Tipps für schnellen Sex in den Ferien waren nicht ernst gemeint

Satire ist ein Dauerthema. Sie bläst auf und spitzt zu. Zwangsläufig eckt sie oft an. Man sollte Satire aber ertragen können, möglichst sogar noch dann, wenn sie offenbar guten Geschmack verletzt.

Leseranwalt
Dafür spricht eine Entscheidung des Deutschen Presserates, die ich zum Ende der Ferien für Sie herausgesucht habe. Sie lässt erkennen, dass Geschmacksfragen keine Rolle spielen – also auch nicht bei Satiren.

Der Fall spielt im Jahr 2007: Eine Jugendzeitschrift veröffentlicht unter der Rubrik „Hot-List“ (Heiße Liste) zwei Aufstellungen. Eine davon ist überschrieben mit „10 Tipps für schnellen Ferien-Sex!“ Erster Tipp: „Sag den Typen, dass Du 15 bist – und nicht 13!“ Ein weiterer Ratschlag: „Sag: Dumm fickt gut – hier ist mein Zeugnis!“

Gegenüber dem Presserat, der Organisation zur freiwilligen Selbstkontrolle der Presse in Deutschland, bezeichnet ein Leser die Tipps als primitiv und widerwärtig. Tipp 1 sei eine gefährliche Aufforderung zur Lüge und zum Betrug. Der Beschwerdeführer, wirft der Zeitschrift vor, im Hinblick auf den in der Türkei inhaftierten Jungen, die nötige Verantwortung außer Acht zu lassen.

Dagegen lässt die Rechtsabteilung des Verlags den Presserat wissen, dass sie die Tipps als eine satirische Aufarbeitung zeitgeschichtlicher Ereignisse sieht. Feriensex sei angesichts des in der Türkei inhaftierten Jungen ein Thema, das bundesweit kontrovers diskutiert werde. Die Zeitschrift habe darüber journalistisch ausgewogen berichtet. Der Verlag geht davon aus, dass der Presserat nicht verlangt, Satire auch noch als Satire zu kennzeichnen. Der „verständige“ Leser der Zeitschrift sehe in der „Hot-List“ weder eine Verletzung des sittlichen Empfindens noch des Jugendschutzes. Die Tipps würden von den Jugendlichen durchaus als Scherz aufgefasst.

Handelt es sich bei der „Hot-List“ tatsächlich um Satire? Auf diese Frage gibt darauf hin der Presserat seine Antwort. Ihm scheint der humoristische Umgang mit aktuellen Themen Teil des Konzepts der Rubrik zu sein. So sah er die Liste mit der überspitzten Darstellung von „10 Tipps für schnellen Ferien-Sex!“ als eindeutig nicht ernst gemeint an. Er wies die Leserbeschwerde als unbegründet ab.

Zu beachten ist: Geschmackliche Einordnungen nimmt der Presserat grundsätzlich nicht vor. Er hat es für die Ratschläge der Jugendzeitschrift auch nicht getan. Die Auffassungen von gutem und schlechtem Geschmack seien eben unterschiedlich.

Rückblick

  1. Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen
  2. Ein Leser, der sich bedroht fühlt
  3. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
  4. Auch Leugner haben das Wort
  5. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  6. Eine Beteiligte hat berichtet
  7. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  8. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  9. Raser und ihre Fahrzeuge
  10. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  11. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  12. Was nicht berichtet wurde
  13. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  14. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  15. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  16. Fotografierte Zeitgeschichte
  17. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  18. Persönlichkeitsschutz verletzt
  19. Empfehlung für mehr Transparenz
  20. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  21. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  22. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  23. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  24. Niemand muss anonym informieren
  25. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  26. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  27. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  28. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  29. Die Straftat und der Verdacht
  30. Kräftige Worte von Marcel Reif
  31. Das war keine Würdigung
  32. Das Missverständnis mit der Zensur
  33. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  34. Meinungen ertragen lernen
  35. Keine Schablone über Redaktionen legen
  36. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  37. Konzeptionelles Nachdenken
  38. Amtsperson war früher
  39. Fußball kann man überblättern
  40. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  41. Falsche Tatsache im Leserbrief
  42. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  43. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  44. Geschmackssache: Foto von Merz
  45. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  46. Ungleichgewicht in Zahlen
  47. Nachgeholte Berichtigungen
  48. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  49. Ein Plädoyer für Transparenz
  50. Verpixeln oder nicht?

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