LESERANWALT

Kritikwürdiges Boulevardstück

Foto Jan Ullrich
Jan Ullrich: Opfer eines unrühmlichen Boulevard-Stücks in den Medien. Dieses Foto ist dazu erschienen.

Ein kritikwürdiges und fragwürdiges Boulevard-Stück will ich nicht übersehen. Ideale Zutaten dafür sind zwei Promis auf einer Promi-Insel: Til Schweiger und Jan Ullrich. Die beiden, Nachbarn auf Mallorca, hatten offenbar einen Konflikt miteinander. Sprudelnde Quelle dafür ist die Bildzeitung samt ihrer Schlagzeilen.

 

Vertrauen in die dpa

Die Deutsche Presseagentur (dpa) verbreitete an ihre Kunden weiter, was vorwiegend dem Boulevard-Blatt entsprungen ist. Ausführlich nachzulesen in der gedruckten Main-Post am 7. August unter der Überschrift: „Jan Ullrich will Therapie“ und gewiss auch in einer Vielzahl von Medien im Lande. Weil die dpa eine grundsolide, nach journalistischen Grundsätzen arbeitende Agentur ist, durfte man in den Redaktionen darauf vertrauen, dass alles eine Richtigkeit hat. Zumindest lieferten die dpa-Journalisten noch amtliche Bestätigungen, dass Ullrich vorübergehend sogar in Polizeigewahrsam gewesen ist. Hier die Online-Fassung des Beitrages anklicken: "Festnahme: "Jan Ullrich will Therapie machen".

 

Warnendes Beispiel

Und doch könnte die mediale Verbreitung der Angelegenheit gut als warnendes Beispiel in Ethik-Lehrbüchern erscheinen. Sieben Mal war „Bild“ im Bericht dieser Zeitung als Quelle für Schilderungen aus der Privatsphäre der Nachbarn genannt. Wirkt wie Public Relations für das Blatt. Klar, wer sonst hat eine solche Erfahrung, wenn es darum geht, ins Leben von Promis einzudringen. Siehe beigefügte Kopie des Main-Post-Artikels vom 7. August.

 

Jan Ullrich will Therapie machen. Main-Post vom 7. August 2018
Die Bildzeitung als siebenfach genannte Quelle (gelb gezeichnet) für den kritikwürdigen Artikel über den Promi-Zwischenf...

 

 

 

Was seriöse Medien nicht tun sollten

So blieb auch der Gesundheitszustand von Ullrich nicht ausgespart und nicht sein Wille, sich therapieren zu lassen. Eigentlich ein Tabu: Gesundheit ist Intimsphäre eines Menschen, auch eines prominenten. Aber Ullrich hat sie dem Boulevardblatt wohl selbst erschlossen. Angesichts der Details aus dem Konflikt, die anscheinend alleine an „Bild“ geflossen sind, darf man vermuten, dass es fragwürdige Exklusivabsprachen gegeben haben könnte, solche, wie sie seriöse Medien nie abschließen sollten.

 

"Grenze des Erträglichen überschritten"

Wie auch immer: Warum aber wurde die Geschichte danach von Medien, für die journalistische Grundsätze gelten, bereitwillig und distanzlos verbreitet? Und zwar so, dass der Kommunikationsexperte Mike Kleiß im Branchendienst „Meedia“ (hier anklicken) die „Grenze des Erträglichen überschritten“ sieht. Er kennt den Ex-Radstar Ullrich und sieht in ihm ein Opfer, das sich zudem wohl falschen Freunden, auch aus den Medien, anvertraut hat. Hinter deren Veröffentlichungen steht für Kleiß eine Sucht nach Reichweite, als Folge der kritischen wirtschaftlichen Entwicklung in Print. Deshalb wiege für sie jeder Klick auf digitale Angebote mehr als Rücksichtnahme auf Ullrichs gesundheitliche Probleme. Verantwortung der Medien bedeute aber, sich nicht im Leid eines gefallenen Stars zu suhlen.

Ich vermag es nicht besser zu sagen. Denn Vertrauen in die dpa schließt journalistische Eigenverantwortung beim Umgang mit Nachrichten und Informationen nicht aus.

