts von alledem angesagt. Man erfährt auch nicht, dass einer der Autoren (Grimm) Berlin-Korrespondent ist und der andere Politik-Redakteur bei der Augsburger Allgemeinen (Siehe "Vorteile von Kooperationen ..." 2018), mit deren Redaktion man eng zusammenarbeitet. Keiner der beiden Journalisten findet sich im Zeitungsimpressum (Seite 2), weil das nur Verantworliche Redakteure aufführt.

 

Transparenz und Glaubwürdigkeit

Das ist leider nicht die Transparenz oder Quellenklarheit, wie sie Leser erwarten können und wie sie von Redaktionen im Sinne von Glaubwürdigkeit gerne als wichtig herausstellt werden. Unklarheiten bergen die Gefahr in sich, dass sie den häufig an Medien gerichteten Vorwurf verstärken, dass sie Nachricht und Meinung nicht sauber genug trennen würden. Darauf habe ich schon einmal im August 2018 hingewiesen. Der Titel damals: „Analysen sind Meinung". Heute verbessere ich meine Empfehlung von damals: Analysen „enthalten Wertungen“. Unter anderem das sollte deutlich werden.

Ergänzende Leseranwalt-Kolumnen:

"Interessenskonflikte von Autoren müssen erkennbar sein" (2017)

"Ein Plädoyer für Transparenz" - Ein trefflicher Beitrag meines verstorbnen Kollegen, Detlef Schönen (2018)

"Fragen und Antworten, die Fragen aufwerfen" (2018)

"Transparenz, Baustein für Glaubwürdigkeit" (2017)

"Eingestehen, wo das Wissen des Journalisten endet" (2017)

"Vom Bewusstsein für eine korrekte Überschrift im Stich gelassen" (2016)

"Kommentare, Meinungen und Wertungen müssen als solche erkennbar sein" (2009)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

"Grüne drängen auf Neuwahlen" - Main-Post-Titel vom 4.6.19
Artikel von der Titelseite der Zeitung vom 4. Juni 2018. Die Überschrift ist Wertung. Wer nicht weiter liest, könnte sic...

 

Rückblick

  1. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  2. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  3. Was nicht berichtet wurde
  4. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  5. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  6. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  7. Fotografierte Zeitgeschichte
  8. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  9. Persönlichkeitsschutz verletzt
  10. Empfehlung für mehr Transparenz
  11. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  12. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  13. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  14. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  15. Niemand muss anonym informieren
  16. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  17. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  18. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  19. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  20. Die Straftat und der Verdacht
  21. Kräftige Worte von Marcel Reif
  22. Das war keine Würdigung
  23. Das Missverständnis mit der Zensur
  24. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  25. Meinungen ertragen lernen
  26. Keine Schablone über Redaktionen legen
  27. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  28. Konzeptionelles Nachdenken
  29. Amtsperson war früher
  30. Fußball kann man überblättern
  31. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  32. Falsche Tatsache im Leserbrief
  33. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  34. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  35. Geschmackssache: Foto von Merz
  36. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  37. Ungleichgewicht in Zahlen
  38. Nachgeholte Berichtigungen
  39. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  40. Ein Plädoyer für Transparenz
  41. Verpixeln oder nicht?
  42. Heiße Tage und Nächte
  43. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  44. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  45. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  46. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  47. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  48. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  49. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  50. Reichweite ist nicht alles

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