LESERANWALT

Nebelschwaden im szenischen Einstieg

"Wenn Nebelschwaden wabern". Eine Warnung vor szenischen Einstiegen. Dieses Leserfoto aus dem Oktober 2018 aus dem Archiv, hier ob des Nebels als Symbolbild eingesetzt, zeigt "Die Weinhalla" in der Weinlage Sulzfelder Maustal über dem in Nebel verhüllten Maintal. Im Hintergrund ... Foto: Jürgen Hermann

Die folgenden Zeilen sollen für Leser hilfreich sein und zur Verbesserung ihrer Medienkompetenz beitragen. Ich habe sie mir aus der Schweiz geholt. Es geht darum, wie in Veröffentlichungen bestimmte Stimmungen hergestellt werden. Doch nicht immer passen diese Stimmungen stimmig zur Nachricht.

 

Bilder im Kopf

„Wie durchschaut man sofort, wenn Journalisten (dadurch) ihre Artikel verfälschen?“ Kurt W. Zimmermann, bis vor kurzem Chefredakteur des Branchenblattes „Schweizer Journalist“, warnt in einer "Anleitung" nicht ganz ohne Ironie beim Europäischen Journalismus Observatorium (https://de.ejo-online.eu/). Überschrift, „Mach mir eine Szene“. Es geht ihm um „szenische Einstiege“. Ein journalistisches Stilmittel mit dem man, so Zimmermann, „beim Leser sogenannte 'Bilder im Kopf' erzeugen will, so wie im Kino.“

 

Erfunden oder manipuliert

„Wenn Sie so etwas lesen“, so fährt Zimmermann fort, „dann müssen Sie wissen: Die Szene ist erfunden oder vom Journalisten zumindest manipuliert.“ Beim Spiegel, so behauptet er ziemlich hart, würden Dutzende von Artikeln von Erfindungen und Verfälschungen strotzen, und zwar nicht nur die von „Oberfälscher Claas Relotius“.

 

Zurückhaltung bei szenischen Elementen

„All die armen Kinder in Syrien, all die bösen Rechtsradikalen in den USA“ – alles sei erfunden. Szenische Elemente sollten nur noch zurückhaltend eingesetzt werden, weil sie enorm fälschungsanfällig sind, empfehle mittlerweile auch der Spiegel seinen Autoren. „Möchtegern-Dichter“ des Blattes würden sich aber nicht daran halten. So sei Kitsch, was der Spiegel über die Klimaaktivistin Greta Thunberg publizierte: „Eine der Demonstrantinnen scheint nicht so richtig dazuzugehören, sie ist kleiner als alle anderen. Wie sie da so steht, mittendrin und doch allein, erinnert es ein wenig an Leonardo da Vincis Gemälde Das Abendmahl. Es ist Greta Thunberg [. . .] erhaben und entrückt.“

 

Wabernde Nebelschwaden

Diese Seuche sei in der Schweiz ähnlich verbreitet. Seinen Beweis, „mit dem übelsten Klischee, das es gibt“, nennt er selbst "gemein": Etwa wenn „die Nebelschwaden ziehen“ oder „die Nebelschwaden wabern“. So schreibe die Neue Züricher Zeitung über Mobilfunkantennen: „Nebelschwaden umwölken die Berggipfel.“, die Basler Zeitung über Shopping, „Nebelschwaden ziehen durch die Gassen“, die Berner Zeitung über Jodeln, „Nebelschwaden ziehen über die Hügel“, die Aargauer Zeitung über ein Attentat, „Nebelschwaden wabern um die Birken“, der Bund über eine Uhrenfirma; „Nebelschwaden hängen über der Gemeinde.“ - „Nebelschwaden, manchmal bellende Hunde und Leonardo da Vinci.“ - Das habe mit echtem Journalismus nichts zu tun.

 

Wie steht es mit dieser Zeitung?

Kritisch mit anderen umzugehen ist einfach. Seien wir selbstkritisch: Fallen Ihnen ähnlicher Kitsch oder andere szenische Thema-Verfehlungen in dieser Zeitung auf?  Wenn ja, schreiben Sie mir! Ich selbst habe zuletzt keine entdecken können. – Passend finde ich den szenischen Einstieg am 19.8. zu „Die Kuh, das wilde Wesen: So friedlich liegen sie da und käuen wieder...“ usw. (Siehe Kopie unten)

Ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

"Meine Wahrheit, deine Wahrheit und die Wahrheit, die Journalisten nicht gepachtet haben" (2012)

"Auf der Leiter des Erzählens sinnlich einsteigen, damit alle Leser folgen können" (2011)

"Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite" (2018)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe www.vdmo.de

Die Kuh, das wilde Wesen. Main-Post vom 19.8.2019
Ein stimmiger szenischer Einstieg .... (Main-Post vom 19.8.19)

Rückblick

  1. Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen
  2. Ein Leser, der sich bedroht fühlt
  3. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
  4. Auch Leugner haben das Wort
  5. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  6. Eine Beteiligte hat berichtet
  7. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  8. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  9. Raser und ihre Fahrzeuge
  10. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  11. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  12. Was nicht berichtet wurde
  13. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  14. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  15. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  16. Fotografierte Zeitgeschichte
  17. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  18. Persönlichkeitsschutz verletzt
  19. Empfehlung für mehr Transparenz
  20. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  21. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  22. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  23. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  24. Niemand muss anonym informieren
  25. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  26. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  27. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  28. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  29. Die Straftat und der Verdacht
  30. Kräftige Worte von Marcel Reif
  31. Das war keine Würdigung
  32. Das Missverständnis mit der Zensur
  33. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  34. Meinungen ertragen lernen
  35. Keine Schablone über Redaktionen legen
  36. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  37. Konzeptionelles Nachdenken
  38. Amtsperson war früher
  39. Fußball kann man überblättern
  40. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  41. Falsche Tatsache im Leserbrief
  42. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  43. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  44. Geschmackssache: Foto von Merz
  45. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  46. Ungleichgewicht in Zahlen
  47. Nachgeholte Berichtigungen
  48. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  49. Ein Plädoyer für Transparenz
  50. Verpixeln oder nicht?

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