LESERANWALT

Lehren für den Journalismus

Wollte Mann erschossen werden?
Bei Einsätzen gibt es zwischen Journalisten und Polizei eine Vereinbarung zu beachten. Archivbild aus 2015.. Foto: Thomas Obermeier

"An der Information über Straftaten besteht ein berechtigtes öffentliches Interesse. Es ist Aufgabe der Presse, darüber zu recherchieren und vom Ort des Geschehens unabhängig zu berichten“, daran hat Volker Stennei, der Sprecher des Deutschen Presserats erinnert. Hinzugefügt hat er: "Journalisten müssen stets ihre Beobachterrolle einhalten. Sie dürfen nicht eigenmächtig in das Geschehen eingreifen.“

 

Die Zäsur

Diese Worte und alles was ich hier noch wiederhole, hat der Presserat im August an Zeitungsredaktionen verschickt. Anlass war der 30. Jahrestag der Geiselnahme von Gladbeck – bekanntlich kein Ruhmesblatt für Medien. Hatten sich doch 1988 Journalisten zum Instrument von Kriminellen machen lassen. Mit Liveberichten und –interviews boten sie den Tätern eine bis dahin beispiellose öffentliche Bühne. Daraus wurde nach intensiven kritischen Debatten eine Zäsur für das Verhalten von Journalisten.

Hier die ganze Mitteilung des Presserates lesen

 

Die Lehren

 

Lehren aus Gladbeck sind bedeutender denn je: Kann doch mittlerweile jeder mit seinem Smartphone alles filmen und ins Netz stellen. Umso wichtiger ist es, dass Medien verantwortungsvoll mit Videos von Straftaten und Unglücken umgehen. So gelten für die Verwendung von Amateurvideos in Online-Ausgaben von Zeitungen und Zeitschriften die ethischen Grundsätze des Pressekodex. Dazu gehören u.a. der Verzicht auf unangemessen sensationelle Darstellungen sowie die Einhaltung des Opfer- und Jugendschutzes.

Man muss hinzufügen, was der Presserat nicht sagt: Diese Grundsätze sollten für alle Personen gelten, die Beiträge ins Internet stellen. Hier ein Klick auf den Kodex des Deutschen Presserates. Da bietet sich auch Orientierung für alle Medien- und Internetnutzer.

 

Die Mahnung

Der Presserat mahnt: „In keinem Fall tritt die Presse in einen Anpassungswettbewerb mit Formen der öffentlichen Kommunikation ein, deren Ethik vergleichsweise schwach entwickelt ist.“ Das bedeutet, das Internet und seine Netzwerke dürfen nicht zum Maßstab für seriöse Medien werden.

Ausgehend von Gladbeck gelten Verhaltensgrundsätze für Medien und Polizei, vereinbart in der Innenministerkonferenz 1993. Sie sollen Behinderungen bei der Durchführung polizeilicher Aufgaben vermeiden und zugleich die freie Ausübung der Berichterstattung garantieren.

 

Die Verpflichtung

Journalisten verpflichten sich in diesen Grundsätzen, keine Interviews mit Tätern während des Verbrechens zu führen und nicht eigenmächtig zwischen Tätern und Polizei zu vermitteln. Wörtlich heißt es in einem von elf Punkten der Vereinbarung: „<..> bei Unglücksfällen, Katastrophen und Fällen von Schwerstkriminalität beachten die Medien, dass die Rechtsgüter Leben und Gesundheit von Menschen Vorrang vor dem Informationsanspruch der Öffentlichkeit haben.“

Der Pressekodex gebietet zudem, keine „Verbrechermemoiren“ zu veröffentlichen, wenn Straftaten gerechtfertigt oder verharmlost und Opfer unangemessen belastet werden. Auch eine Heroisierung von Straftätern ist zu vermeiden.

Übernommen aus einer Mitteilung des Deutschen Presserates

Hier die in der Innenministerkonferenz vereinbarten Verhaltensgrundsätze nachlesen

Ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

"Beantwortet die Polizei die Fragen eines Journalisten nicht, muss sie einen rechtlich haltbaren Grund dafür nennen" (2015)

"Warum Polizeibeamte von der Redaktion unkenntlich gemacht wurden" (2015)

"Das geht zu weit: Kräftiger Polizist gut im Bild" (2008)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

 

 

Rückblick

  1. Keine Schablone über Redaktionen legen
  2. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  3. Konzeptionelles Nachdenken
  4. Amtsperson war früher
  5. Fußball kann man überblättern
  6. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  7. Falsche Tatsache im Leserbrief
  8. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  9. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  10. Geschmackssache: Foto von Merz
  11. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  12. Ungleichgewicht in Zahlen
  13. Nachgeholte Berichtigungen
  14. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  15. Ein Plädoyer für Transparenz
  16. Verpixeln oder nicht?
  17. Heiße Tage und Nächte
  18. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  19. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  20. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  21. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  22. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  23. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  24. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  25. Reichweite ist nicht alles
  26. Lehren für den Journalismus
  27. Kritikwürdiges Boulevardstück
  28. Analysen sind Meinung
  29. Wer hat hier Kummer mit wem?
  30. Treffende Argumente statt zuspitzender Worte
  31. Die überflüssige Ohrfeige
  32. Wenn Söder im Bericht plötzlich ätzt
  33. Der verbrämte Nazi-Vergleich
  34. Worte an WM-Desinteressierte
  35. Herkunft von Nachrichten offenlegen
  36. Kreuzerlass: Vorwurf einer falschen Behauptung
  37. Versuchte Einschüchterung
  38. Keine mildernden Umstände für ängstlichen Leser
  39. Disskussionsmüll vermeiden
  40. Wider höfliche Antwort-Phrasen
  41. Trotz Kürzung: Kern der Nachricht blieb
  42. Fragen und Antworten, die Fragen aufwerfen
  43. Die "Kastelruther Spatzen" und die Banalität
  44. Es ist sinnvoll, in öffentlichen Veranstaltungen Medienvertreter zu begrüßen
  45. Liefern Journalisten nur das, was Konsumenten haben wollen?
  46. Leserbriefe stärken den demokratischen Diskurs
  47. Ausweis für die besondere Rolle in der Demokratie
  48. Beiträge über Dorothee Bär gefährden keine Überparteilichkeit
  49. Pause zur Entspannung
  50. Technologische Risiken und Nebenwirkungen für das Gemeinwesen

Schlagworte

  • Anton Sahlender
  • Leseranwalt
  • Presserat, Polizei, Medien, Gladbeck, Straftaten, Berichterstattung
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0

Kommentar schreiben

Der Diskussionszeitraum für diesen Artikel ist leider schon abgelaufen. Sie können daher keine neuen Beiträge zu diesem Artikel verfassen!