Interessengruppen haben keinen Einfluss auf redaktionelle Entscheidungen

Aufgebrachte Diskussion: „Die Krawallmacher sind hinter der Grundstücksmauer.“ Demonstranten der bunten Bündnisse protestieren gegenüber Polizeieinsatzleiter Markus Hack heftig gegen den Platzverweis, den er auf Veranstalterwunsch gegen die Nazigegner ausgesprochen hat. Foto: Josef Lamber
Ein Nachspiel hat die Berichterstattung auf der Titelseite vom 27. Mai in diesen Tagen. Inhalt waren die Vorgänge rund um einen Gottesdienst am Pfingstsonntag, mit dem der Widerstand gegen die Landes-Niederlassung einer Neo-Nazipartei in der Gemeinde Stammheim deutlich gemacht wurde („Bunt“-Transparente zu politisch?). Gekommen waren dazu auswärtige Unterstützer der Bewegung „Stammheim ist bunt“. Sie zeigten sich solidarisch mit den Gegnern der Neo-Naziniederlassung. Darunter auch ein Redakteur der Main-Post und des Schweinfurter Tagblattes.

Eindrücke des Berichterstatters
Der Redakteur, der eigentlich aus Solidarität zu "Stammheim ist bunt" nur privat gekommen war, hat sich angesichts des Geschehens vor Ort dann doch entschlossen, als Journalist seine Eindrücke zu schildern. Solche spontanen Entschlüsse sind keine Seltenheit bei Journalisten. Unter den Eindrücken, die dem Mann in Stammheim begegneten, war nämlich auch der, dass einige Stammheimer die Gegendemonstranten für das größere Problem zu halten schienen, als die neue Nazi-Landeszentrale in der Ortsmitte. Und er hat in dem Bericht vom 27. Mai geschrieben, dass sich die herbeigerufenen solidarischen Unterstützer von auswärts durch den örtlichen Organisationsleiter vor den Kopf gestoßen fühlten, weil der verlangte, dass sie ihre politisch unerwünschten Transparente einrollen. Das war das Stimmungsbild, das sich dem Journalisten besonders vermittelt hat, gerade weil er als Teilnehmer erschienen war. Das sind Vorgänge, die offiziellen Medienvertretern gelegentlich vielleicht etwas weniger erschließen, als unmittelbar beteiligten. Offiziell war nämlich am Vortag schon sehr ausführlich auf einer Sonderseite von der Veranstaltung berichtet worden ("Stammheim stemmt sich gegen Rechts"). Außerdem gab es auch am Vortag einen Leitartikel ("Je bunter der Protest, desto besser") und ein Foto auf der Titelseite. Das heißt, über das Ereignis ist insgesamt nicht nur überaus umfangreich berichtet worden, sondern es war auch positiv dargestellt.

Meinung des Berichterstatters
Der Ablauf der Veranstaltung ist aber auch vom Spontan-Berichterstatter am Folgetag noch einmal chronologisch kurz beschrieben. In einem Meinungsbeitrag („So vergrault man Verbündete“) hat er dann den Umgang mit den auswärtigen Gegendemonstranten kritisiert. Alles journalistisch korrekt. Sprachlich wäre anzumerken, dass dann, wenn ein Vorgang nur so zu sein "schien", vom Autor eingeräumt wird, dass es eigentlich anders gewesen ist. Aber dieses Verb ist wohl in der Diskussion zu vernachlässigen, weil diese Art und Weise dieser Berichterstattung den Stammheimer Veranstaltern nicht gefallen hat. Das ließ mich deren Sprecher wissen. Der zuständigen Redaktion war der Beitrag dagegen wichtig genug, um auf dem Titel veröffentlicht zu werden. Zumal die Nazi-Niederlassung in Stammheim schon zuvor in der Region auf viel kritische Aufmerksamkeit gestoßen war und die Gegenbewegung von großer Sympathie begleitet wurde.

Das journalistische Versäumnis
Ein journalistisches Versäumnis erkenne ich freilich darin, dass den Lesern leider nicht mitgeteilt wurde, dass der Autor eigentlich als Sympathisant von "Stammheim ist bunt" vor Ort gewesen ist. Das ist eine Transparenz, die man vom Journalismus erwarten kann. Sie trägt zum Verständnis und zur besseren Einordnung bei. Und das wäre angesichts der eigentlichen Absicht des Journalisten und der überaus ausführlichen Berichterstattung am Vortag speziell in diesem Fall wichtig gewesen.

