LESERANWALT

Kräftige Worte von Marcel Reif

Überschrift Main-Post 9. März 2019
Überschrift aus einer Aussage von Marcel Reif: Ein Leser empört sich ...

Was für einen Sprachgebrauch kann man in einer Zeitung erwarten: Einen möglichst fehlerfreien und verständlichen. Aber noch etwas mehr. Das zeigt die Kritik eines Lesers. Sie richtet sich gegen die Überschrift in der Zeitng vom 9. März über ein Interview mit dem bekannten Fußball-Kommentator Marcel Reif. Sie lautet:  "Fußball hat mir den Arsch gerettet".  (Siehe auch Kopie aus Zeitung am Ende des Beitrages)  

 

Die Entgleisung

Das ist ein Reif-Zitat. Leser S.L. hat dazu eine klare Meinung: „Angesichts der an Geschmacklosigkeit kaum zu überbietenden Betitelung dieses Gesprächs“, sei vermutlich nicht nur er, „noch immer einigermaßen sprach- und fassungslos!“ Er zählt die "von Reif gewählte Entgleisung" zur „Vulgärsprache“, bei der auch die Redaktion (die daraus die Überschrift gemacht hat) nicht die Mindestanforderung an Sensibilität erfülle. Dabei „hätten in dieser <...> zweiseitigen Gesprächsaufzeichnung, wahrhaftig viele andere Stichworte oder Sätze der Eignung einer treffenden Überschrift entsprechen können.“

 

Persönlich und hintergründig

Letzteres stimmt und ist meist so. Es gibt fast immer mehrere Möglichkeiten. Wählt man aus einem Interview ein Zitat für die Überschrift aus, finden sich Kritiker, in der Leserschaft und in der Redaktion. Sie hätten sich anders entschieden. Im vorliegenden Fall gehöre ich zumindest nicht zu den Kritikern, anders als Herr S.L.. Grund: Das Interview geht über die Sachebene eines Sportreporters hinaus, wird stellenweise persönlich und hintergründig, das nicht nur wegen jenes Zitats. Reif gibt einiges von sich preis, zeigt sich als Mensch mit Stärken und Schwächen. Dazu zähle ich den kritisierten Satz mit der kräftigen Wortwahl. Gerade er kann das kennzeichnen, was das Interview besonders macht.

 

Gebräuchlich und verständlich

War das, was Marcel Reif mit den genannten Worten gesagt hat, eine Entgleisung oder ein Fauxpas? Ich halte es im Kontext mit dem gesamten langen Gespräch zumindest für authentisch und vertretbar, selbst wenn nicht eben für feinsinnig. Außerdem ist der Satz gebräuchlich und verständlich. Reif hat ihn nicht erfunden. Er kann sich sogar mal in literarischen Erzeugnissen finden. Eine schonende „A….“ –Abkürzung, wie von Herrn S.L. vorgeschlagen, würde Reifs Worte als verhinderte Geschmacklosigkeit kennzeichnen. So waren sie aber nicht gemeint, wohl nicht von Herrn Reif und sicher nicht von der Redaktion.

Und noch etwas: Die Worte haben Gewicht und richten sich nicht gegen andere Menschen. Reif kennzeichnet eine eigene wichtige Lebenssituation.

 

Spezieller Einzelfall

Bei allen, die sich doch belästigt fühlen, bitte ich die Wortwahl als Überschrift zu entschuldigen. Dahinter steckt aber keine redaktionelle Strategie, wie es S.L. vermutet, die einen solchen Sprachgebrauch favorisiert. Es handelt sich um einen speziellen Einzelfall. Vergleichbare Begriffe finden sich selten in der Zeitung. Auflage lässt sich damit ganz gewiss nicht steigern. Auf Dauer zahlt sich nur Seriosität aus, die nicht mit Langeweile oder Belanglosigkeit verwechselt werden sollte. Das gilt gleichermaßen für Titel und Ankündigungen im digitalen Teil dieser Zeitung.

Frühere ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

"Treffende Argumente statt zuspitzender Worte" (2018)

"Wider ausgeschriebene Fäkalausdrücke und für eine gereinigte Sprache in der Zeitung" (2014)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

 

Interview mit Marcel Reif 1. Teil 9. März 2019
Erster Teil des zweiseitigen Interviews mit Marcel Reif, erschienen in der Zeitung vom 9. März 2019.
Marcel Reif Interview 2. Teil 9.3.2019
Zweiter Teil des Interviews mit Marcel Reif. Erschienen am 9. März 2019
Textausschnitt aus Reif-Interview 9.3.19
Textausschnitt: Die Aussage von Marcel Reif, die für die Überschrift steht. (9.3.2019)

Rückblick

  1. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  2. Niemand muss anonym informieren
  3. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  4. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  5. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  6. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  7. Die Straftat und der Verdacht
  8. Kräftige Worte von Marcel Reif
  9. Das war keine Würdigung
  10. Das Missverständnis mit der Zensur
  11. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  12. Meinungen ertragen lernen
  13. Keine Schablone über Redaktionen legen
  14. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  15. Konzeptionelles Nachdenken
  16. Amtsperson war früher
  17. Fußball kann man überblättern
  18. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  19. Falsche Tatsache im Leserbrief
  20. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  21. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  22. Geschmackssache: Foto von Merz
  23. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  24. Ungleichgewicht in Zahlen
  25. Nachgeholte Berichtigungen
  26. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  27. Ein Plädoyer für Transparenz
  28. Verpixeln oder nicht?
  29. Heiße Tage und Nächte
  30. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  31. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  32. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  33. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  34. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  35. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  36. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  37. Reichweite ist nicht alles
  38. Lehren für den Journalismus
  39. Kritikwürdiges Boulevardstück
  40. Analysen sind Meinung
  41. Wer hat hier Kummer mit wem?
  42. Treffende Argumente statt zuspitzender Worte
  43. Die überflüssige Ohrfeige
  44. Wenn Söder im Bericht plötzlich ätzt
  45. Der verbrämte Nazi-Vergleich
  46. Worte an WM-Desinteressierte
  47. Herkunft von Nachrichten offenlegen
  48. Kreuzerlass: Vorwurf einer falschen Behauptung
  49. Versuchte Einschüchterung
  50. Keine mildernden Umstände für ängstlichen Leser

Schlagworte

  • Anton Sahlender
  • Interviews
  • Journalismus, Überschrift, Zitat, Geschmack,
  • Leseranwalt
  • Marcel Reif
  • Redaktion
  • Sprachgebrauch
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0

Kommentar schreiben

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte vorher an.

Anmelden

Sie sind noch kein Mitglied auf mainpost.de? Dann jetzt gleich hier registrieren.