LESERANWALT

Leserbriefe stärken den demokratischen Diskurs

Großzügigkeit für Leserbriefschreiber
Ich meine, dass ist wichtig für die Zeitung....

Leser G.W. will keinen Leserbrief für die Zeitung mehr schreiben. Er teilt mir mit, dass er schon in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht habe. Wegen der (so seine Worte) „furchtbaren Sachen, die in der Ausgabe vom 17. Februar angesprochen wurden, Schlachthäuser (Gesamtausgabe) und Jagd“ (Kissinger Teil) hatte er aber noch einmal einen Leserbrief geschrieben. Sein dafür eingeschickter Text:

„Menschen und Tiere - eine elende und beklagenswerte Beziehung seit langer Zeit. Treffliches dazu las ich grad in der Main-Post vom 17. Februar. Zum einen war‘s der Leitartikel, der sich mit den Schlächtereien in Schlachthöfen befaßte, und zum anderen sind‘s zwei Leserbriefe im Hammelburger Teil gewesen, die die Feldzüge unserer Jägerschaft zum Thema hatten. Beim Lesen kam er mir wieder in den Sinn, der leider nur allzu wahre Ausspruch von Karlheinz Deschner: 'Gegenüber dem Tier ist der Mensch Gewohnheitsverbrecher'.“

Erschienen ist dann am 22. Februar in der Zeitung:

„Beim Lesen kam mir wieder ein allzu wahrer Ausspruch von Karlheinz Deschner in den Sinn: 'Gegenüber dem Tier ist der Mensch ein Gewohnheitsverbrecher'.“

 

Die Beschwerde

G.W. beschwert sich. Die wesentlichen Eingangssätze seien weggelassen worden, besonders im Bezug auf die Jagd. So habe man ihn in einen „luftleeren Raum sinnlos hineinreden“ lassen. Ein „nur“ sei vernichtet worden und Deschner werde noch im Grab belehrt, dass ein „ein“ zwischen Mensch und Gewohnheitsverbrecher angebracht wäre. Das ist für G.W. unredlich und unter seinem Namen eine Fälschung.

 

Formale Streichung

Die Redaktion begründet die Streichung der ersten Sätze nüchtern und sachlich. Sie bezogen sich auf Zuschriften in einer Lokalausgabe, die nicht – wie nun der Leserbrief –, in der Gesamtausgabe zu lesen waren. Deren Lesern hätte somit der Bezug gefehlt. So wurde aus formalen Gründen mehr als die Hälfte gestrichen. Unnötig, meine ich. Man hätte ausnahmsweise mal anders entscheiden können, zugunsten des Leserbriefschreibers. Denn der  Hinweis von G.W. auf den Inhalt der Briefe aus dem Lokalteil („Feldzüge unserer Jägerschaft“ - siehe auch Fotos) hätte den Sinn für alle Leser ausreichend erhalten. Möglicherweise wären die ersten Sätze nicht gestrichen worden, hätte. G.W. nur über Feldzüge der Jägerschaft geschrieben, ohne sich auf die lokalen Leserbriefe zu beziehen.

 

 

 

Leserbrief Hammelburg zur Jagd
Nur in einem Lokalteil am 17.2.18 erschienen. Leserbrief zum Thema Jagd.
Leserbrief vom 17.2. Hammelburg
Dieser Leserbrief war ebenfalls am 17.2 nur im Lokalteil Hammelburg in der Kissinger Ausgabe zu lesen.

 

 

 

 

Redaktioneller Sündenfall

Der für die Veröffentlichung eingesetzte unbestimmte Artikel „ein“ mag bedeutungslos wirken. Er dokumentiert aber einen redaktionellen Sündenfall. Die Ergänzung, so gering sie auch sein mag, hat in einem wörtlichen Zitat aus dem Werk eines Dritten absolut nichts zu suchen.

 

Großzügigkeit für Leserbriefschreiber

In einen luftleeren Raum hat G.W. aber trotzdem nicht hineingeredet, weil die gesamte Leserbriefseite an diesem Tag alleine den Vorgängen im Tauberbischofsheimer Schlachthof gewidmet war (Überschrift: „Wenn nur der Profit im Vordergrund steht, sind die Tiere die Verlierer“ - siehe Foto).

 

 

Leserbriefseite vom 22.2.18
Die Leserbriefseite vom 22.2.18 zu nur einem Thema. Kein luftleerer Raum also, auch nicht für einen kurzen Brief.

 

 

 

Jedenfalls entschuldige ich mich bei G.W., halte aber fest, dass von Fälschung nicht die Rede sein kann. Es geht um Fehler und bei Streichungen um fehlende Großzügigkeit. Genau die haben gerade jene Leute verdient, die sich die Mühe machen, Leserbriefe zu schreiben. Die gehören zum demokratischen Diskurs und stärken ihn auch in der Zeitung. Und das ist neben den digitalen Medien dringend notwendig. So bitte ich Herrn G.W.: Geben Sie nicht auf.

Frühere Leseranwalt-Kolumnen zu Leserbriefen:

"Ein Eingeständnis wäre gut gewesen" (Sept. 2017)

"Des Lesers Gedanke in Kürze bringt dem Nachrichtenfluss die Würze" (Apr. 2010)

"Volkes Meinung wird nicht unbedingt in veröffentlichten Leserbriefen deutlich" (Juli 2014)

"Ein Lebenselement, die Leserbriefschreiber" (Juni 2015)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Rückblick

  1. Persönlichkeitsschutz verletzt
  2. Empfehlung für mehr Transparenz
  3. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  4. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  5. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  6. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  7. Niemand muss anonym informieren
  8. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  9. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  10. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  11. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  12. Die Straftat und der Verdacht
  13. Kräftige Worte von Marcel Reif
  14. Das war keine Würdigung
  15. Das Missverständnis mit der Zensur
  16. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  17. Meinungen ertragen lernen
  18. Keine Schablone über Redaktionen legen
  19. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  20. Konzeptionelles Nachdenken
  21. Amtsperson war früher
  22. Fußball kann man überblättern
  23. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  24. Falsche Tatsache im Leserbrief
  25. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  26. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  27. Geschmackssache: Foto von Merz
  28. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  29. Ungleichgewicht in Zahlen
  30. Nachgeholte Berichtigungen
  31. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  32. Ein Plädoyer für Transparenz
  33. Verpixeln oder nicht?
  34. Heiße Tage und Nächte
  35. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  36. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  37. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  38. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  39. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  40. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  41. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  42. Reichweite ist nicht alles
  43. Lehren für den Journalismus
  44. Kritikwürdiges Boulevardstück
  45. Analysen sind Meinung
  46. Wer hat hier Kummer mit wem?
  47. Treffende Argumente statt zuspitzender Worte
  48. Die überflüssige Ohrfeige
  49. Wenn Söder im Bericht plötzlich ätzt
  50. Der verbrämte Nazi-Vergleich

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