LESERANWALT

Liefern Journalisten nur das, was Konsumenten haben wollen?

Kein Populistenfoto
Warum sollte man hier einen der Populisten abbilden und ihm Aufmerksamkeit verschaffen... Ich habe verzichtet.

Wissen Sie, was die Aufmerksamkeitsfalle ist? Ich antworte mit einer sehr bedenkenswerten Deutung des Schweizer Medienforschers und -Praktikers Matthias Zehnder, entnommen einer aktuellen  Veröffentlichung des Europäischen Journalismus Observatoriums (EJO/März 2018). Medien können zum Populismus führen, indem sie sich vor den Karren von Populisten wie Trump, Strache, Le PEN oder Gauland spannen lassen.

 

Selber schuld

Diese Entwicklung zum Populismus zeige Zehnder mit einer „steilen“ These auf, meint Journalistikprofessor Stephan Russ-Mohl in der EJO-Darstellung. Sie lautet: Am Erfolg von Trump seien „ganz zuvorderst die Medien selber schuld. Und zwar konkret die Journalisten.“ Die würden in der Aufmerksamkeitsfalle zappeln. Sie hätten häufiger über Trump berichtet als über Clinton.

 

Schlagzeilenträchtige Provokationen

Laut Zehnder lässt der verschärfte Kampf um die Aufmerksamkeit von uns allen die Medien boulevardesker werden. Man bediene niedrige Instinkte und ermögliche es Populisten, die Journalisten mit Provokationen immer wieder schlagzeilenträchtig vor ihren Karren zu spannen. Für Glaubwürdigkeit, so Zehnder, müssen Journalisten „relativieren“. Aber um Aufmerksamkeit zu holen, müssen sie „verabsolutieren, sprich: zuspitzen, übertreiben, emotionalisieren und moralisieren“.

 

Entscheidung für den Sofortgewinn

Das Problem: Die zugespitzte „Aufmerksamkeit zahlt sich sofort aus, eine Investition in die Glaubwürdigkeit erst mit der Zeit.“ Immer mehr seriöse Medien entschieden sich folglich für den Sofortgewinn. Der lässt sich in Internetangeboten in Zahlen gleich nachweisen, so auch bei dieser Zeitung. Ein verständlicher Grund dafür, warum auch diese Kolumne unter mainpost.de digital kaum sichtbar wird. Es lohnt sich, hin und wieder bewusst auf die Beiträge zu schauen, die in den Internetangeboten seriöser Medien hervorgehoben und die am meisten gelesen werden. So lassen sich Entwicklungen erkennen.

 

Kostenpflichtige "Vitamine"

Journalisten, so Zehnder, lieferten aber nur das, was Konsumenten haben wollen. Ich füge hinzu, dass sie vor allem das in den Vordergrund stellen. Konsumenten, so erklärt Zehnder, seien mit 250 Fernsehkanälen und anschwellender Informationsflut im Internet überfordert. Zu viele Wahlmöglichkeiten würden quälen – so greife man „immer mehr zu den meist kostenfreien Schleckereien fürs Gehirn und lasse die eher kostenpflichtigen geistigen Vitamine links liegen“.

 

Zehnder: Im Populismus gibt es die Wahrheit nicht mehr

Zehnder wirft die Frage auf, weshalb sich seriöse Medien, etwa die New York Times, den Populismus-Effekten nicht entziehen könnten und über Trump genauso viel berichteten wie dessen Hausmedien. Seine Antwort: „Weil die Art, wie Trump mit Fakten umgeht, für seriöse Medien ein echter Skandal ist.“ Und sie seien darauf ausgerichtet, Skandale aufzudecken und „die Wahrheit zu finden“. Doch im Populismus gebe es die Wahrheit nicht mehr. Was wahr ist, bestimme der Stärkere. Und stärker sei, wer die Medien dominiere. Also der populistische Politiker.

Hier drängt es mich hinzuzufügen: Verhindern können das die Journalisten, die sich vor keinen Karren spannen lassen. Aber auch alle, die ihre Aufmerksamkeit nicht nur in die aufgezeigte Falle lenken, sondern mehr kostenpflichtigen Journalismus nutzen, verhindern Populismus. Ein Stichwort dafür lautet: #Medienkompetenz.

Frühere ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

"Wichtige Nachrichten, die in der Zeitung niemand vermissen würde" (Sept. 2009)

"Der wachsende Anspruch an Schlagzeilen und die Suche nach dem Bleibenden" (Juni 2016)

"Journalistische Angebote müssen auch auf mainpost.de finanziert werden" (Juni 2012)

"Nachrichtensprache belastet Menschen, die vor Krieg, Elend und Terror geflohen sind" (Dez. 2015)

"Zur Suggestivkraft eines großen Bildes" (Okt. 2012)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Rückblick

  1. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  2. Was nicht berichtet wurde
  3. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  4. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  5. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  6. Fotografierte Zeitgeschichte
  7. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  8. Persönlichkeitsschutz verletzt
  9. Empfehlung für mehr Transparenz
  10. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  11. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  12. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  13. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  14. Niemand muss anonym informieren
  15. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  16. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  17. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  18. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  19. Die Straftat und der Verdacht
  20. Kräftige Worte von Marcel Reif
  21. Das war keine Würdigung
  22. Das Missverständnis mit der Zensur
  23. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  24. Meinungen ertragen lernen
  25. Keine Schablone über Redaktionen legen
  26. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  27. Konzeptionelles Nachdenken
  28. Amtsperson war früher
  29. Fußball kann man überblättern
  30. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  31. Falsche Tatsache im Leserbrief
  32. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  33. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  34. Geschmackssache: Foto von Merz
  35. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  36. Ungleichgewicht in Zahlen
  37. Nachgeholte Berichtigungen
  38. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  39. Ein Plädoyer für Transparenz
  40. Verpixeln oder nicht?
  41. Heiße Tage und Nächte
  42. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  43. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  44. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  45. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  46. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  47. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  48. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  49. Reichweite ist nicht alles
  50. Lehren für den Journalismus

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