Sorge für die Zukunft im Internet – nicht Sensationsgier

Unfall mit einer Schwerverletzten und einer Toten. Darüber wurde berichtet. Ein Leser fragt danach, ob es zur Informationspflicht eines Mediums gehört, die Öffentlichkeit mit möglichst vielen Details zu füttern. Ein großformatiges Farbbild von der Unfallstelle hätte seiner Meinung nach genügt. Er beklagt, dass sich die Fälle mehren, in denen wie bei dem genannten Unfall, neben der üblichen Berichterstattung weitere Bilder und Videos im Internet angeboten werden. Er vermutet, dass dahinter die Befriedigung einer beklagenswerten Sensationsgier steckt.

Die Redaktion glaubt nicht, dass es alleine Sensationsgier ist, die dafür sorgt, dass Unfallfotos im Internetangebot aller Tageszeitungen stark genutzt werden. Es wird damit eher eine der Stärken des Mediums Internet unterstrichen: Nachrichten können dort wesentlich ausführlicher dargestellt werden als in der gedruckten Zeitung, deren Platz begrenzt ist. Auf Papier finden sie eine von Journalisten sorgfältig aufbereitete Auswahl. Deshalb wird von Redaktionen die Stärke des Internets, das kaum Mengengrenzen kennt, gerne mit ausgenutzt – das nicht nur auf www.mainpost.de und nicht nur bei Unglücksfällen.

Ich erinnere daran, dass jedes Medium spezielle Eigenschaften und Stärken besitzt. Fernsehen bietet viele Bilder von Unglücksfällen, vor allem bewegte. Niemand verübelt das den Programmmachern. Und das Internet eröffnet eine weitaus größere Palette an Präsentationsmöglichkeiten. Die gilt es professionell zu nutzen, auch für die Berichterstattung. Das Netz ist schneller als alle herkömmlichen Medien. Nachrichten können dort sofort verbreitet werden, in allen denkbaren Formen: in Text, Bild, Video in Ton (Audio) oder in allen Varianten gemeinsam. Und Sie, als Nutzer, können allen anderen sofort Ihre Meinung dazu mitteilen. Sie müssen nur über die technischen Möglichkeiten verfügen, um an diese Vielfalt und Interaktivität heranzukommen. Augenblicklich gehen in Deutschland 64 Prozent online.

Tageszeitungen stellen sich längst auf diese gewaltige Veränderung in der Welt der Medien ein. Sie müssen es, um zukunftsfähig zu bleiben. Ohne Internet geht das nicht, da sind sich die Experten absolut sicher. Eine ganze Reihe von Zeitungsredaktionen hat begonnen, zuerst dass Internet mit neuen Nachrichten in allen Präsentationsformen zu versorgen. Dann erst folgt die Arbeit am gedruckten Produkt für den nächsten Morgen.

Sie sollten mit dem Einsatz zusätzlicher Informationen etwas wählerischer sein, appelliert der Kritiker an die Redaktion. Die versucht das, ohne die Stärken des Nets zu vernachlässigen. Im Ergebnis mag das für Leser, die mit der Tageszeitung sozialisiert worden sind, manchmal schwer zu verstehen sein. Ich will sie beruhigen: Es gelten auch im Netz alle ethischen und rechtlichen Regeln. Entscheidend sind nicht Schnelligkeit und Menge, sondern das Wie. Auf das achtet seit 2009 auch der Deutsche Presserat, die Organisation zur freiwilligen Selbstkontrolle gedruckter Medien.

Rückblick

  1. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  2. Was nicht berichtet wurde
  3. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  4. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  5. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  6. Fotografierte Zeitgeschichte
  7. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  8. Persönlichkeitsschutz verletzt
  9. Empfehlung für mehr Transparenz
  10. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  11. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  12. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  13. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  14. Niemand muss anonym informieren
  15. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  16. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  17. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  18. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  19. Die Straftat und der Verdacht
  20. Kräftige Worte von Marcel Reif
  21. Das war keine Würdigung
  22. Das Missverständnis mit der Zensur
  23. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  24. Meinungen ertragen lernen
  25. Keine Schablone über Redaktionen legen
  26. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  27. Konzeptionelles Nachdenken
  28. Amtsperson war früher
  29. Fußball kann man überblättern
  30. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  31. Falsche Tatsache im Leserbrief
  32. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  33. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  34. Geschmackssache: Foto von Merz
  35. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  36. Ungleichgewicht in Zahlen
  37. Nachgeholte Berichtigungen
  38. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  39. Ein Plädoyer für Transparenz
  40. Verpixeln oder nicht?
  41. Heiße Tage und Nächte
  42. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  43. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  44. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  45. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  46. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  47. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  48. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  49. Reichweite ist nicht alles
  50. Lehren für den Journalismus

Schlagworte

  • Leseranwalt
Lädt

Schlagwort zu
„Meine Themen“

hinzufügen

Sie haben bereits
/ 15 Themen gewählt

bearbeiten

Sie folgen diesem Thema bereits

entfernen

Um "Meine Themen" nutzen zu können müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen

zustimmen
0 0

Kommentar schreiben

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte vorher an.

Anmelden

Sie sind noch kein Mitglied auf mainpost.de? Dann jetzt gleich hier registrieren.