LESERANWALT

Herkunft von Nachrichten offenlegen

Wie durch eine nagelneue glasklare Fensterscheibe sollen Nachrichten in Medien erkennbar sein. Symbolisch dafür möge ein... Foto: Andreas Brachs

Transparenz im Journalismus ist wichtig, das sagt auch der Deutsche Presserat. Zwei Entscheidungen entnehme ich deshalb seiner jüngsten Pressemitteilung. Sie sind auch für Lokalzeitungen von Bedeutung. Sie stehen für Klarheit über die Herkunft von Nachrichten. Den Presseratsentscheidungen füge ich jeweils eine Erklärung an. 

 

Fehler weiter verbreitet

Ein Leser beschwerte sich wegen mehrerer Berichte über eine Berliner Demonstration gegen die geplante Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem. Grund: Bundesweit hatten Medien behauptet, aus der Demonstration heraus sei von einer signifikanten Menge minutenlang „Tod den Juden“ skandiert worden. Später stellte sich heraus, dass es nur vereinzelt solche Zwischenrufe gab. Zahlreiche Medien hatten sich auf einen regionalen Zeitungsbericht mit diesem Fehler verlassen.

 

Eigene Recherchen nicht vernachlässigen

Der Presserat weist hier auf eine Verletzung der Sorgfaltspflicht hin. Die ungeprüfte Veröffentlichung von Aussagen aus anderen Medien verstößt gegen den Pressekodex. Er appelliert an Redaktionen, eigene Recherchen trotz Zeitnot nicht zu vernachlässigen.

 

Übernahme durchschaubar machen

Dem wichtigen Appell des Presserates füge ich erklärend hinzu, dass es vielfach für Lokalzeitungen nicht möglich ist, Meldungen aus entfernten Regionen zu überprüfen, wenn sie die aus anderen Medien übernehmen. Wird aber übernommen, sei es weil eine Nachricht aktuell Bedeutung besitzt, dann muss das durchschaubar gemacht werden. Das muss durch den Hinweis darauf geschehen, von wem die Nachricht kommt und durch die Erklärung, dass sie von der eigenen Redaktion nicht auf Korrektheit überprüft werden konnte. So entgeht man einer Sanktion des Presserates und im schlimmsten Fall rechtlichen Konsequenzen.

 

Die Rüge

Eine Rüge (die schwerste Sanktion des Presserates) traf Kölner Stadtanzeiger und Kölnische Rundschau. Sie haben gegen die Kodex-Richtlinien 1.3 und 6.1. verstoßen. Beide Zeitungen haben Pressemitteilungen einer Agentur in ihren Veröffentlichungen für Leser nicht nachvollziehbar gekennzeichnet. Das ist aber wichtig gewesen, denn die Agentur ist Pressestelle einer Kommune, verantwortet deren Pressemitteilungen und beantwortet für sie Medien-Anfragen. Das Problem: Sie berichtet auch noch für Redaktionen der Zeitung über lokale Themen.

 

Gefährdung der Glaubwürdigkeit

Die Agentur-Beiträge wurden in Veröffentlichungen der Zeitungen (gedruckt und online) aber in gleicher Weise mit Namen bzw. Kürzel der Agentur gekennzeichnet. So blieb Lesern unklar, ob es sich bei den Artikeln um kommunale Pressemitteilungen, um Antworten auf redaktionelle Anfragen oder um Texte im Auftrag der Redaktion handelte. Diese Praxis gefährdet nach Ansicht des Presserats die Glaubwürdigkeit der Medien. Und mit dieser Ansicht steht der Presserat wahrhaftig nicht alleine.

 

Geschrumpfter Markt

Zu dem Kölner Fall halte ich fest, dass es solche nicht gerade glücklichen Doppelkonstruktionen von abhängigem und unabhängigem Journalismus nicht selten gibt. Sie sind auch ein Ergebnis des geschrumpften Marktes journalistischer Medien. Freie Journalisten oder für Agenturen wollen durch abhängige Aufträge aus Kommunen oder Unternehmen für mehr Wirtschaftlichkeit sorgen.

Andere Leseranwalt-Kolumnen zur Transparenz:

"Transparenz, Baustein für Glaubwürdigkeit" (2017)

"Die Abkürzung für eine Nachrichtenagentur genügt nicht immer der notwendigen Quellenklarheit" (2013)

"Ein guter Vorsatz, mehr Quellenklarheit" (2016)

"Wenn ein Berichterstatter in das berichtete Ereignis selbst eingebunden war" (2013)

"Einem Interview fehlt der Interviewer" (2015)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

 

Rückblick

  1. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  2. Ein Plädoyer für Transparenz
  3. Verpixeln oder nicht?
  4. Heiße Tage und Nächte
  5. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  6. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  7. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  8. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  9. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  10. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  11. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  12. Reichweite ist nicht alles
  13. Lehren für den Journalismus
  14. Kritikwürdiges Boulevardstück
  15. Analysen sind Meinung
  16. Wer hat hier Kummer mit wem?
  17. Treffende Argumente statt zuspitzender Worte
  18. Die überflüssige Ohrfeige
  19. Wenn Söder im Bericht plötzlich ätzt
  20. Der verbrämte Nazi-Vergleich
  21. Worte an WM-Desinteressierte
  22. Herkunft von Nachrichten offenlegen
  23. Kreuzerlass: Vorwurf einer falschen Behauptung
  24. Versuchte Einschüchterung
  25. Keine mildernden Umstände für ängstlichen Leser
  26. Disskussionsmüll vermeiden
  27. Wider höfliche Antwort-Phrasen
  28. Trotz Kürzung: Kern der Nachricht blieb
  29. Fragen und Antworten, die Fragen aufwerfen
  30. Die "Kastelruther Spatzen" und die Banalität
  31. Es ist sinnvoll, in öffentlichen Veranstaltungen Medienvertreter zu begrüßen
  32. Liefern Journalisten nur das, was Konsumenten haben wollen?
  33. Leserbriefe stärken den demokratischen Diskurs
  34. Ausweis für die besondere Rolle in der Demokratie
  35. Beiträge über Dorothee Bär gefährden keine Überparteilichkeit
  36. Pause zur Entspannung
  37. Technologische Risiken und Nebenwirkungen für das Gemeinwesen
  38. Quellenangaben gegen Fakes
  39. Unfall: Verharmlosende oder spaßige Überschrift vermeiden
  40. Die neue Lebensgefährtin ist nun als Nachricht durch
  41. Enttäuschung und Erwartung am Jahresende 2017
  42. Der Leseranwalt: Journalisten sollten nicht nur zu Ihnen reden, sondern auch mit Ihnen
  43. Zeit für Gespräche mit dem Publikum nehmen
  44. Journalistischer Respekt vor demokratischer Entscheidung
  45. Die Herausforderung: Vom Streit zum Dialog
  46. Rathaus kann Leserkritik nicht aushebeln
  47. Vertrauen einer Leserin enttäuscht
  48. Am Ende der Warteschleife ist Empathie gefragt
  49. Was Auszeichnungen und Fehler verbindet
  50. Transparenz: Baustein für Glaubwürdigkeit

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