LESERBRIEFE

Keine mildernden Umstände für ängstlichen Leser

Leserbriefschreiber
Namen von Leserbriefschreibern in der Zeitung dürfen weder verdeckt noch falsch sein ...

Leserbriefschreiber sind wichtig, das erkläre ich nicht zum ersten Mal. Wer sich die Mühe macht, Briefe für die Zeitung zu schreiben, dem wird sie wohl noch eine Menge bedeuten. Daran ist allerdings ernsthaft zu zweifeln, wenn bei einem entscheidenden Punkt der Briefe Aufrichtigkeit ausbleibt.

 

Befürchtungen des Schreibers

Vorbeugend schildere ich dazu einen Fall, der sich hoffentlich nicht wiederholt. Ein Würzburger hat befürchtet, dass nach veröffentlichten Leserbriefen zu brisanten Themen, etwa Flüchtlingspolitik, Gefahr für ihn bestehe. Nämlich die, dass radikale Personen ihn suchen und finden und – zurückhaltend formuliert - ihm dann zu nahe treten oder sein Eigentum schädigen. Um das zu vermeiden, hat er kurzerhand einen falschen Namen unter seine Briefe gesetzt. Der Redaktion hat er das natürlich nicht mitgeteilt.

 

Wahrhaftigkeit gilt auch hier

Das hat er ratsuchend mir bei seinem Telefonanruf erklärt, auch dass die Redaktion trotzdem dahinter kam und dem selbst gemachten „Pseudonym“ ein Ende gesetzt hat. "Richtig so", habe ich ihm gesagt. Denn wer seine Meinung sagt, muss zu ihr stehen. Also darf er das im Leserbriefteil einer Zeitung nur unter seinem Namen. Denn auch in diesem Teil, der für Kontroversen offensteht, gilt der Grundsatz der Wahrhaftigkeit.

 

Eine Form von Betrug

Und für den geschilderten Schwindel, gibt es keine “mildernden Umstände“, nur weil es der Würzburger nicht zum Schlimmsten getrieben hat. Er hat den Text, wie er herausstellt, nicht unter existenten Namen anderer Leute eingesandt. Aber auch sein erfundener Name ist falsch und bleibt eine Form von Betrug an der Leserschaft und der Redaktion. Der Glaubwürdigkeit einer Zeitung, schadet er ebenfalls.

 

Die andere digitale Wirklichkeit

Über diesem Beitrag zu gedruckten Leserbriefen mögen Nutzer der digitalen Diskussionsforen auf mainpost.de milde lächeln. Laufen doch dort für sie Diskussionen ohne ihre Klarnamen. Pseudonyme und phantasievolle Nicknames, sind seit langem an deren Stelle getreten. Die werden reichlich genutzt. Und beim schnellen digitalen Meinungsaustausch geht es unter ihren Pseudonymen zuweilen so zur Sache, dass man Schlimmes befürchten müsste, stünden sich die Diskutanten persönlich gegenüber. Aber sie kennen sich noch nicht einmal, sind aber trotzdem nicht anonym: Ihre Klarnamen und Adressen sind der Redaktion bekannt. Hoffentlich immer die richtigen...

Über diese Art der verdeckten Diskussionsführung gibt es zurecht geteilte Meinungen.

 

Böse Zuschriften unterlassen

Zurück zu den Leserbriefschreibern: Festzuhalten ist, dass Übergriffe auf Briefschreiber, wie sie der Würzburger befürchtet, bisher nicht bekannt wurden. Gelegentlich hört man aber von bösen Zuschriften oder Anrufen bei kritischen Leserbriefautoren. Auch das ist unangenehm und sollte selbst bei kontroversen Debatten unterlassen werden.

 

Zulässige Pseudonyme

Aber zulässige Pseudonyme gibt es in der Zeitung auch. Zuweilen nutzen sie Journalisten in ihren Artikeln. Das geschieht, wenn es wirklich triftige Gründe gibt, die Personen, die darin vorkommen, zu schützen oder zu schonen. Das können Menschen sein, die wirklich gefährdet sind oder solche, die sich nicht im Vollbesitz ihrer geistigen oder körperlichen Kräfte befinden oder einer seelischen Extremsituation ausgesetzt sind. Außerdem gilt ein besonderer Schutz immer Kindern und Jugendlichen.

