LESERANWALT

Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie

Ein Archivbild aus 2018 mit der Unterzeile von damals: "Wir sind alle Deutschland: Imam Malik Usman Naveed erläutert die Kampagne der Ahmadiyya-Muslime für Frieden und Toleranz, welche die Reformbewegung im Islam in Stadt und Landkreis Schweinfurt vorstellen wird." Eines von vie... Foto: Stefan Sauer

"Ich werde Ihre Zeitung auch weiterhin lesen", schreibt mir Leser H.H nach einem kontroversen Schriftwechsel. Nicht weil ihm alles in der Zeitung gefalle, sondern weil ihn die „Grüne Entwicklung“ der Redaktion interessiere. Die sei in der Berichterstattung nicht zu übersehen.

Diese Feststellung respektiere ich als des Lesers Meinung, auch wenn ich sie nicht teile. Es handelt sich um eine Entwicklung, die nicht aus der Redaktion kommt. Da wird Ursache und Wirkung verwechselt.

 

Ein verfehlter Vergleich

Doch nun folgt in des Lesers Zuschrift ein im vorliegenden Zusammenhang arg verfehlter Vergleich. Ich zitiere H.H.: „Wir haben unseren Eltern vorgeworfen in der Hitler-Zeit nicht gegen das verbrecherische Nazi-Regime protestiert zu haben. Es gab eine Erklärung dazu. Für die Menschen, die den Mut hatten das Unrecht anzuprangern, war es das Gefängnis oder die Todesstrafe. Heute können wir uns offen in Wort, Schrift und Bild äußern. Ich mache das, um nicht von meinen Kindern und Enkeln einst in die Ecke eines Feiglings gerückt zu werden, der als Duckmäuser zu allem geschwiegen hat. Denn irgendwann werden uns unsere Enkel fragen: 'Warum habt ihr den radikalen Islam zugelassen unser Land zu übernehmen'.“

 

Die Freiheit nutzen

Bestätigt habe ich Herrn H.H., dass es richtig ist, die Freiheit zu nutzen und mit Meinungen nicht hinter dem Berg zu halten. Aber die Verknüpfung der Hitler-Diktatur mit der gegenwärtigen Entwicklung habe ich als "voll daneben" bezeichnet. Das passt nicht und verharmlost ein schreckliches und menschenverachtendes Regime.

Außerdem besteht bekanntlich keine Gefahr, dass der radikale Islam unser Land übernehmen kann. "Auf Deutschland bezogen wäre eine solche Gefahr durch die rund 6 Prozent Muslim*innen, die hier leben, vollkommen unrealistisch", heißt es in einem Glossar der neuen Deutschen Medienmacher*innen.  Siehe Glossar, Neue Deutsche Medienmacher, Seiten 22 bis 30. Zu leugnen ist darüber nicht, dass vom radikalen Islam zweifellos Gefahren ausgehen.

 

Mehrheit kommt aus christlich geprägten Ländern

Es gibt keine Zahlen, so entnehme ich es dem genannten Glossar, die überhaupt ernsthaft für eine Islamisierung Deutschlands sprechen. Bereits bei der Frage wie viele Muslim*innen in Deutschland leben, gibt es Differenzen: Die offizielle Angabe von 4,4 bis 5 Millionen (Stand Dez.16) muslimischen Einwohner*innen ist beispielsweise eine Hochrechnung, bei der vor allem nach Herkunftsland und nicht nach Religiosität gezählt wird. In jedem Fall aber steht fest: Die Mehrheit der eingewanderten Menschen in Deutschland kommt nicht aus islamischen Ländern, sondern aus christlich geprägten. Siehe auch: Bundesamt für Migration und Flüchtline zur Zahl der Muslime in Deutschland.

