Würzburg

Leseranwalt: Gestörte Erinnerungskultur

Eine Entschuldigung und der Dank an sensible Leser*innen für ihre Aufmerksamkeit.
Stete Erinnerung und Mahnung bleiben wichtig. Leider gab es ein Beispiel für achtlosen redaktionellen Umgang mit der Geschichte nach der Erinnerung an die Befreiung des ehemaligen deutschen Konzentrationslagers Auschwitz. Hier ein Archivfoto, das während der Gedenkfeier zum 75. Jahrestag der Befreiung aufgenommen wurde. Foto: Markus Schreiber

Schriftliche Entschuldigungen aus der Redaktion haben vergangene Woche zwei Leser erreicht. Grund: Beide hatten zurecht eine unverzeihliche redaktionelle Zusammenstellung kritisiert. Ich wiederhole nun die Entschuldigung für alle, weil es wahrscheinlich ist, dass mehr Leser*innen verärgert waren, ob der Zusammenstellung von Ergebnissen digitaler Leserumfragen auf dieser Seite am vergangenen Samstag (Siehe Kopie am Ende des Beitrages).

Die Bierkrug-Überschrift

Unter der Überschrift „Bier bitte aus dem Steinkrug!“ war am Ende eines Beitrages dargestellt, wie Umfrage-Teilnehmer*innen zum Ausschank im Kloster Kreuzberg abgestimmt hatten. Wesentlich – entgegen der Überschrift - freilich war die Umfrage zu Erinnerungskultur. Einen Leser hat dabei zurecht empört, was eine Leserin als niveaulos kennzeichnete: Direkt unter der Bierkrug-Überschrift war an die Befreiung des KZ Auschwitz vor 75 Jahren erinnert. „Wie wichtig ist für Sie die Erinnerungskultur?“, hatte dazu die Frage auf mainpost.de gelautet.

Es folgte das Ergebnis der – wie immer – nicht repräsentativen Umfrage. Von 704 Teilnehmer*innen hatten 33 Prozent für „wichtig wie nie“ gestimmt und 51 Prozent für „Wichtig, doch die Schuld sollte nicht weiter gegeben werden“. 16 Prozent hatten leider auch für „nicht wichtig“ gestimmt.

"Absolut bedauerlich"

Klar festzustellen ist: Es war unbeabsichtigt. Aber es ist doch eine schlimme redaktionelle Achtlosigkeit, mahnendes Andenken an Auschwitz, das uns wichtig bleiben muss, unter eine vergleichsweise belanglose bierselige Überschrift zu platzieren. Das sollte wirklich nicht passieren. Immerhin hat die Redaktion am 27. Januar mit Sonderseiten der Befreiung des KZ-Auschwitz würdig und umfangreich gedacht. Die Titelseite war mit "Nie wieder!" überschrieben (siehe Kopie am Ende des Beitrages). Und das "Nie wieder!" ist es, was gilt.

So wiederhole ich, dass sich für die missliche Überschrift eine verantwortliche Mitarbeiterin bei den Lesern entschuldigt hat und sich für deren Aufmerksamkeit bedankt hat. Und ich bitte diesen meinen Text als Entschuldigung an alle Leser für den Missgriff zu verstehen.

Wichtige kritische Auseinandersetzung 

Verweise und Bezüge auf deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 wollen eben gut überlegt sein. Es bedarf dabei größter Aufmerksamkeit. Ebenso wenig wie die zitierte unmögliche Zusammenstellung der Umfragen dürfen unzutreffende Vergleiche verharmlosen. 2012 lautete deshalb die Überschrift über eine meiner Kolumnen „Zitate von Nazi-Größen sind in kritischer Auseinandersetzung mit der Geschichte gerechtfertigt“, weil das ausgerechnet bei einem Hitler-Ausspruch nicht ausreichend der Fall gewesen ist.

Und erst im August des vergangenen Jahres habe ich unter der Überschrift „Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie“ veranlasst gesehen, grundsätzlich festzuhalten, dass Vergleiche mit Nazi-Deutschland fast immer weit daneben liegen, vor allem wenn sie an aktuelle Entwicklungen anknüpfen. Damals befürchtete ein Leser die „Islamisierung“ unseres Landes und erinnerte dabei an deutsche Nazi-Vergangenheit.

Oder die ungewollte Auflistung eines SS-Täters im Kalenderblatt. Da hat es ebenfalls an Aufmerksamkeit im Umgang mit deutscher Geschichte gemangelt. Die Verantwortung dafür darf nicht verloren gehen. Siehe: "Das war keine Würdigung".

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Diese Zusammenstellung unter der Bierkrug-Überschrift, veröffentlicht in der Zeitung vom 1.2.2020 hat zurecht Leser-Kritik hervorgerufen. Die Redaktion hat sich dafür entschuldigt. Foto: Repro
Auschwitz-Erinnerung und Mahnung. Titelseite vom 27.1.2020 Foto: Repro

Rückblick

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  32. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  33. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  34. Fotografierte Zeitgeschichte
  35. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  36. Persönlichkeitsschutz verletzt
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  38. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  39. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  40. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  41. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  42. Niemand muss anonym informieren
  43. Öffentliches Interesse wiegt schwer
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