 

Die Fortsetzung

Aber die Spur ist von "Bild" gelegt, viele Medien folgen ihr weiterhin. Auch in den gedruckten und digitalen Ausgaben der Main-Post gab es die nächste Schlagzeile über unverzeihliche Fehlleistungen, die dem offensichtlich kranken Menschen nun vorgeworfen werden: "Alkohol, Drogen, Festnahmen: Die tiefe Fall des Jan Ullrich" (11. August/siehe folgende Kopie). Man könnte meinen, er solle noch tiefer gestürzt werden. Dem ist er wehrlos ausgeliefert, weil er seine Intimsphäre wohl selbst gegenüber Journalisten preigegeben hat, weil ihm eine Straftat vorgeworfen wird und weil er eben sehr prominent ist.

 

Jan Ullrich. Bericht am 11.8.18 in der Main-Post
Die nächste Schlagzeile. Eine Meldung hätte es wohl auch getan ...
Nur noch eine kurze Meldung zu Jan Ullrich am 13. August...
Es bedarf nicht immer einer Schlagzeile ...

 

 

 

 

 

Keine Verpflichtung zu Schlagzeilen

Aus neuerlichen Vorwürfen gegen den einstigen Sportstar ergibt sich allerdings keine Verpflichtung für Medien stets dicke Schlagzeilen daraus zu machen. Ethische Verantwortung oder journalistisches Fingerspitzengefühl sollte vom Streben nach Aufmerksamkeit und digitalen Reichweiten nicht verdrängt werden. Das heißt, das was man im vorliegenden Fall an öffentlichem Interesse (ist nicht Sensationslust) voraussetzen kann, ist mit kurzen Meldungen zu befriedigen. Immerhin hat sich diese Erkenntnis wohl in der Main-Post-Redaktion durchgesetzt. Die nur noch kurze Meldung vom 13.8. (siehe beigefügte Kopie oben) ist ein Indiz dafür. Als deutliches Zeichen ist der lesenswerte Meinungsbeitrag vom 14. August zu bewerten (ebenfalls in Kopie unten). Schon sein Titel spricht für journalistische Selbstreflexion: "Der Held - wir haben ihn gemacht, wir lassen ihn wieder fallen".

 

Der Held - wir haben ihn gemacht, wir lassen ihn wieder fallen. Main-Post vom 14.8.18
Lobenswert: Journalistische Selbstreflexion ...

 

 

 

Nun ist zu hoffen, dass ein kranker Mensch von keinem Medium bis in eine Rehabilitationseinrichtung verfolgt wird. Die sollte seiner Privatsphäre vorbehalten bleiben.

Für das Verständnis dieses Beitrages, habe ich mich entschieden, die kritisierten Berichte noch einmal abzubilden..

Ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

"Wir müssen nicht alle Details über die Sexualpraktiken von Jörg Kachelmann erfahren" (2010)

"Recherchen in Internet-Netzwerken sind zulässig, Veröffentlichungen fragwürdig" (2012)

"Eine Hoffnung: Sensationslüsterner Journalimus hat keine Zukunft" (2016)

"Journalistische Fürsorge für abgebildete Personen: Nicht jede menschliche Schwäche muss sichtbar sein" (2015)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Rückblick

  1. Eine Beteiligte hat berichtet
  2. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  3. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  4. Raser und ihre Fahrzeuge
  5. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  6. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  7. Was nicht berichtet wurde
  8. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  9. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  10. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  11. Fotografierte Zeitgeschichte
  12. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  13. Persönlichkeitsschutz verletzt
  14. Empfehlung für mehr Transparenz
  15. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  16. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  17. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  18. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  19. Niemand muss anonym informieren
  20. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  21. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  22. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  23. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  24. Die Straftat und der Verdacht
  25. Kräftige Worte von Marcel Reif
  26. Das war keine Würdigung
  27. Das Missverständnis mit der Zensur
  28. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  29. Meinungen ertragen lernen
  30. Keine Schablone über Redaktionen legen
  31. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  32. Konzeptionelles Nachdenken
  33. Amtsperson war früher
  34. Fußball kann man überblättern
  35. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  36. Falsche Tatsache im Leserbrief
  37. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  38. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  39. Geschmackssache: Foto von Merz
  40. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  41. Ungleichgewicht in Zahlen
  42. Nachgeholte Berichtigungen
  43. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  44. Ein Plädoyer für Transparenz
  45. Verpixeln oder nicht?
  46. Heiße Tage und Nächte
  47. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  48. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  49. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  50. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis

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