Ablehnung des Berichterstatters
In der Folge legen die "Stammheim ist bunt“-Veranstalter auf eine künftige Berichterstattung in und über Stammheim durch jenen kritischen Journalisten, der sich als Verbündeter vergrault sah, keinen Wert. Das teilte mir deren Sprecher mit. Und er wurde noch deutlicher: Man wolle diesen Herrn als Berichterstatter dieser Zeitung in Stammheim nicht mehr sehen. Stattdessen ist in der sehr kritischen Stammheimer-Zuschrift ein Kollege von ihm empfohlen, mit dem auch „künftig eine kollegiale Zusammenarbeit möglich“ sei.

Auf dem Holzweg
Ich glaube nicht, dass sich der so empfohlene Kollege freut, wenn ihm „kollegiale Zusammenarbeit“ mit einer Interessengruppe unterstellt wird, selbst wenn die einer guten Sache dient. Sicher ist aber, dass sich der Kritiker aus den Reihen „Stammheim ist bunt“ mit dem Versuch, einen Journalisten zu verhindern, völlig unnötig auf einen sinnlosen Holzweg begeben hat. Jemanden abzulehnen, nur weil er unliebsam berichtet und Meinung geäußert hat, ist schon nicht besonders souverän. Aber auf Personal-Entscheidungen der Redaktion im eigenen Sinne Einfluss nehmen zu wollen, ist indiskudabel. Damit wird versucht, in ein Stück Pressefreiheit hineinzureden. Ließe man Interessengruppen in ihrem Sinne über Mitarbeiter-Einsätze mitbestimmen, hieße das, ein großes Stück grundgesetzlich geschützte redaktionelle Unabhängigkeit aufgeben.

Bunt und unabhängig
Ich will den Vorgang nicht zu hoch hängen. Aber einseitige Einflussnahmen sollten nicht im Interesse eines Bündnisses liegen, das mit seinem Ziel bisher eine hohe Beachtung in diesem Medium gefunden hat, gerade weil es sich für die Buntheit der Gesellschaft einsetzt und wider antidemokratische Kräfte wirkt. Nun möge bitte niemand glauben, dass sich dieser Beitrag gegen „Stammheim ist bunt“ und die Interessen dieser Gruppe richtet. Er versucht lediglich auch Leser wissen zu lassen, was Redakteure über Transparenz und Unabhängigkeit von Journalismus wissen müssen. Das gilt ebenso, wie Stammheim bunt bleiben soll.

Anton Sahlender, Leseranwalt
ps. Die im Text kursiv geschriebenen Überschriften sind Links, die zu den kritisierten Beiträgen führen
Sonntag, 18.30 Uhr: Ich füge nachträglich hinzu, dass sich mittlerweile - nach dieser Veröffentlichung - schon ein recht versöhnlicher Schriftwechsel mit dem Sprecher des Bündnisses "Stammheim ist bunt" und mir ergeben hat. Es dürfte also keine unüberbrückbare Kontroverse entstanden sein, auch nicht mit dem kritischen Redakteur.  

Rückblick

  1. Erkennen Sie, was Nachrichten mit ihrem Gehirn machen
  2. Wer die Verantwortung trägt, entscheidet
  3. Redaktionelle Entscheidungen überprüfen
  4. Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen
  5. Ein Leser, der sich bedroht fühlt
  6. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
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  9. Eine Beteiligte hat berichtet
  10. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  11. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  12. Raser und ihre Fahrzeuge
  13. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  14. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  15. Was nicht berichtet wurde
  16. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  17. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
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  19. Fotografierte Zeitgeschichte
  20. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  21. Persönlichkeitsschutz verletzt
  22. Empfehlung für mehr Transparenz
  23. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  24. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  25. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  26. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  27. Niemand muss anonym informieren
  28. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  29. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  30. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  31. Über den Opferschutz wacht der Presserat
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  38. Keine Schablone über Redaktionen legen
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  46. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
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