 

Abwägung der Redaktionen

Redaktionen wägen vor einer Anonymisierung stets ab, ob schutzwürdige Interessen Betroffener das Informationsinteresse der Öffentlichkeit tatsächlich überwiegen. Und wenn dann ein Name in der Veröffentlichung geändert wird, macht die Redaktion das für Leser kenntlich.

Solcher Schutz ist freilich für Leserbriefschreiber, die ihre Meinung vertreten, nicht notwendig und wird es hoffentlich nie sein. Jedenfalls hat der ängstliche Herr, am Telefon unter richtigem Namen, erkennen lassen, dass er das verstanden hat.

Frühere Leseranwalt-Kolumnen zu diesem Thema:

"Über die Anmaßung, Leserbriefe unter dem Namen eines anderen einzuschicken" (2011)

"Mancher fürchtet die weltweit grenzenlose Meinungsfreiheit" (2009)

"Ein Lebenselement: Die Leserbriefschreiber" (2015)

"Wo die Begegnung mit Klarnamen aus der Zeitung mit Online-Pseudonymen Ärger bereitet" (2015)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Rückblick

  1. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  2. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  3. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  4. Reichweite ist nicht alles
  5. Lehren für den Journalismus
  6. Kritikwürdiges Boulevardstück
  7. Analysen sind Meinung
  8. Wer hat hier Kummer mit wem?
  9. Treffende Argumente statt zuspitzender Worte
  10. Die überflüssige Ohrfeige
  11. Wenn Söder im Bericht plötzlich ätzt
  12. Der verbrämte Nazi-Vergleich
  13. Worte an WM-Desinteressierte
  14. Herkunft von Nachrichten offenlegen
  15. Kreuzerlass: Vorwurf einer falschen Behauptung
  16. Versuchte Einschüchterung
  17. Keine mildernden Umstände für ängstlichen Leser
  18. Disskussionsmüll vermeiden
  19. Wider höfliche Antwort-Phrasen
  20. Trotz Kürzung: Kern der Nachricht blieb
  21. Fragen und Antworten, die Fragen aufwerfen
  22. Die "Kastelruther Spatzen" und die Banalität
  23. Es ist sinnvoll, in öffentlichen Veranstaltungen Medienvertreter zu begrüßen
  24. Liefern Journalisten nur das, was Konsumenten haben wollen?
  25. Leserbriefe stärken den demokratischen Diskurs
  26. Ausweis für die besondere Rolle in der Demokratie
  27. Beiträge über Dorothee Bär gefährden keine Überparteilichkeit
  28. Pause zur Entspannung
  29. Technologische Risiken und Nebenwirkungen für das Gemeinwesen
  30. Quellenangaben gegen Fakes
  31. Unfall: Verharmlosende oder spaßige Überschrift vermeiden
  32. Die neue Lebensgefährtin ist nun als Nachricht durch
  33. Enttäuschung und Erwartung am Jahresende 2017
  34. Der Leseranwalt: Journalisten sollten nicht nur zu Ihnen reden, sondern auch mit Ihnen
  35. Zeit für Gespräche mit dem Publikum nehmen
  36. Journalistischer Respekt vor demokratischer Entscheidung
  37. Die Herausforderung: Vom Streit zum Dialog
  38. Rathaus kann Leserkritik nicht aushebeln
  39. Vertrauen einer Leserin enttäuscht
  40. Am Ende der Warteschleife ist Empathie gefragt
  41. Was Auszeichnungen und Fehler verbindet
  42. Transparenz: Baustein für Glaubwürdigkeit
  43. Eine Entschuldigung ist kein übertrieben humanitärer Akt
  44. Feuerwehrleute am Grab, die dort nicht gezeigt werden durften
  45. Eine schwierige Abwägung
  46. Interessenskonflikte von Autoren müssen erkennbar sein
  47. Leser vergibt "glatte Sechs"
  48. Warten auf die Frau in der Chefredaktion
  49. Kenntlich und unkenntlich, unwissend und wissend
  50. Ein Eingeständnis wäre gut gewesen

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