LESERANWALT

Raser und ihre Fahrzeuge

Sportwagen werden nicht unbedingt auch schnell gefahren, kennzeichnen also auch nicht automatisch ihre Fahrer als Raser. Archivbild der Auspuffrohre eines historischen Sportwagens aus 2018. Foto: Wolfgang Dehm

Zwei Überschriften aus der Zeitung hat Leser R.K. bei mir zurecht kritisch angesprochen:  „Porsche rast auf Gehweg“  (7.9.) und „Sportwagen rast mit 140 km/h durch Höchberg“ (3.9.). Die Main-Post sei mit solchen Titelzeilen freilich nicht alleine, stehe die eine doch über einer Meldung der dpa (Deutsche Presseagentur). Aber „was, bitte“, fragt R.K., „hat der 'Sportwagen´ damit zu tun, dass irgendein verantwortungsloses A........ damit mit 138 durch Höchberg fährt?“ (Kopie der Zeitungsartikel am Ende des Textes)

 

Der Wagen ist nicht schuld

Sachlich stellt R.K. fest: „der 'Sportwagen‘ fährt nicht, sondern er wird vom Fahrer auf diese Geschwindigkeit beschleunigt.“ Müsse der Titel dann nicht heißen, „Raser gefährdet Menschen ... “ – Stimmt. Wie würde die MP denn berichten, fragt R.K. zur Begründung, wenn ich mit meinem biederen Wagen der Schuldige wäre? Etwa: „Skoda Fabia rast mit 140 durch Höchberg“? - Kaum.

 

Die Marke ist irrelevant

Wir wissen: Wer Sportwagen fährt, rast nicht automatisch und wer einen Kleinwagen fährt, tut das nicht immer langsam. Tatsächlich ist es aber selten, dass unauffällige Automarken oder -typen in Redaktionen zur Überschrift gemacht werden. Das verspricht nur wenig Aufmerksamkeit in der Leserschaft. Anders bei Fahrzeugen, die (wie traditionell Porsche) mit der Möglichkeit ausgestattet sind, besonders schnell damit fahren zu können. Das gilt somit also auch für die Porsche-Nachricht aus Berlin. Ein gefährliches Überholmanöver dieses Fahrzeugs hatte tödliche Folgen.

Jedoch merkt R.K.an: „Wenn ein Mensch mit seinem Auto andere Menschen totfährt, ist es völlig irrelevant, welche Marke dieses Auto hat.“  Bei allem notwendigen Mitgefühl für Opfer und Angehörige - damit liegt R.K. grundsätzlich richtig.

 

Fahrzeugtypen dürfen auch genannt werden

Natürlich ist es nicht verboten, Autotypen zu benennen, mit denen gegen Regeln verstoßen wird oder deren Fahrer an Unfällen schuldhaft beteiligt sind. Wenn das aber geschieht, sollte die Nennung des Typs mindestens nachvollziehbar begründet sein. Etwa durch die Erklärung, dass das Vergehen mit anderen Kfz-Typen wohl so hätte nicht passieren können. Weil in beiden Nachrichten, die vor Wochen aktuell erschienen sind, solche Umstände nicht (oder noch nicht) zu erkennen waren, sind die Überschriften kritikwürdig. Sie sind nicht wertfrei. Kann man doch unterstellen, dass darin das weit verbreitete Vorurteil steckt, dass Fahrer von Sportwagen und von Porsche rasen. Nicht dass die gleich einer schwachen Minderheit besonders schützenswert wären. Ausschlaggebend ist, das Nachrichten ohne Unterschied immer journalistisch sauber gestaltet sein sollten. Für Meinungsbeiträge gelten bekanntlich andere Regeln.

 

Ein Hinweis für das (Unter-)bewusstsein

Später hat eine kontroverse Diskussion über die besonders stabile Bauweise von SUVs (... nicht unbedingt gefährlicher") eingesetzt, weil die bei Unglücksfällen besonders gefährdend für beteiligte andere Verkehrsteilnehmer sein kann. In Berichten über diese Situation ist natürlich die Nennung von Fahrzeugtypen nachvollziehbar und unvermeidlich, egal welche Meinung man dabei vertritt.

Weil es hier journalistisch auch um eine ethische Dimension geht, unterstreiche ich, was Herr R.K. einräumt: Die benannten Beispiele seien „im großen News-Geschäft Kinkerlitzchen“. Dessen Hektik lässt er aber nicht als Ausrede gelten. Es geht ihm um das (Unter-)Bewusstsein, das auch in Redaktionen geschult werden müsse. Und vielleicht sei eine Kritik von außen da ganz nützlich. - Das ist sie.

Ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

"Tritt gegen einen Hund und die überflüssige Information" (2010)

"Vom Bewusstsein über eine korrekte Überschrift im Stich gelassen" (2016)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Main-Post vom 3.9.2019
Nachrichten-Überschrift aus der Main-Post vom 3.9.2019. Sie ist nicht wertfrei.
Nachricht aus Main-Post vom 7.9.19
Tödlicher Unfall. Dass ein Porsche gerast sein soll, spielt bei dieser ersten Nachricht keine Rolle, zumal der Hergang n...

Rückblick

  1. Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen
  2. Ein Leser, der sich bedroht fühlt
  3. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
  4. Auch Leugner haben das Wort
  5. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  6. Eine Beteiligte hat berichtet
  7. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  8. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  9. Raser und ihre Fahrzeuge
  10. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  11. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  12. Was nicht berichtet wurde
  13. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  14. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  15. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  16. Fotografierte Zeitgeschichte
  17. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  18. Persönlichkeitsschutz verletzt
  19. Empfehlung für mehr Transparenz
  20. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  21. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  22. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  23. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  24. Niemand muss anonym informieren
  25. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  26. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  27. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  28. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  29. Die Straftat und der Verdacht
  30. Kräftige Worte von Marcel Reif
  31. Das war keine Würdigung
  32. Das Missverständnis mit der Zensur
  33. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  34. Meinungen ertragen lernen
  35. Keine Schablone über Redaktionen legen
  36. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  37. Konzeptionelles Nachdenken
  38. Amtsperson war früher
  39. Fußball kann man überblättern
  40. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  41. Falsche Tatsache im Leserbrief
  42. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  43. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  44. Geschmackssache: Foto von Merz
  45. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  46. Ungleichgewicht in Zahlen
  47. Nachgeholte Berichtigungen
  48. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  49. Ein Plädoyer für Transparenz
  50. Verpixeln oder nicht?

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