Bad Kissingen

Leseranwalt: Gemeinwohl überwiegt in Corona-Berichten

Warum die vom Virus betroffenen Alten- und Pflegeheime namentlich genannt werden.
Freiluftkonzert von Musikern des Philharmonischen Orchesters des Mainfranken-Theaters vor dem St.-Nikolausheim in Würzburg.
Freiluftkonzert von Musikern des Philharmonischen Orchesters des Mainfranken-Theaters vor dem St.-Nikolausheim in Würzburg. Foto: Herbert Ehehalt

Leser P.W. aus dem Landkreis Bad Kissingen hält es für Wahnsinn, Alten- und/oder Pflegeheime namentlich zu veröffentlichen, in denen Corona-Infizierte festgestellt wurden. Damit würden die Bewohner kirre gemacht, die darüber in Panik geraten könnten. Das gelte ebenso für deren Angehörige. Zudem werde dabei die überlastete Belegschaft der Einrichtungen unsinnigerweise gebrandmarkt.

Leser P.W. meint, daran lasse sich der Unterschied zwischen einer Boulevard- und einer Qualitätszeitung ermessen. Schließlich reiche es aus, nur den Landkreis zu nennen, in dem sich die Einrichtung befinde. Angehörige würden ohnehin aus der Leitung der Einrichtung informiert.

Argumente widersprechen dem Gefühl

Gefühlsmäßig möchte man der sensiblen Betrachtung des Lesers zustimmen. Aber gewichtige Argumente stehen entgegen. Würde nur der Landkreis genannt, in der sich die Einrichtung befindet, in der Infektionen mit COVID-19 aufgetreten sind, wären Verunsicherung und Ängste noch viel größer. Sie könnten Bewohner sämtlicher Einrichtungen im Kreis oder auch deren Angehörige erfassen.

Schwer wiegt auch die Notwendigkeit, Infektionsketten eventuell noch zurückverfolgen zu können. Dazu können konkrete Veröffentlichungen beitragen. Das heißt, nicht nur alle die, welche ein Heim mit Infektionsfall oder -fällen besucht haben können dadurch gewarnt werden, sondern auch der Personenkreis, der mit ihnen in Kontakt gekommen ist. In vielen Fällen wäre danach Quarantäne wichtig.

So könnte es ein folgenreicher Fehler sein, Einrichtungen nicht konkret zu benennen. Nicht zuletzt erscheint es mir auch wichtig, dass im Zweifelsfall die Heimbewohner selbst über ein Medium von Infektionen in ihrem Haus erfahren können.

Starkes Interesse der Öffentlichkeit

Insgesamt muss – wie meist in der Corona-Berichterstattung – das Gemeinwohl überwiegen, auch gegenüber Argumenten, wie sie Leser P.W. vorbringt. Daraus übergibt sich derzeit ein ungewöhnlich starkes Interesse der Öffentlichkeit, zuverlässig und präzise unterrichtet zu werden.

Dass Mitarbeiter*innen einer Alten- und Pflegeeinrichtung, die von Corona-Fällen betroffen ist, in der Öffentlichkeit gebrandmarkt würden, halte ich mittlerweile für ziemlich unwahrscheinlich. Die Wertschätzung für sie und ihre Leistungen hat sich zurecht deutlich verbessert. Sie genießen endlich das hohe Ansehen, das sie verdienen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass man nicht nur ihnen unter Beachtung aller Abstands- und Hygieneregeln begegnet.

Mit Respekt vor ihnen, ihren Einrichtungen und deren Bewohnern, habe ich diese Erklärung geschrieben.

Lesen Sie auch die Leseranwalt-Kolumne: "Corona erfordert sensiblen Sprachgebrauch"

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

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