LESERANWALT

Wer hat hier Kummer mit wem?

Ordnungsamt soll für Ruhe sorgen
Klassischer Konflikt: Musiklokal und die Nachtruhe der Nachbarn

Kritik aus der Leserschaft eröffnet zuweilen andere Perspektiven und kann förderliche Diskussionen in Redaktionen auslösen. Hier aktuell zwei solche Leserkritiken: Darin der Vorwurf der Einseitigkeit und der Vorverurteilung.

 

Eine Hand voll Nachbarn

In einem Lokalteil war ausführlich berichtet, dass „eine Hand voll Nachbarn“ eine beliebte Vereinsgaststätte, die zum Szene- und Musiktreff geworden ist, beim Ordnungsamt gemeldet haben. Sie sehen ihre Ruhe nach Mitternacht gestört. In der Unterzeile zur Überschrift war in der Zeitung zu lesen: „Ein paar Nachbarn und die Vergnügungsstättenverordnung machen dem Vereinslokal <..> Kummer“. (Siehe angefügte Kopie).

 

Ottos Blauer Adler ist zu laut... 27. Juli 2018
Der Bericht über einen Konflikt zwischen Musikkneipe und Anwohnern vom 27. Juli in der Main-Post. Kummer nur für das Ver...

 

Berichterstattung geht auf die Nerven

Das stört Leser J.S.. Er schreibt: „Ja, geht´s denn noch parteiischer? Die paar Nachbarn, da denkt man gleich an Störenfriede, Quertreiber, Eigenbrötler, Sonderlinge. Sie machen dem Betreiber Kummer, nicht etwa er ihnen.“ Das sei Meinung, nicht Bericht. J.S. betont, dass er weit weg von dem Lokal wohnt und nie drinnen gewesen ist. Ihm gehe „die Art der Berichterstattung auf die Nerven.“

 

Anwohner nicht erreicht

Was J.S. meint, ist bis hierher durchaus nachvollziehbar. Jedoch halte ich auch fest, der Bericht über den Konflikt (hier die Online-Fassung anklicken) spart keinen Aspekt aus, der zu recherchieren war. So liest man, dass der Pächter, der diesem Lokal „wieder das Fliegen beigebracht hat“, nun um seine Existenz bangt. Das ist aber leider nur eine Seite. Dass es der Redaktion nicht gelungen ist, mit der anderen Seite, mit den Anwohnern ins Gespräch zu kommen, wird auch berichtet. Die waren, so erfuhr ich auf Nachfrage in der Redaktion, für die Redaktion nicht zu erreichen. Sonst wäre wohl auch deren Kummer deutlicher geworden. Und sie hätten reden können, ohne dass ihre Identität preisgegeben worden wäre. Dafür ist es nicht zu spät.

 

Ein Indiz für Einseitigkeit

Ach ja: Tatsächlich konnte die Redaktion die Anwohner "nicht erreichen". Diese Formulierung wäre im Bericht fair gewesen. Sie bedeutet etwas anderes als der missverständliche Hinweis, dass es nicht gelungen ist, mit den Anwohnern ist Gespräch zu kommen. Der wirkt, als hätten die Anwohner keine Gesprächsbereitschaft. Das aber konnte bei vergeblichen Kontaktversuchen überhaupt nicht festgestellt werden. So erkennt man eine Formulierung, die als Indiz für Einseitigkeit stehen kann.

 

Bericht und Meinung trennen

Im lokalen Bericht vom Freitag (27.7.) dominieren Erklärungen aus dem Ordnungsamt und vom Pächter. Die können den Eindruck erwecken, dass letzterer die Sympathie der Redaktion genießt. Ich meine, dass es in einem solchen Konflikt ratsamer ist, einen nüchternen Bericht zu schreiben und dazu, gekennzeichnet als Meinung, die typischen Interessensgruppen zu beurteilen, die sich auch hier wie so oft gegenüberstehen: Auf der einen Seite eine Mehrheit von Anhängern eines beliebten Szenetreffs und auf der anderen wenige Anwohner, die auf Ruhe und Ordnung bestehen und so in die Rolle der Spaßverderber geraten.

 

Falsche Präposition

 

Urteil gegen sechs LKA-Beamte soll am Freitag fallen
Überschrift ist vorverurteilend.... Falsche Präposition (Zeitung, Freitag 26. Juli 2018)
Vier Freisprüche im LKA-Prozess. titelmeldung vom 28. Juli 2018
Vier Freisprüche. Keine Urteile gegen sechs Beamte

 

 

 

 

 

Ganz kurz noch Fall zwei: Ziemlich eindeutig ist die Kritik von Leser A.M.E.. Zurecht sieht er eine unzulässige Vorverurteilung darin, weil über einer Ankündigung in der Zeitung vom Donnerstag (26.7) steht: „Urteil gegen sechs LKA-Beamte soll am Freitag fallen“. Die Präposition „gegen“ ist zu diesem Zeitpunkt vorverurteilend. Richtig hätte es lauten müssen „Urteil über sechs LKA-Beamte am Freitag erwartet“. Das gilt auch, wenn am Freitag nicht – wie geschehen – vier der Beamten freigesprochen worden wären.

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

 

Rückblick

  1. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  2. Eine Beteiligte hat berichtet
  3. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  4. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  5. Raser und ihre Fahrzeuge
  6. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  7. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  8. Was nicht berichtet wurde
  9. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  10. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  11. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  12. Fotografierte Zeitgeschichte
  13. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  14. Persönlichkeitsschutz verletzt
  15. Empfehlung für mehr Transparenz
  16. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  17. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  18. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  19. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  20. Niemand muss anonym informieren
  21. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  22. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  23. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  24. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  25. Die Straftat und der Verdacht
  26. Kräftige Worte von Marcel Reif
  27. Das war keine Würdigung
  28. Das Missverständnis mit der Zensur
  29. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  30. Meinungen ertragen lernen
  31. Keine Schablone über Redaktionen legen
  32. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  33. Konzeptionelles Nachdenken
  34. Amtsperson war früher
  35. Fußball kann man überblättern
  36. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  37. Falsche Tatsache im Leserbrief
  38. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  39. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  40. Geschmackssache: Foto von Merz
  41. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  42. Ungleichgewicht in Zahlen
  43. Nachgeholte Berichtigungen
  44. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  45. Ein Plädoyer für Transparenz
  46. Verpixeln oder nicht?
  47. Heiße Tage und Nächte
  48. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  49. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  50. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung

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