LESERANWALT

Über den Opferschutz wacht der Presserat

Archivfoto. Blumen und Kerzen, die mahnend an ein tödliches Unglück erinnern. Es ist ein journalistischer Grundsatz, dass die Opfer nicht identifizierbar gemacht werden. Foto: Patty Varasano

Opferschutz nach Straftaten oder Unglücksfällen ist ein wichtiger ethischer Grundsatz für den Journalismus. Geschützt sind dabei auch Angehörige. Über den Grundsatz wacht speziell der Deutsche Presserat. Bewusst erinnere ich daran. Denn die Rechtsprechung erfasst mit dem Persönlichkeitsrecht nicht alle Fälle. Dazu drei Beispiele, für die zuletzt der Deutsche Presserat der Bildzeitung öffentliche Rügen erteilte. Ich habe sie einer Mitteilung des Presserates entnommen.

 

Identifizierbares Kind

Erstes Beispiel: Online war unter der Überschrift „Wurde die Aufsichtspflicht verletzt?“ darüber berichtet, dass ein fünfjähriger Junge in seiner Kindertagesstätte von einem anderen Jungen in den Penis gebissen worden war. Vorname und abgekürzter Nachname des verletzten Kindes sowie ein Foto, das es in seinem Bett im Krankenhaus zeigt, waren veröffentlicht. Damit, so der Presserat, wurde der Persönlichkeitsschutz des Jungen grob verletzt.

 

Mordopfer gezeigt

Zweiter Fall: Unter dem Titel „Das dunkle Geheimnis des Kopfschuss-Killers“ ging es um Ermittlungen gegen einen 30-jährigen Mann wegen Mordes an einer Cafébesitzerin. Der Beitrag, der gedruckt und digital verbreitet wurde, enthielt ein Foto des Opfers. Wieder sah der Presserat dadurch dessen Persönlichkeitsschutz verletzt.

 

Identifizierbares Unglücksopfer

Dritter Fall: Identifizierbar dargestellt wurde in Print und Online unter dem Titel „Doppel-Lawine tötet Mathe-Lehrer“ ein Skifahrer, der bei einem Lawinenunglück ums Leben kam. Durch ein Foto und weitere Angaben zur Person sah der Presserat erneut Persönlichkeitsschutz verletzt.

An allen drei Fällen erkannte man kein öffentliches Interesse, keines, das höher zu bewerten war als der Schutz der Persönlichkeit.

 

Ende des Persönlichkeitsrechts

Die ethische Bewertung durch den Presserat ist wichtig. Denn im rechtlichen Sinne endet das aktive Persönlichkeitsrecht eines Menschen mit seinem Tod. Verletzungen sind postmortal von Angehörigen nur sehr schwer über die Rechtsprechung zu erfassen.

 

Unerhebliches Wissen

Das sagt der Kodex des Presserates in Richtlinie 8: „Die Identität von Opfern ist besonders zu schützen.“ Das Wissen darum ist für das Verständnis eines Unfallgeschehens, Unglücks- bzw. Tathergangs in der Regel unerheblich. „Name und Foto eines Opfers können veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben, oder wenn es sich bei dem Opfer um eine Person des öffentlichen Lebens handelt.“

„... nach Straftaten und Unglücksfällen dürfen Kinder und Jugendliche bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres in der Regel nicht identifizierbar sein.“

„Bei Familienangehörigen und sonstigen durch die Veröffentlichung mittelbar Betroffenen, die mit dem eigentlichen Gegenstand der Berichterstattung nichts zu tun haben, sind Namensnennung und Fotoveröffentlichung in der Regel unzulässig.“

Eine meiner nächsten Kolumnen widme ich dem wichtigen Begriff des Öffentlichen Interesses.

Ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

"Nach Gewalttaten muss der Schutz von Opfern schon in der Sprache der Überschrift beginnen" (2013)

"Eine schwierige Abwägung" (2017)

"Über mögliche Gefahren bei der Vermittlung des Unbegreiflichen" (2009)

"Das Recht am eigenen Bild gilt auch für Beteiligte an Unglücksfällen" (2014)

"Wenn Informationsinteresse der Öffentlichkeit mit dem Leid von Hinterbliebenen in Konflikt kommt" (2014)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Rückblick

  1. Eine Beteiligte hat berichtet
  2. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  3. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  4. Raser und ihre Fahrzeuge
  5. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  6. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  7. Was nicht berichtet wurde
  8. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  9. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  10. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  11. Fotografierte Zeitgeschichte
  12. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  13. Persönlichkeitsschutz verletzt
  14. Empfehlung für mehr Transparenz
  15. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  16. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  17. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  18. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  19. Niemand muss anonym informieren
  20. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  21. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  22. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  23. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  24. Die Straftat und der Verdacht
  25. Kräftige Worte von Marcel Reif
  26. Das war keine Würdigung
  27. Das Missverständnis mit der Zensur
  28. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  29. Meinungen ertragen lernen
  30. Keine Schablone über Redaktionen legen
  31. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  32. Konzeptionelles Nachdenken
  33. Amtsperson war früher
  34. Fußball kann man überblättern
  35. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  36. Falsche Tatsache im Leserbrief
  37. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  38. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  39. Geschmackssache: Foto von Merz
  40. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  41. Ungleichgewicht in Zahlen
  42. Nachgeholte Berichtigungen
  43. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  44. Ein Plädoyer für Transparenz
  45. Verpixeln oder nicht?
  46. Heiße Tage und Nächte
  47. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  48. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  49. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  50. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis

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