Würzburg

Leseranwalt: Warum die Redaktion den Begriff "Kinderporno-Prozess" vermeidet

An dem Begriff "Kinderporno-Prozess" störten sich einige Leser. Warum die Redaktion nun von einem "Missbrauchsprozess" schreibt.
In Würzburg steht derzeit ein Logopäde wegen schwerem Missbrauchs von Kindern und dem Herstellen und Verbreiten von Kinderpornografie vor Gericht. Nun hat die Redaktion entschieden, in diesem Zusammenhang nicht mehr von 'Kinderporno-Prozess' zu schreiben.
In Würzburg steht derzeit ein Logopäde wegen schwerem Missbrauchs von Kindern und dem Herstellen und Verbreiten von Kinderpornografie vor Gericht. Nun hat die Redaktion entschieden, in diesem Zusammenhang nicht mehr von "Kinderporno-Prozess" zu schreiben. Foto: Thomas Obermeier

Sprache bestimmt Denken und Handeln mit. Deshalb sollten Journalisten wohlüberlegt mit Worten und Sätzen, Texten und Schlagzeilen umgehen. Ich erinnere an den Begriff „Döner-Morde“, der ein falsches Licht auf die Taten warf. Kürzlich diskutierte die Redaktion das Schlagwort „Kinderporno-Prozess“.

Leser erkennt Täterperspektive

Der Begriff "Kinderporno-Prozess" wurde meist in Überschriften eingesetzt, um Berichte über das Verfahren gegen jenen Würzburger Logopäden zu kennzeichnen, der ihm anvertraute Kinder schwer missbraucht hat. Nicht nur Leser B. H., hat dazu mitgeteilt, dass ihn dieser Begriff in Überschriften störe. Seine Begründung: „'Kinderporno‘ wird dem Gegenstand der Berichterstattung nicht gerecht. Er nimmt alleine die Täterperspektive ein. Aus Opfersicht war das kein 'Porno‘, sondern Missbrauch.“ Dieser Begründung habe ich mich angeschlossen. Aber nicht alle in der Redaktion haben das getan.

Es folgte eine Diskussion. Dabei wurden alternative Begriffe beurteilt. Nur von „Missbrauch“ zu schreiben, so hieß es, verharmlose die Taten (unter anderem mehrfache Vergewaltigung von Kindern). Das spare die Kinder aus und der Fall könnte zudem auf die katholische Kirche bezogen werden. Und die Variante "Logopäden-Prozess" nehme zwar die Täter-Perspektive ein, bringe aber einen Berufsstand in Misskredit.

Bezeichnung eines Straftatbestands

"Kinderporno“ stehe nicht explizit für die Täter-Perspektive, wurde betont. Da schwinge das Leid der ganz speziellen Opfer (Kinder) sehr wohl mit. Es bezeichne etwas Verbotenes, einen Straftatbestand, um den es in dem Prozess gehe. Das sei negativ genug. „Kinderporno-Prozess“ sage folglich klar, was ist. Man stehle sich vor lauter Bedenken nicht mit irgendwelchen schwammigen Begriffen aus der Verantwortung. Kinderpornos würden schließlich im Zentrum des Täter-Handelns stehen. Der habe die wehrlosen Kinder auf die ekelhafteste Art missbraucht, um seine Neigung mit immer härteren Bildern zu befriedigen.

Die Entscheidung

Die Chefredaktion aber fand den Hinweis des Lesers B. H. bedenkenswert genug. In ihrer Verantwortung ließ sie "Kinderporno-Prozess" bei den bereits erschienenen Texten online durch "Missbrauchsprozess" ersetzen. Die Änderung gilt nun auch für noch folgende Artikel.

Daran mag man erkennen, was es häufiger vorkommt, dass Redakteure nicht einer Meinung sind. Am Ende muss aber eine Entscheidung fallen.

In den Berichten muss der Straftatbestand der „Kinderpornografie“ natürlich genannt werden. Aber als einordnendes Schlagwort soll er in den Berichten dieser Mediengruppe über diesen Prozess nicht mehr gebraucht werden. Opfer, besonders Kinder, sind eben immer zu schützen.

Hier zum Missbrauchsprozess: "Nun reden die Eltern der Opfer"

Frühere Leseranwalt-Kolumnen zur Sprache:

2008: "Rotzfreche Kinder verschlagen Lesern die Sprache"

2010: "In der Sprache ihrer Berichterstattung sind Journalisten nicht an Begriffe der Juristen gebunden"

2010: "Eine brutale Rambo-Sprache muss nicht sein"

2013: "Nach Gewalttaten muss der Schutz von Opfern schon in der Sprache der Überschrift beginnen"

2014: "Was ein Verhältniswort vor dem Urteil für Leser und Angeklagte bedeutet"

2015: "Nachrichtensprache belastet Menschen, die vor Elend, Krieg und Terror geflohen sind"

2016: "Vom Bewusstsein für eine korrekte Überschrift im Stich gelassen"

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch: www.vdmo.de

Rückblick

  1. Leseranwalt: Redaktionelle Abwesenheit bei Demo eingestehen
  2. Leseranwalt: Corona-Demonstranten nicht über einen Kamm scheren
  3. Leseranwalt: Medizinische Aussagen immer gut überprüfen
  4. Leseranwalt: Besondere Wachsamkeit in Corona-Zeiten
  5. Leseranwalt: Eine Empfehlung für die besorgte Großmutter
  6. Leseranwalt: Gemeinwohl überwiegt in Corona-Berichten
  7. Gerichtsberichterstatter: Die Vorgänge belasten auch uns
  8. Leseranwalt: Ein Protest, über den nicht berichtet wurde
  9. Leseranwalt: Corona erfordert sensiblen Sprachgebrauch
  10. Leseranwalt: Warum die Redaktion den Begriff "Kinderporno-Prozess" vermeidet
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  12. Leseranwalt: Zu einem Ehejubiläum gehören immer zwei
  13. Leseranwalt: Mörderischer Sprachgebrauch
  14. Leseranwalt: Überzeugen Sie ihre Lokalredaktion
  15. Leseranwalt: Gestörte Erinnerungskultur
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  20. Leseranwalt: Öffentliches Interesse gegen Privatsphäre
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  22. Leseranwalt: Sensationsinteressen bedient
  23. Erkennen Sie, was Nachrichten mit ihrem Gehirn machen
  24. Wer die Verantwortung trägt, entscheidet
  25. Redaktionelle Entscheidungen überprüfen
  26. Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen
  27. Ein Leser, der sich bedroht fühlt
  28. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
  29. Auch Leugner haben das Wort
  30. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  31. Eine Beteiligte hat berichtet
  32. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  33. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  34. Raser und ihre Fahrzeuge
  35. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  36. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  37. Was nicht berichtet wurde
  38. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  39. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  40. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  41. Fotografierte Zeitgeschichte
  42. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  43. Persönlichkeitsschutz verletzt
  44. Empfehlung für mehr Transparenz
  45. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  46. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  47. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  48. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  49. Niemand muss anonym informieren
  50. Öffentliches Interesse wiegt schwer

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