 

Es geht nicht um die Partei

Wir verzeichnen stattdessen eine erfreuliche Entwicklung hin zu mehr Toleranz im Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen. In unserer freiheitlichen Demokratie, ist es den Grünen zuletzt zweifellos gelungen, Akzente zu setzen, obwohl sie in Berlin nicht in der Regierungsverantwortung sind. Wenn Medien über diese aktuelle Entwicklung berichten und sie in Kommentaren gutheißen, bedeutet das nicht, dass ihre Überparteilichkeit aufgegeben haben. Es geht alleine um das Thema, nicht um die Partei.

 

Verschwörungstheorie

Dieser Text richtet sich speziell gegen den vorliegenden Nazi-Vergleich. Solche Vergleiche liegen bekanntlich fast immer weit daneben, vor allem wenn sie an aktuelle Entwicklungen anknüpfen. Überdies gilt der Begriff „Islamisierung“ als Verschwörungstheorie. Das Narrativ konstruiere einen Gegensatz zwischen "Wir" und "die anderen" und werte alles Fremde ab. Dass beidseitiger kultureller Austausch auch eine Bereicherung bieten kann, wird völlig verkannt. So berücksichtige die These zum Beispiel von vornherein keine deutschen Musliminnen und Muslime, die hier geboren wurden. Diese Sätze sind einem erläuternden Text der Bundeszentrale für politische Bildung entnommen.

 

Wünsche, nicht nur für Herrn H.H.

Es könnte sein, Herr H.H., so habe ich dem Mann sinngemäß geschrieben, dass ihre Enkel noch dankbar sind, für die Entwicklung, die derzeit (hoffentlich rechtzeitig für das Klima) eingesetzt hat, einerseits für den Stopp übermäßiger menschengemachter Belastungen dieser Erde und andererseits dafür, dass Deutschland nun -  im krassen Gegensatz zu Nazi-Deutschland - ein freundliches Gesicht zeigt. So wünsche ich auch Herrn H.H., dass er weiterhin offene Grenzen in Europa nutzen darf und mindestens die Dankbarkeit seiner Enkel noch erlebt, die - wer weiß - vielleicht mit vielen anderen Kindern und Enkeln freitags auf der Straße sind.

Ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

"Vergleiche mit der nationalzozialistischen Vergangenheit werden gestrichen" (2009)

"Der verbrämte Nazi-Vergleich" (2018)

"Das war keine Würdigung" (2019)

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"Nach einem kritischen Leitartikel über Guttenberg droht Liebesentzug" (2011)

"Warum es in der Redaktion selten nur eine Meinung geben kann" (2015)

"Keine Schablone über Redaktionen legen" (2019)

"Veröffentlichung von Leserkommentaren sind keine Übernahme von Meinungen über Ereignisse oder Personen durch die Redaktion" (2015)

Von Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Rückblick

  1. Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen
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  3. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
  4. Auch Leugner haben das Wort
  5. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
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  7. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  8. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  9. Raser und ihre Fahrzeuge
  10. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  11. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  12. Was nicht berichtet wurde
  13. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  14. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  15. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  16. Fotografierte Zeitgeschichte
  17. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  18. Persönlichkeitsschutz verletzt
  19. Empfehlung für mehr Transparenz
  20. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  21. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  22. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  23. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  24. Niemand muss anonym informieren
  25. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  26. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  27. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  28. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  29. Die Straftat und der Verdacht
  30. Kräftige Worte von Marcel Reif
  31. Das war keine Würdigung
  32. Das Missverständnis mit der Zensur
  33. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  34. Meinungen ertragen lernen
  35. Keine Schablone über Redaktionen legen
  36. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  37. Konzeptionelles Nachdenken
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  39. Fußball kann man überblättern
  40. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  41. Falsche Tatsache im Leserbrief
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  43. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  44. Geschmackssache: Foto von Merz
  45. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  46. Ungleichgewicht in Zahlen
  47. Nachgeholte Berichtigungen
  48. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  49. Ein Plädoyer für Transparenz
  50. Verpixeln oder nicht?

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