LESERANWALT

Falsche Tatsache im Leserbrief

Weihnachtsbaum-Schmuck Symbolbild
Weihnachten ist den Berliner Märkten nicht genommen: Es gibt eine Menge Weihnachtsmärkte in der Hauptstadt. Wenn dies gelegentlich anders behauptet wird, ist das falsch. Das hier ist ein Symbolbild Für Weihnachten. Foto: Madison Muskopf (iStockphoto)

Fehler machen zuweilen auch Leserbriefautoren. Ob unabsichtlich oder nicht, sei dahingestellt. Wenn es sich aber eindeutig nachweisbar um Tatsachenbehauptungen handelt, die falsch sind, dann darf man von Redaktionen in ihrer journalistischen Verantwortung erwarten, dass sie diese gleich beim Leserbrief richtigstellen oder aber gar nicht erst veröffentlichen. Das geschieht dann zum Schutz des Einsenders und der Leserschaft. Hier geht es um "Weihnachten".

 

Die Rechtsprechung

Zunächst eine Erklärung: Die neuere Rechtsprechung erwartet von Redaktionen nicht mehr, dass sie Leserbriefe ebenso intensiv wie eigene Beiträge auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen (vgl. Soehring/Hoene, Presserecht, 5. Aufl. 2013, § 16, Rn. 19; auch Ricker/Weberling, Kap. 9, Rn. 17a). Dennoch sollten Redaktionen auch über Leserzuschriften nicht leichtfertig falsche Fakten verbreiten. Zu deren schneller Prüfung reicht gelegentlich sogar schon eine einfache Suche im Internet aus.

 

Falsche Tatsache behauptet

Dazu ein Beispiel aus einer Dezemberausgabe dieser Zeitung. Es ging in einem Leserbrief um die stark diskutierte Weihnachtskarte der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration. Die war bekanntlich ohne das Wort „Weihnachten“ verschickt worden. Zum Verzicht in der offiziellen Karte hieß es in der veröffentlichten Leser-Zuschrift unter anderem wörtlich: „Nachdem in der Hauptstadt die Weihnachtsmärkte in 'Wintermärkte´ umbenannt wurden, legt nun die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung nochmal nach“ (Siehe dazu Teilkopie am Ende dieses Beitrages). Eine generelle Umbenennung für die Weihnachtsmärkte Berlins, die gibt es aber nachweisbar nicht. Dazu muss man nur im Net unter „Berliner Weihnachtsmärkte“ nachfragen. Die falsche Behauptung war schon zuvor in den Netzwerken des Internets als Fake enttarnt worden. Siehe auch Tagesspiegel: "Weihnachtsmärkte in Berlin"

 

Redaktionelle Verantwortung

Auch wenn Leserbriefe vorwiegend Meinungsäußerungen darstellen, sollte die Redaktion in einem solchen Fall ihrer Verantwortung für die Verbreitung im Sinne ihrer Sorgfaltspflicht voll gerecht werden und sollte die falsche Tatsache weglassen oder kenntlich machen. Das gilt für mich hier über die pure Orientierung an der Rechtsprechung hinaus, also trotz eines beständigen und eindeutig sichtbaren Hinweises, dass Leserbriefe nicht die Meinung von Redaktion und Verlag wiedergeben. Aber im zitierten Beispiel geht es eben nicht mehr um Meinungsäußerung oder Interpretation einer Veröffentlichung, sondern einfach um Verbreitung einer falschen Tatsache, auf die sich eine Meinung stützt. Bei Leserbriefen sollte die Verpflichtung auf die Wahrhaftigkeit nicht enden.

Falsche Tatsachenbehauptungen sollte die Redaktion natürlich auch in Nutzer-Kommentaren im Internet auf mainpost.de nicht zulassen.

 

Leserschaft alleine gelassen

Vertrauen in eine Zeitung und in ihre Glaubwürdigkeit haben nur dann Bestand, wenn falsche Fakten enttarnt werden und die Leserschaft nicht damit alleine gelassen wird. Letzteres ist leider hier zu beklagen. Um Missverständnissen vorzubeugen, wiederhole ich: Es geht darum, die Verbreitung nachweisbar falscher Tatsachen zu verhindern, nicht etwa ums Streichen unliebsamer Meinungen in Leserbriefen.

Frühere Leseranwalt-Kolumnen zum Thema:

"Eine Meinung ist nicht mit Beweismitteln auf ihre Richtigkeit zu überprüfen" (2017)

 "Lesern ist in ihren Briefen mehr erlaubt, als Journalisten in ihren Artikeln" (2012)

"Auch wenn Leser mal Klartext schreiben, müssen Tatsachen nachweislich wahr nnd richtig sein" (2012)

"Falsche Fakten sollten auch in Nutzer-Kommentaren nicht verbreitet werden" (2017)

 

Leserbrief-Ausschnitt aus Dez.18
Diese hier angestrichene Umbenennung der Weihnachtsmärkte Berlins, die gibt es nicht. Das ist also nachprüfbar eine fals... Foto: Sahlender

 

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

 

 

Rückblick

  1. Eine Beteiligte hat berichtet
  2. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  3. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  4. Raser und ihre Fahrzeuge
  5. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  6. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  7. Was nicht berichtet wurde
  8. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  9. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  10. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  11. Fotografierte Zeitgeschichte
  12. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  13. Persönlichkeitsschutz verletzt
  14. Empfehlung für mehr Transparenz
  15. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  16. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  17. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  18. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  19. Niemand muss anonym informieren
  20. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  21. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  22. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  23. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  24. Die Straftat und der Verdacht
  25. Kräftige Worte von Marcel Reif
  26. Das war keine Würdigung
  27. Das Missverständnis mit der Zensur
  28. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  29. Meinungen ertragen lernen
  30. Keine Schablone über Redaktionen legen
  31. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  32. Konzeptionelles Nachdenken
  33. Amtsperson war früher
  34. Fußball kann man überblättern
  35. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  36. Falsche Tatsache im Leserbrief
  37. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  38. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  39. Geschmackssache: Foto von Merz
  40. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  41. Ungleichgewicht in Zahlen
  42. Nachgeholte Berichtigungen
  43. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  44. Ein Plädoyer für Transparenz
  45. Verpixeln oder nicht?
  46. Heiße Tage und Nächte
  47. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  48. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  49. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  50. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis

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