Nackte Pappmaschee-Kanzlerin ist kein Sündenfall

Nach einigem Zögern habe ich mich nun doch entschlossen, hier auf die Klage einer Frau, die sich als treue jahrzehntelange Leserin unserer Zeitung vorstellt, einzugehen.

Sie schreibt, dass sie die Ausgabe vom vergangenen Dienstag (Ich merke an, Faschingsdienstag!) verärgert hat. Die Dame geht davon aus, dass es gewiss noch „vielen anderen weiblichen Wesen“ genauso ergangen ist. Anstoß nimmt sie an einem Bild der nackten Kanzlerin Angela Merkel oben auf der Titelseite der Ausgabe jenes Tages. „Ich bin bestimmt nicht prüde oder altmodisch oder verkorkst“, so fährt sie fort, „aber muss denn unbedingt Frau Merkel als Kanzlerin als Titelfigur in der Zeitung nackt abgelichtet werden?“ Dieses, so lautet ihre Antwort, gehe ihr einfach zu weit.

Ja, verehrte Leserinnen und Leser, vielleicht ist sie Ihnen entgangen, die nackte Kanzlerin. Sie wurde tatsächlich sichtbar auf einem Foto vom Düsseldorfer Rosenmontagszug, überlebensgroß auf einen der Wagen draufmodelliert, wohl komplett aus dem Material, aus dem Fastnachtsfiguren sind. Auf diese Weise karikierten die Karnevalisten vom Rhein den Kauf der Steuersünder CD gleichsam als Südenfall.

Einen journalistischen Sündenfall vermag ich in der Veröffentlichung dieses Bildes freilich nicht zu erkennen und ich glaube auch nicht, dass mit dem stilisierten Abbild einer unbekleideten Politikerin noch andere weibliche Wesen beleidigt werden.

Nun erweckt die Kritikerin aber verstärkt mein Interesse, weil sie ihrem Beispiel generell hinzufügt, dass Sie das Gefühl hat, manche Themen würden in dieser Zeitung sehr reißerisch dargestellt. Das soll nicht sein und das war nie Ziel unserer Redaktion. Sie betreibt keinen reißerischen Journalismus und will sich nicht – wie die Kritikerin mutmaßt – an einem Sensationsblatt messen.

Die Meinungen darüber, was reißerisch ist, können weit auseinandergehen. Das beweist schon die nackte Kanzlerin vom Düsseldorfer Rosenmontag. Auseinandersetzen würde ich mich aber schon damit, wenn mir tatsächlich Fälle (mit Begründungen) genannt werden können, bei denen Inhalte reißerisch, also auf billige, primitive Art in unserer Zeitung aufgebauscht worden sind, um so Wirkung zu erzielen.

Rückblick

  1. Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen
  2. Ein Leser, der sich bedroht fühlt
  3. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
  4. Auch Leugner haben das Wort
  5. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  6. Eine Beteiligte hat berichtet
  7. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  8. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  9. Raser und ihre Fahrzeuge
  10. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  11. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  12. Was nicht berichtet wurde
  13. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  14. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  15. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  16. Fotografierte Zeitgeschichte
  17. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  18. Persönlichkeitsschutz verletzt
  19. Empfehlung für mehr Transparenz
  20. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  21. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  22. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  23. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  24. Niemand muss anonym informieren
  25. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  26. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  27. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  28. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  29. Die Straftat und der Verdacht
  30. Kräftige Worte von Marcel Reif
  31. Das war keine Würdigung
  32. Das Missverständnis mit der Zensur
  33. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  34. Meinungen ertragen lernen
  35. Keine Schablone über Redaktionen legen
  36. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  37. Konzeptionelles Nachdenken
  38. Amtsperson war früher
  39. Fußball kann man überblättern
  40. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  41. Falsche Tatsache im Leserbrief
  42. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  43. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  44. Geschmackssache: Foto von Merz
  45. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  46. Ungleichgewicht in Zahlen
  47. Nachgeholte Berichtigungen
  48. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  49. Ein Plädoyer für Transparenz
  50. Verpixeln oder nicht?

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