LESERANWALT

Im Kampf gegen falsche Nachrichten

Werbeanzeige aus Zeitung vom Dienstag, 26. Februar 2019
Werbeanzeige für verantwortlichen Journalismus, die auch auf Kritik stößt. Hier ein Ausschnitt aus der ganzseitigen Zeitungsanzeige. Übernommen ist sie einem Angebot der Zeitungs- und Zeitschriftenverlegerverbände: Siehe auch www.jedeswortwert.de .

Qualität und Objektivität erscheinen dem Leser J.H. in der Zeitung „nicht oder nur begrenzt vorhanden“. So kritisiert er eine Eigenanzeige mit dem Text: „Meine Zeitung, jedeswortwert.de, Alternative Fakten gehören K.O.! Ich will Journalismus mit Verantwortung“ (Zeitung vom 26.2.). Darauf komme ich zurück.

 

Emotionale Ärgernisse

Zunächst aber noch zu Leser J.C.: Der erkennt „linksgrüne Tendenzen“ bei („kommentierten“) Artikeln. Bezeichnet das aber selbst als „subjektiv“. Kommentare und Stellungnahmen, besonders auf Seite 2, seien im vergangenen Jahr für ihn, der „konservativ“ grüßt, emotional ein großes Ärgernis gewesen. Er will, dass Kommentare klar gekennzeichnet sind. Ansonsten solle, beschränkt auf Tatsachen, rein sachlich berichtet werden.

Richtig. Das betrifft ein altes, aber immer wiederkehrendes Thema. So bedarf die journalistische Praxis der wichtigen Trennung von Nachricht und Meinung erneut einer Erklärung.

 

Wenn sich Nachricht und Meinung begegnen

Seite 2 der Zeitung ist schon im Kopf mit „MEINUNG“ gekennzeichnet. Darunter finden sich Leserkommentare, Gastbeiträge von Experten und Karikaturen. Speziell die Experten analysieren Zeitgeschehen aus ihrer Sicht. So begegnen sich in vielen Texten die Fakten und deren Beurteilung direkt. Das ist zulässig. Zwei entsprechend gekennzeichnete Artikel sind nicht unbedingt notwendig. Das setzt aber voraus, dass der Autor, der namentlich genannt sein muss, jederzeit erkennbar macht, wo die Nachricht endet und seine Meinung, Bewertung oder Analyse beginnt. So entstehen auch Hintergrundartikel. Die sollen Ereignisse einordnen und mit mehr Tiefe erschließen.

 

Es kann Partei ergriffen werden

Wer in Artikeln Tendenzen wahrnimmt, etwa „linksgrün“, was er dann auch immer darunter versteht, sollte nicht gleich die Überparteilichkeit oder angestrebte Objektivität der Zeitung anzweifeln. Denn in der Sache kann Partei ergriffen werden. Dafür stehen dann Sachargumente und kein Bekenntnis zu einer Partei. Das ist Teil von Pressefreiheit, ebenso wie es jedem freisteht, sich dazu eine eigene, andere Meinung zu bilden.

 

Ganzseitig und plakativ

Zurück zur Eigenanzeige. Sie stellt kurz, knapp, aber ganzseitig plakativ, im Bild mit einer Boxerin, den Kampf eines ganzen Mediums gegen falsche Nachrichten und für verantwortlichen Journalismus auch in schwierigen Zeiten heraus (Siehe Kopie am Ende des Textes). Wiederholt werden dabei missverständliche, weil verschleiernde Worte, mit denen ursprünglich Lügen begründet wurden („Alternative Fakten“). Dabei muss man auf den Durchblick der Betrachter setzen.

 

Mit Journalismus für Journalismus

Die Anzeige (Kopie siehe unten) muss nicht gefallen, auch mir als Journalist nicht. Ich mag schlagwortartige Verkürzungen nicht. Der zeitungskritische Leser M.R. droht ob der Anzeige sogar mit Abbestellung. Seine überzeichnende Interpretation für deren Aussage ist die Androhung von Prügel ("auf die Fresse geben") für missliebige Personen und Lügner.

Anzeigen sollen eben Wirkung erzielen. Zeitungen nutzen sie gerne selbst. Aber weil sie eben im Sinne ihrer Auftraggeber für Interessen oder Produkte werben, tragen sie einen Widerspruch zu unabhängigem Journalismus in sich. Der ist der Wahrhaftigkeit verpflichtet. Der Schlüssel liegt hier nicht bei Anzeigen: Er liegt alleine bei den Journalisten. Sie müssen selbst überzeugen: mit Journalismus für Journalismus.

Hier mehr zur Erklärung der Anzeige: www.jedeswortwert.de . Bilden Sie sich selbst eine Meinung dazu.

Frühere ähnliche Leseranwalt-Kolumnen zum Thema:

"Analysen sind Meinung" (2018)

"Kommentare, Meinungen und Wertungen müssen als solche erkennbar sein" (2009)

"Auch die Fastnachtszeit macht ehemaligen Wirtschaftsminister nicht zum Journalistik-Professor" (2012)

 Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch: www.vdmo.de

 

Anzeige für verantwortlichen Journalismus vom 26.2.19
Ganzseitige Anzeige aus der Main-Post vom 26. Februar 2019. Werbung für verantwortlichen Journalismus. Mehr: www.jedeswo...

 

Rückblick

  1. Fotografierte Zeitgeschichte
  2. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  3. Persönlichkeitsschutz verletzt
  4. Empfehlung für mehr Transparenz
  5. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  6. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  7. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  8. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  9. Niemand muss anonym informieren
  10. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  11. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  12. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  13. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  14. Die Straftat und der Verdacht
  15. Kräftige Worte von Marcel Reif
  16. Das war keine Würdigung
  17. Das Missverständnis mit der Zensur
  18. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  19. Meinungen ertragen lernen
  20. Keine Schablone über Redaktionen legen
  21. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  22. Konzeptionelles Nachdenken
  23. Amtsperson war früher
  24. Fußball kann man überblättern
  25. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  26. Falsche Tatsache im Leserbrief
  27. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  28. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  29. Geschmackssache: Foto von Merz
  30. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  31. Ungleichgewicht in Zahlen
  32. Nachgeholte Berichtigungen
  33. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  34. Ein Plädoyer für Transparenz
  35. Verpixeln oder nicht?
  36. Heiße Tage und Nächte
  37. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  38. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  39. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  40. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  41. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  42. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  43. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  44. Reichweite ist nicht alles
  45. Lehren für den Journalismus
  46. Kritikwürdiges Boulevardstück
  47. Analysen sind Meinung
  48. Wer hat hier Kummer mit wem?
  49. Treffende Argumente statt zuspitzender Worte
  50. Die überflüssige Ohrfeige

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