LESERANWALT

Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr

Kranken Menschen sollten keine unbegründeten Hoffnungen aus der Forschung gemacht werden. Der Presserat hat eine Redaktion dafür gerügt, dass sie es seiner Meinung nach getan hat. Das Foto ist ein Symbolbild. Die Aufnahme entstand in einem Labor im Biozentrum an der Universität ... Foto: Daniel Peter

Wie weit die Sorgfaltspflicht von Journalisten reichen muss, hat der Deutsche Presserat jüngst in einer Entscheidung deutlich gemacht. Danach bedurften selbst Aussagen von Forschern weiterer redaktioneller Recherchen, bevor sie verbreitet werden konnten. Gesundes Misstrauen ist selbst bei seriösen Institutionen am Platze.

 

Unberechtigte Hoffnungen geweckt

In einer online veröffentlichten Exklusivgeschichte ist diese Überprüfung aus Sicht des Presserates versäumt worden. Die Überschrift lautete: „Erster Blut-Test erkennt zuverlässig Burstkrebs“. Darin erkannte aber der Presserat Verstöße gegen die gerade bei der sensiblen Medizin-Berichterstattung gebotene Sorgfaltspflicht. Habe der Beitrag über das als „medizinische Sensation“ beschriebene Testverfahren doch alleine auf einer Pressemitteilung des Universitätsklinikums und Aussagen der beteiligten Heidelberger Forscher beruht. Die seien geeignet gewesen, unberechtigte Hoffnungen bei Betroffenen zu wecken.

 

Fehlende Quellen 

Dass die Forscher den Stand des Testverfahrens positiver darstellten als es dem Forschungsstand entsprach, stellte sich, wie der Presserat mitteilt, später heraus. Die Redaktion (von bild.de) habe es bei ihrer exklusiven Berichterstattung versäumt, die Mitteilung durch weitere Quellen zu überprüfen. Eine öffentliche Rüge war die Folge. In Ziffer 14 des Pressekodex heißt es: „Bei Berichten über medizinische Themen ist eine unangemessen sensationelle Darstellung zu vermeiden, die unbegründete Befürchtungen oder Hoffnungen beim Leser erwecken könnte. Forschungsergebnisse, die sich in einem frühen Stadium befinden, sollten nicht als abgeschlossen oder nahezu abgeschlossen dargestellt werden.“

 

Asteroideneinschlag in Schlagzeilen

Keine Panik. Der Asteroideneinschlag in den Schlagzeilen einiger Zeitungen war nur Werbung für eine neue TV-Serie. Der P... Foto: Mineralogisches Museum

Auch das gibt es. Die Gefahr bei Lesern Panik zu schüren. Die sah der Presserat in anderen Veröffentlichungen gegeben. Hamburger Morgenpost, Berliner Kurier, Kölner Express und TZ München hatten auf ihren Titelseiten mit Schlagzeilen wie „War´s das?“ und „8 Tage bis zum Einschlag“ für eine neue TV-Serie geworben, in deren Mittelpunkt ein Asteroideneinschlag auf der Erde steht.

 

Trennungsgebot verletzt

Es handelte sich aber um Anzeigen, die redaktionell gestaltet, aber nicht eindeutig als Werbung erkennbar gewesen sind, sagt der Presserat. Zu nah seien sie ans redaktionelle Layout angelehnt. So gab es wegen Verletzung des Trennungsgebotes Rügen für die Medien. Die seien „dieser bewussten Vermengung von Falschinformation zu Werbezwecken mit dem Anschein echter Nachrichten nicht entgegengetreten“.

 

Medienkompetenz dazugewinnen

Es lohnt sich nicht nur für Journalisten im Archiv des Deutschen Presserates die Entscheidungen nach Beschwerden nachzulesen. Man kann in Medien-Ethik dazulernen und gewinnt Medienkompetenz gewinnen. Das Urteilsvermögen über die Informationen aus dem Netz nimmt zu. Auch die Lektüre in den  Leitlinien der Main-Post Redaktionen  lohnt.

Zur Information: Der Presserat ist die Freiwillige Selbstkontrolle der Printmedien und deren Online-Auftritte in Deutschland. Nach Beschwerden überprüft er die Einhaltung ethischer Regeln, die im Pressekodex festgehalten sind.

Ähnliche Leseranwalt-Kolumnen:

"Nachrichten so vermitteln, dass Leser erkennen wie sie davon betroffen sein können" (2012)

"Über Schweinegrippe und schädliche sprachliche Nebenwirkungen" (2009)

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

 

Rückblick

  1. Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen
  2. Ein Leser, der sich bedroht fühlt
  3. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
  4. Auch Leugner haben das Wort
  5. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  6. Eine Beteiligte hat berichtet
  7. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  8. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  9. Raser und ihre Fahrzeuge
  10. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  11. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  12. Was nicht berichtet wurde
  13. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  14. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  15. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  16. Fotografierte Zeitgeschichte
  17. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  18. Persönlichkeitsschutz verletzt
  19. Empfehlung für mehr Transparenz
  20. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  21. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  22. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  23. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  24. Niemand muss anonym informieren
  25. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  26. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  27. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  28. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  29. Die Straftat und der Verdacht
  30. Kräftige Worte von Marcel Reif
  31. Das war keine Würdigung
  32. Das Missverständnis mit der Zensur
  33. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  34. Meinungen ertragen lernen
  35. Keine Schablone über Redaktionen legen
  36. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  37. Konzeptionelles Nachdenken
  38. Amtsperson war früher
  39. Fußball kann man überblättern
  40. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  41. Falsche Tatsache im Leserbrief
  42. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  43. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  44. Geschmackssache: Foto von Merz
  45. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  46. Ungleichgewicht in Zahlen
  47. Nachgeholte Berichtigungen
  48. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  49. Ein Plädoyer für Transparenz
  50. Verpixeln oder nicht?

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