LESERANWALT

Treffende Argumente statt zuspitzender Worte

Worte sollen nicht vernichten
Worte mit Bedacht wählen

Sprache sensibel einzusetzen ist dringend notwendig. Wird die beklagte Verrohung des Umgangs miteinander doch auch im Gebrauch von Worten sichtbar. Das gilt derzeit besonders für gesellschaftliche Spannungsfelder wie die Asylpolitik.

 

Ritt auf der Rasierklinge

Asylpolitik und andere gesellschaftliche Spannungsfelder fordern Journalisten. Für sie gilt es, Worte mit viel Bedacht zu wählen. Das Problem dabei: Zuweilen widerspricht das dem wichtigen Streben danach, möglichst viele Menschen zu erreichen. Denn letzteres gelingt meist besser, wenn man Themen und Ereignisse zuspitzt oder gar skandalisiert. Und es muss ja noch nicht einmal so ganz falsch sein, wenn in einer Nachricht etwas verschärft verbreitet wird. Das freilich kann aber zum Ritt auf der Rasierklinge werden. Zu bedenken ist nämlich, dass man damit wohl selbst vor einem wesentlichen Ziel scheitern kann: einer respektvollen Diskussion um die Sache.

 

Beispiele

Zum Scheitern passt ein noch recht harmlos anmutendes Wortpaar: Es ist beliebt, Personen mit Konzepten nicht mehr nur „scheitern“ zu lassen, sondern das gleich „krachend“, leider auch in ernsthaften Beiträgen – diese Zeitung nicht ausgenommen. In einem Kommentar auf dem Titel vom 19. Juli sind Markus Söder und Horst Seehofer mit ihrer Asylpolitik „krachend gescheitert“. Oder „derwesten.de“, das digitale Angebot der Funke-Mediengruppe, überschrieb die Kritik an einer TV-Sendung: „‘Dunja Hayali‘: Am Thema Flüchtlinge krachend gescheitert.“ Diese Ansagen wirken geradezu vernichtend. Ist das wirklich so gemeint?

 

Warnung vor dem Gebrauch

Es gibt Gründe, im Journalismus vor dem Gebrauch von Verstärkungen wie „krachend“ beim „Scheitern“ zu warnen. Sie ...

- lenken ab von Sachargumenten,

- sind wie Nachtreten gegen jemand, der gestürzt ist,

- treffen nicht nur Betroffene, sondern auch jene Leser und Medien-Nutzer, die hinter ihnen stehen. Es ist leicht möglich, bei ihnen mehr als Glaubwürdigkeit zu verlieren, wenn sie sich gleich ganz vom Medium abwenden. Das zeigen Reaktionen, die mich erreicht haben. Eine Leser hat mir geschrieben, dass er schon nach wenigen Worten erkenne, wo der Autor stehe.

- verschärfen eine ohnehin heftige Auseinandersetzung, vertiefen Gräben.

- sie kommen einer Krawall-Sprache nahe, wie sie Journalisten häufig bei Politikern kritisieren.

 

Kritik mit Argumenten

Kein Wunder, wenn Leser nicht sachlich bleiben, wenn schon Medien mit scharfen Tönen vorangehen. Dabei sollten Journalisten doch wissen: Selbst eine notwendige harte Kritik überzeugt vor allem mit treffenden Argumenten. Und dazu kann man nur animieren.

 

Entschuldigung für einen "Skandal"

Zugegeben, es gibt härtere und schlimmere Einordnungen als „krachend“. Doch wehret den Anfängen. Die Redaktion dieser Zeitung ist sich, abgesehen von Ausrutschern (Siehe Leseranwalt zur  „schallenden Ohrfeige“  und zu „Wenn Söder plötzlich ätzt“) dessen wohl bewusst. Bestätigung kann dafür kann eine Klarstellung vom 23.7., in der Zeitung auf Seite 3 sein: Die Entschuldigung dafür, den vorverurteilenden Begriff  „Bestatterskandal“  verwendet zu haben. Siehe Kopien.

Bestatterskandal
Die Skandalisierung
So ist's richtig vom 23.7.18
Die Entschuldigung für den Skandal

Leseranwalt-Kolumnen zu diesem Thema:

"Wenn Söder im Bericht plötzlich ätzt"

"Die überflüssige Ohrfeige"

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Rückblick

  1. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  2. Falsche Tatsache im Leserbrief
  3. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  4. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  5. Geschmackssache: Foto von Merz
  6. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  7. Ungleichgewicht in Zahlen
  8. Nachgeholte Berichtigungen
  9. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  10. Ein Plädoyer für Transparenz
  11. Verpixeln oder nicht?
  12. Heiße Tage und Nächte
  13. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  14. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  15. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  16. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  17. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  18. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  19. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  20. Reichweite ist nicht alles
  21. Lehren für den Journalismus
  22. Kritikwürdiges Boulevardstück
  23. Analysen sind Meinung
  24. Wer hat hier Kummer mit wem?
  25. Treffende Argumente statt zuspitzender Worte
  26. Die überflüssige Ohrfeige
  27. Wenn Söder im Bericht plötzlich ätzt
  28. Der verbrämte Nazi-Vergleich
  29. Worte an WM-Desinteressierte
  30. Herkunft von Nachrichten offenlegen
  31. Kreuzerlass: Vorwurf einer falschen Behauptung
  32. Versuchte Einschüchterung
  33. Keine mildernden Umstände für ängstlichen Leser
  34. Disskussionsmüll vermeiden
  35. Wider höfliche Antwort-Phrasen
  36. Trotz Kürzung: Kern der Nachricht blieb
  37. Fragen und Antworten, die Fragen aufwerfen
  38. Die "Kastelruther Spatzen" und die Banalität
  39. Es ist sinnvoll, in öffentlichen Veranstaltungen Medienvertreter zu begrüßen
  40. Liefern Journalisten nur das, was Konsumenten haben wollen?
  41. Leserbriefe stärken den demokratischen Diskurs
  42. Ausweis für die besondere Rolle in der Demokratie
  43. Beiträge über Dorothee Bär gefährden keine Überparteilichkeit
  44. Pause zur Entspannung
  45. Technologische Risiken und Nebenwirkungen für das Gemeinwesen
  46. Quellenangaben gegen Fakes
  47. Unfall: Verharmlosende oder spaßige Überschrift vermeiden
  48. Die neue Lebensgefährtin ist nun als Nachricht durch
  49. Enttäuschung und Erwartung am Jahresende 2017
  50. Der Leseranwalt: Journalisten sollten nicht nur zu Ihnen reden, sondern auch mit Ihnen

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