LESERANWALT

Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen

NewsdeskAktuelles am 9. Mai 2017
Die Arbeit von Journalisten und von Redaktionen soll transparent sein, das kann Medienvertrauen verbessern.Hier ein Blick auf auf einen Teil des Newsdesks in Würzburg aus dem Jahr 2017. Ein aktuelles Foto würde zeigen, dass dort einiges verändert worden ist. Foto: Sahlender Foto: Anton Sahlender

Medienvertrauen ist unverzichtbar, deshalb ein häufig genutzter Begriff. Auch weil etablierte Medien unter Druck geraten sind. Verschwörungstheorien, meist im Internet verbreitet, aber auch eigene Fehlentwicklungen (siehe Relotius/Spiegel) belasten das Vertrauen.

 

Kein Grund zum Ausruhen

Ob seiner Bedeutung ist Medienvertrauen zunehmend Gegenstand von Aktionen und Untersuchungen. Auf einer Langzeitstudie der Uni-Mainz für 2018, die besagt, dass das Medienvertrauen insgesamt stabil sei, oder der Universität Würzburg (Vertrauen so hoch wie seit 15 Jahren nicht mehr), kann man sich eben nicht ausruhen. Das Bestreben seriöser Medien muss anhalten, Vertrauen in Zeiten schneller Veränderungen in der Branche und in den Redaktionen zu stabilisieren. Denn es wird wohl niemand bestreiten, dass Journalismus auch in Zukunft bei Lesern, Sehern, Hörern und digitalen Nutzern voll darauf setzen muss. Wo Vertrauen verloren gegangen ist, soll es zurückgewonnen werden. Diesem Ziel muss auch journalistische Ausbildung gelten.

 

Bundesweiter Aufruf

Seit diesem Jahr läuft ein bundesweiter Aufruf „Medienvertrauen“, initiiert und vorgetragen von Persönlichkeiten aus Journalismus und Wissenschaft, gerichtet an Journalistenschulen, Universitäten, Tageszeitungen, Verlegerverbände, Journalistengewerkschaften, Medienakademien, öffentlich-rechtliche Sender und Landesmedienanstalten. Die Vereinigung der Medien-Ombudsleute (VDMO), der ich als Leseranwalt angehöre, beteiligt sich gemäß ihrem Vereinszweck.

 

Kontakt mit dem Publikum

Der Aufruf propagiert direkten Kontakt mit dem Publikum als einen der Wege, Vertrauen zu erhalten bzw. zu schaffen – per Email und auf anderen elektronischen Wegen, am besten persönlich. Bevorzugt sollen Journalisten Medienkompetenz in Schulen tragen. Das soll Durchschaubarkeit redaktioneller Arbeit, kurzum Transparenz schaffen. Zu diesem Zweck lädt nicht nur diese Zeitung auch Leser/innen monatlich zu Gesprächen in die Redaktion ein. Das zeigt zudem Dialogbereitschaft und Kritikfähigkeit. Angestrebt wird, das künftig stärker zu betonen, mehr noch als ich es durch diese Leseranwalt-Kolumne seit 2004 regelmäßig versuche.

 

Zugeknöpfte Redaktionen

Ich habe den bundesweiten Aufruf dargestellt, einerseits weil sie ein kritischer Medienjournalist mir gegenüber gelobt hat, aber weil er andererseits auch Wesentliches beklagt hat: Bei Anfragen, die die eigene Arbeit betreffen, erlebe er leider Redaktionen, Verlage und Funkhäuser (auch öffentlich-rechtliche) besonders zugeknöpft. Das gelte auch für Kollegen/innen, die selbst in Medienressorts arbeiten.

Das mag als Warnung wirken. Denn journalistische Beiträge über Medien sollen ebenfalls Medienkompetenz und Vertrauen schaffen. Zugeknöpfte Journalisten stehen mit solchem Verhalten gegenüber Kollegen/innen sich selbst und ihren Bemühungen im Wege.

Frühere Leseranwalt-Kolumnen zum Thema:

"Interessenskonflikte von Autoren müssen erkennbar sein" (2017)

"Wider höfliche Antwort-Phrasen" (2018)

"Zeit für Gespräche mit dem Publikum nehmen" (2017)

"Transparenz, Baustein für Glaubwürdigkeit" (2017)

"Analysen sind Meinung" (2018)

"Fragen und Antworten die Fragen aufwerfen" (2018)

"Herkunft von Nachrichten offenlegen" (2018)

"Transparenz für das redaktionelle Konzept" (2018)

"Ein Plädoyer für Transparenz" (2018)

 "Empfehlung für mehr Transparenz" (2019)

"Quellenangaben gegen Fakes" (2018)

"Nachgeholte Berichtigungen" (2018)

"Die Pressefreiheit und das Vertrauen" (2017)

"Guter Vorsatz für 2017, mehr Quellenklarheit" (2016)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Rückblick

  1. Raser und ihre Fahrzeuge
  2. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  3. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  4. Was nicht berichtet wurde
  5. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  6. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  7. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  8. Fotografierte Zeitgeschichte
  9. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  10. Persönlichkeitsschutz verletzt
  11. Empfehlung für mehr Transparenz
  12. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  13. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  14. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  15. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  16. Niemand muss anonym informieren
  17. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  18. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  19. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  20. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  21. Die Straftat und der Verdacht
  22. Kräftige Worte von Marcel Reif
  23. Das war keine Würdigung
  24. Das Missverständnis mit der Zensur
  25. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  26. Meinungen ertragen lernen
  27. Keine Schablone über Redaktionen legen
  28. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  29. Konzeptionelles Nachdenken
  30. Amtsperson war früher
  31. Fußball kann man überblättern
  32. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  33. Falsche Tatsache im Leserbrief
  34. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  35. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  36. Geschmackssache: Foto von Merz
  37. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  38. Ungleichgewicht in Zahlen
  39. Nachgeholte Berichtigungen
  40. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  41. Ein Plädoyer für Transparenz
  42. Verpixeln oder nicht?
  43. Heiße Tage und Nächte
  44. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  45. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  46. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  47. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  48. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  49. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  50. Aufgeklebte Werbung einer Partei

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