LESERANWALT

Wenn ein Likör von öffentlichem Interesse ist

Hier zum Thema Schleichwerbung.
Zeitungen, ob gedruckt oder digital, sehen sich gelegentlich dem Vorwurf der Schleichwerbung ausgesetzt. Der Trennungsgrundsatz schreibt vor, dass unabhängige redaktionelle Inhalte für Leser erkennbar von Werbung getrennt sein müssen. Darauf wird ganz besonders geachtet, wenn es um Unternehmen geht, die mit Produkten im regionalen Wettbewerb stehen


Die Kreation der Chemikerin

Eine aufschlussreiche Entscheidung, die lokales Wirtschaftsgeschehen betrifft, hat nun der Deutsche Presserat getroffen. Ich habe sie dem Newsletter des ABZV (Akademie Berufliche Bilder der deutschen Zeitungsverlage) entnommen:

Eine Chemikerin kreiert einen neuen Likör und will ihn vermarkten. Die Regionalzeitung berichtet über die Frau, ihre Idee und deren Umsetzung. Lokale in der Stadt werden genannt, in der das neue Getränk ausgeschenkt wird und ein Geschäft, in dem man es kaufen kann.


Die Beschwerde eines Lesers

Ein Leser beschwert sich beim Presserat. Er sieht darin Schleichwerbung für das Getränk. Der Chefredakteur der Zeitung teilt in seiner Stellungnahme dazu mit, dass es auch ein Leser gewesen ist, der die Redaktion auf die Chemikerin aufmerksam gemacht hat. Der lokale Bezug habe dafür gesprochen, über die Entstehung des Liköres zu schreiben. Da es nach vergleichbaren Veröffentlichungen oft zu Leseranfragen gekommen sei, habe die Redaktion die Bezugsquellen für das Getränk gleich genannt.

 

Öffentliches Interesse

Nach Ansicht des Presserates hat die Zeitung das Trennungsgebot nicht verletzt und auch nicht die in Richtlinie 7.2 des Pressekodex definierte Grenze zur Schleichwerbung überschritten. Die Berichterstattung über ein Produkt, das von Menschen vor Ort entwickelt wurde, sei von öffentlichem Interesse. Hinweise auf die Lokale, in denen es das Getränk gibt, sowie auf den Laden, in dem es zu kaufen ist, seien als Leserservice zu werten. Die Beschwerde hat der Presserat folglich für unbegründet erachtet.
 

Grenze zur Schleichwerbung

In der Richtlinie 7.2 des Pressekodex steht zur Schleichwerbung wörtlich:

„Redaktionelle Veröffentlichungen, die auf Unternehmen, ihre Erzeugnisse, Leistungen oder Veranstaltungen hinweisen, dürfen nicht die Grenze zur Schleichwerbung überschreiten. Eine Überschreitung liegt insbesondere nahe, wenn die Veröffentlichung über ein begründetes öffentliches Interesse oder das Informationsinteresse der Leser hinausgeht oder von dritter Seite bezahlt bzw. durch geldwerte Vorteile belohnt wird.“

Ich füge hinzu, mit dem Likör wurde über eine Neuheit, sozusagen eine Innovation berichtet. Das rechtfertigt redaktionelle Beiträge über Produkte aus dem Wirtschaftsleben in vielen Fällen. Im Archiv des Presserates finden sich viele weitere Entscheidungen zum Trennungsgrundsatz.
Auch in den journalistischen Leitlinien für die Main-Post Redaktionen ist der Trennungsgrundsatz festgeschrieben und unter Ziffer 8 erläutert.

Anton Sahlender, Leseranwalt

Rückblick

  1. Erkennen Sie, was Nachrichten mit ihrem Gehirn machen
  2. Wer die Verantwortung trägt, entscheidet
  3. Redaktionelle Entscheidungen überprüfen
  4. Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen
  5. Ein Leser, der sich bedroht fühlt
  6. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
  7. Auch Leugner haben das Wort
  8. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  9. Eine Beteiligte hat berichtet
  10. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  11. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  12. Raser und ihre Fahrzeuge
  13. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  14. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  15. Was nicht berichtet wurde
  16. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  17. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  18. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  19. Fotografierte Zeitgeschichte
  20. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  21. Persönlichkeitsschutz verletzt
  22. Empfehlung für mehr Transparenz
  23. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  24. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  25. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  26. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  27. Niemand muss anonym informieren
  28. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  29. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  30. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  31. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  32. Die Straftat und der Verdacht
  33. Kräftige Worte von Marcel Reif
  34. Das war keine Würdigung
  35. Das Missverständnis mit der Zensur
  36. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  37. Meinungen ertragen lernen
  38. Keine Schablone über Redaktionen legen
  39. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  40. Konzeptionelles Nachdenken
  41. Amtsperson war früher
  42. Fußball kann man überblättern
  43. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  44. Falsche Tatsache im Leserbrief
  45. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  46. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  47. Geschmackssache: Foto von Merz
  48. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  49. Ungleichgewicht in Zahlen
  50. Nachgeholte Berichtigungen

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