Warum zu Guttenbergs zurückgegebener Doktortitel in der Zeitung zuvor nie erschienen ist

Weil der Doktortitel vor Karl-Theodor zu Guttenberg medienwirksam verschwunden ist, sehe ich mich veranlasst, über unseren Umgang mit Doktoren zu schreiben. Zu Guttenbergs zurückgegebener Dr. ist in dieser Zeitung schließlich so gut wie nie vorgekommen.

Das gilt für alle anderen Doktoren aber ebenso. Ganz selten findet sich in Berichten dieser akademische Grad.

Dahinter steckt keine Missachtung, sondern ein journalistisches Ordnungsprinzip, das für Gleichbehandlung sorgen soll. Doktoren (nicht zu Guttenberg) haben sich gelegentlich darüber beschwert. Schließlich seien ihre Titel Namensbestandteile.

Das verpflichtet zwar keine Medien, aber es schreit nach einer Erklärung. Ich habe sie bereits einmal gegeben und zitiere mich in der Folge in weiten Teilen selbst. Deshalb darf ich das ohne Gänsefüßchen tun.

Dr. wird in der Zeitung dann zum Namen hinzugefügt, wenn es ein Beitrag über den Titel selbst oder seinen Erwerb ist. Eine Nachricht könnte die Nennung ebenfalls herausfordern, etwa wenn nur das Dr.-Fachgebiet erschließt, warum eine bestimmte Person eine Aufgabe übernimmt: ein Doktor der Wirtschaftswissenschaft (Dr. rer. oec./rerum oeconomicarum) als Spezialist erzählt über die wirtschaftliche Entwicklung im Lande, ein Doktor der Rechtswissenschaft (Dr. jur.) kommentiert unsere Rechtsprechung in seinem Fachgebiet oder ein Doktor der Forstwissenschaft (Dr. forest./forestalium) spricht übers Waldsterben. Mindestens einmal erscheint in solchen Fällen der Dr. im Text, meist bei der ersten Erwähnung. Fehlt er trotzdem, liegt es oft daran, dass der Träger des Titels keinen Wert auf die Nennung legt. Auch das gibt es häufig.

Vor der Einführung der Dr.-Regel herrschte ein Durcheinander, das ständig für Verdruss gesorgt hat. Beim Einen stand er dabei, der Titel, beim Anderen nicht. Häufiger Grund: Auf Gästelisten ist er mal vermerkt, mal nicht. Diese Ungleichbehandlung wurde dann mittels Zeitung öffentlichkeitswirksam.

Der grundsätzliche Verzicht kommt nun der nüchtern gehaltenen Nachrichtensprache entgegen. So gilt die Regel in vielen Medien und Nachrichtenagenturen.

Wichtige Persönlichkeiten wissen das. Kanzlerin Angela Merkel kennen wir nicht als Dr. rer. nat. Die Naturwissenschaftlerin spricht auch nie über ihre Dissertation „Untersuchung des Mechanismus von Zerfallsreaktionen mit einfachem Bindungsbruch und Berechnung ihrer Geschwindigkeitskonstanten auf der Grundlage quantenchemischer und statistischer Methoden.“

Rückblick

  1. Raser und ihre Fahrzeuge
  2. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  3. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  4. Was nicht berichtet wurde
  5. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  6. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  7. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  8. Fotografierte Zeitgeschichte
  9. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  10. Persönlichkeitsschutz verletzt
  11. Empfehlung für mehr Transparenz
  12. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  13. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  14. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  15. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  16. Niemand muss anonym informieren
  17. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  18. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  19. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  20. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  21. Die Straftat und der Verdacht
  22. Kräftige Worte von Marcel Reif
  23. Das war keine Würdigung
  24. Das Missverständnis mit der Zensur
  25. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  26. Meinungen ertragen lernen
  27. Keine Schablone über Redaktionen legen
  28. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  29. Konzeptionelles Nachdenken
  30. Amtsperson war früher
  31. Fußball kann man überblättern
  32. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  33. Falsche Tatsache im Leserbrief
  34. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  35. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  36. Geschmackssache: Foto von Merz
  37. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  38. Ungleichgewicht in Zahlen
  39. Nachgeholte Berichtigungen
  40. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  41. Ein Plädoyer für Transparenz
  42. Verpixeln oder nicht?
  43. Heiße Tage und Nächte
  44. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  45. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  46. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  47. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  48. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  49. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  50. Aufgeklebte Werbung einer Partei

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