LESERANWALT

Redaktionelle Entscheidungen überprüfen

Knifflige Abwägung
Halt heißt es zuweilen vor redaktionellen Entscheidungen. Nicht alles was aus Pressemitteilungen der Polizei hervorgeht, muss auch zum Inhalt von Veröffentlichungen werden. Es handelt sich hier um ein Symbolfoto.  Foto: Patrick Pleul, dpa

Redakteure - wem sage ich es - haben nicht immer recht. Nach schwierigen Entscheidungen sind sie sich ihrer Sache auch mal nicht so sicher. Ist doch Journalismus kein Ding, über das man eine Schablone legen kann, um zu erkennen, ob richtig oder falsch, gut oder schlecht.

Knifflige Abwägungen können anstehen, wenn es um die Frage geht, ob Nationalität oder ethnische Zugehörigkeit einer Person genannt werden soll, die einer Straftat verdächtigt wird. Klar ist nur: Diskriminiert werden darf dadurch keine Minderheit.

Dafür steht die Richtlinie 12.1 im Kodex des Deutschen Presserates. Ausführliche Praxis-Leitsätze sollen Journalisten helfen, zu bewerten: Wann ist das öffentliche Interesse höher einzuschätzen, als der Schutz einer Minderheit, der eine verdächtige oder auch überführte Person angehört. Trotz aller Hilfestellungen kommt man gelegentlich zu unterschiedlichen Bewertungen. Auch grundsätzliche redaktionelle Erklärungen helfen im Einzelfall zuweilen nicht weiter. Meist sind andere Umstände zu beachten.

Leser fragt nach Bedeutung

Jüngst ist das so gewesen. Da war zu lesen, dass es ein Deutscher aus Schweinfurt in psychischer Ausnahmesituation war, als er mehrere Personen tätlich angegriffen haben soll. Zwei davon verletzte er mit einer Gasflasche. Der festgenommene Verdächtige wurde ob vermuteter Gefährlichkeit in ein Bezirkskrankenhaus eingeliefert. Siehe "Psychisch belasteter Mann greift in Schweinfurt Passanten an".

Da kommentiert ein Leser unter dem digitalen Text: „<…> in wie fern ist es hier von Bedeutung, dass es sich um einen Deutschen handelt? Ist schon auffällig wie Sie sich Ihre selbstauferlegten Regeln zusammen basteln.“ Ein anderer Leser legt nach: „Ein Nicht-Deutscher wäre hier sicherlich nicht erwähnt worden. Ist wirklich auffällig, aber Gang und Gebe.“

Deutsche sind keine Minderheit

Gegen die Vorwürfe dieser Kritiker, denen ich keine diskriminierenden Absichten unterstellen möchte, blieb der redaktionelle Verweis auf den Pressekodex und auf ihre feste Absicht, niemanden zu diskriminieren, wirkungslos. Letzteres war im vorliegenden Fall ohnehin nicht möglich. Deutsche sind hierzulande keine Minderheit, die Diskriminierung zu befürchten hätte.

Die Nationalität des psychisch belasteten Verdächtigen war aber für die ihm vorgeworfenen Taten ohne Bedeutung, andernfalls hätte das berichtet werden müssen. Ihre Nennung war inkonsequent. Sie hat Argumente in Frage gestellt, die dafür gestanden hätten, wäre die Herkunft bei einem Asyl suchenden Menschen weggelassen worden. Tat und Umstände reichen nicht aus, um daraus Interesse der Öffentlichkeit an der Herkunft eines Verdächtigen abzuleiten. Nicht alles was in den Pressemitteilung der Polizei steht, muss deshalb zum Inhalt von Veröffentlichungen der Medien werden. Deren ethische Verantwortung reicht weiter.

Eigene Entscheidungen überprüfen

Nun geht es mir weniger darum, einen Fehler zu kennzeichnen. Vielmehr möchte ich Redakteure ermuntern, in Diskussionen mit Lesern deren Bewertungen zu verstehen und dabei eigene Entscheidungen zu überprüfen. Hier werde es angebracht gewesen.

Siehe auch frühere Leseranwalt-Kolumnen:

Redaktionen müssen auch Grenzen des öffentlichen Interesses achten (2019)

Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen (2019)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Rückblick

  1. Bericht über Kirchenprotest in Forst: Verstoß gegen Pressekodex
  2. Leseranwalt: Aufwändige Prüfung steht Veröffentlichung im Wege
  3. Leseranwalt: Öffentliches Interesse gegen Privatsphäre
  4. Leseranwalt: Ein Kollege, vor dem ich meinen Hut ziehe
  5. Leseranwalt: Sensationsinteressen bedient
  6. Erkennen Sie, was Nachrichten mit ihrem Gehirn machen
  7. Wer die Verantwortung trägt, entscheidet
  8. Redaktionelle Entscheidungen überprüfen
  9. Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen
  10. Ein Leser, der sich bedroht fühlt
  11. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
  12. Auch Leugner haben das Wort
  13. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  14. Eine Beteiligte hat berichtet
  15. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  16. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  17. Raser und ihre Fahrzeuge
  18. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  19. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  20. Was nicht berichtet wurde
  21. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  22. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  23. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  24. Fotografierte Zeitgeschichte
  25. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  26. Persönlichkeitsschutz verletzt
  27. Empfehlung für mehr Transparenz
  28. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  29. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  30. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  31. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  32. Niemand muss anonym informieren
  33. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  34. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  35. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  36. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  37. Die Straftat und der Verdacht
  38. Kräftige Worte von Marcel Reif
  39. Das war keine Würdigung
  40. Das Missverständnis mit der Zensur
  41. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  42. Meinungen ertragen lernen
  43. Keine Schablone über Redaktionen legen
  44. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  45. Konzeptionelles Nachdenken
  46. Amtsperson war früher
  47. Fußball kann man überblättern
  48. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  49. Falsche Tatsache im Leserbrief
  50. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite

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