LESERANWALT

Gestellte Wein- und Bierseligkeit

Eröffnung Frühjahrsvolksfest . Beitrag vom 1.4.19
Gestellte Bierseligkeit zur Festeröffnung.

Wie weit geht die Verantwortung einer Redaktion für das, was sie veröffentlicht? Dass sie über Recht und Ethik hinausreicht, zeigt sich auch in Leserkritik. Dennoch sollten zu viele Vorbehalte, auch wenn sie nachvollziehbar sind, nicht verhindern, dass Wirklichkeit vollständig vermittelt wird. Dazu ein Beispiel. Urteilen Sie selbst.

 

Elf Maßkrüge

Am 1. April war der Würzburger Lokalteil mit einem großen Bild zur Eröffnung der Frühjahrsvolksfestes aufgemacht (siehe oben). Zu sehen ist eine lange Reihe von Persönlichkeiten, darunter Kommunalpolitiker mit der Bayerischen Bierkönigin. Wenn ich richtig gezählt habe, halten Frauen und Männer dem Fotografen elf Maßkrüge entgegen. „Das sind wohl die Vorbilder?“, fragt Leser W.B. und bezieht die Frage auf eine direkt neben dem Bild platzierte Meldung. Deren Überschrift sagt fast schon alles: „Über Autos gelaufen“/„14-Jähriger mit 0,8 Promille“. (Kopie der Meldung am Textende)

 

Immer Gläser in den Händen

Jede/r auf dem Foto, so sie/er den Krug ausgetrunken hat, sei wohl ebenfalls 0,8 Promille nahe gekommen, mutmaßt W.B.. Und ganz wichtig im Bericht wäre wohl die Anzahl der Schläge, die der Oberbürgermeister zum Anzapfen gebraucht hat. "Offenbar eine Schlüsselqualifikation für sein Amt", ätzt er. Kaum einen Tag, so W.B., bei dem die Zeitung (was wohl auch für die Online-Angebote gilt) nicht mit Bildern über Weinfeste, Weinkönigin und -Prinzessinnen berichte - das immer mit Gläsern in den Händen. Schon nach dem politischen Aschermittwoch seien die Grünen mit Maßkrügen zu sehen gewesen. Auf der selben Seite war über ein Alkoholdelikt berichtet.

W.B. fragt nach: Wird diese Zusammenstellung der Beiträge von der Redaktion im Kontext gesehen? Und wie verpflichtet ist die Zeitung der Wein- und Bierwirtschaft, dass sie so unkritisch berichtet?

 

Spiegelbild der Gesellschaft

Eine solche Verpflichtung gibt es natürlich nicht. Und es ist eben ein Spiegelbild der Gesellschaft, das in einer Zeitung sichtbar wird: Bierseligkeit neben Alkoholdelikt. Und solche Wirklichkeit erreicht ungeschminkt die Leserschaft. Bald, im Frühjahr, wenn die Festsaison beginnt, wird sich wohl wieder eine lange Reihe vergleichbarer Fotos anbieten.

 

Mehr Kreativität erwartet

Ob ein Zusammenhang zwischen der kritisierten Berichterstattung und den Alkoholdelikten besteht, will ich weder unterstellen, noch ausschließen. Aber der Hinweis von Herrn W.B. kommt rechtzeitig. Scheint es doch unvermeidlich zu sein, dass sich offizielle Festeröffnungen mit ihrer gestellten Wein- und Bierseligkeit gleichen. Das sollte nämlich nicht bedeuten, dass darüber auch immer wieder ebenso bier- oder weinselig berichtet wird. Auch um der Abwechslung willen, wären andere Bildangebote angesagt. Dies sei in erster Linie den Fotografen und verantwortlichen Redaktionen ans Herz gelegt und ein bisschen auch den Veranstaltern. Wir erwarten etwas mehr Kreativität.

Ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

"Gesellschaftliche Probleme dürfen in den Medien nicht versteckt werden" (2009)

"Muss denn ein Wildpinkler beim Festbetrieb wirklich in der Zeitung stehen?" (2013)

"Warum das unsportliche Ergebnis einer Wette von Jugendlichen veröffentlicht worden ist" (2015)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Über Autos gelaufen. Main-Post WÜ 1.4.19
Meldung neben einer bierseligen Festeröffnung. Dazu hat ein Leser Fragen ...

Rückblick

  1. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  2. Eine Beteiligte hat berichtet
  3. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  4. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  5. Raser und ihre Fahrzeuge
  6. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  7. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  8. Was nicht berichtet wurde
  9. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  10. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  11. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  12. Fotografierte Zeitgeschichte
  13. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  14. Persönlichkeitsschutz verletzt
  15. Empfehlung für mehr Transparenz
  16. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  17. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  18. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  19. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  20. Niemand muss anonym informieren
  21. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  22. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  23. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  24. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  25. Die Straftat und der Verdacht
  26. Kräftige Worte von Marcel Reif
  27. Das war keine Würdigung
  28. Das Missverständnis mit der Zensur
  29. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  30. Meinungen ertragen lernen
  31. Keine Schablone über Redaktionen legen
  32. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  33. Konzeptionelles Nachdenken
  34. Amtsperson war früher
  35. Fußball kann man überblättern
  36. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  37. Falsche Tatsache im Leserbrief
  38. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  39. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  40. Geschmackssache: Foto von Merz
  41. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  42. Ungleichgewicht in Zahlen
  43. Nachgeholte Berichtigungen
  44. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  45. Ein Plädoyer für Transparenz
  46. Verpixeln oder nicht?
  47. Heiße Tage und Nächte
  48. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  49. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  50. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung

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