LESERANWALT

Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern

Werden zu Großveranstaltungen, auch zu lokalen, Kinder mitgebracht, bedeutet das: Ihre Erziehungsberechtigten nehmen in Kauf, dass die Kinder auf veröffentlichten Fotos, sichtbar werden. Hier ein Archivbild von der Ochsenfurter Musiknacht 2019. Foto: Dita Vollmond

Zunächst ein klares Achtung an alle Personen, die der Redaktion, wie von ihr gewünscht, Bilder zur Veröffentlichung übergeben, vor allem dann, wenn darauf Kinder zu erkennen sind. Sie müssen streng darauf achten, dass Erziehungsberechtigte dem (möglichst schriftlich) zugestimmt haben. Ich unterstreiche das, weil z.B. Schriftführer von Vereinen oft Fotos von Ereignissen mit Kindern einschicken. Das mag gut gemeint sein, weil sie damit Freude bereiten wollen. Belegt es doch aktive Nachwuchsarbeit.

(Siehe am Textende Kopie des Redaktionsangebotes: Sie haben das Wort)

 

Überraschter Vater

Dass ungetrübte Freude nicht immer vorliegt, zeigt die Zuschrift eines Vaters an mich: „Einigermaßen überrascht - um nicht zu sagen verärgert - mussten wir zur Kenntnis nehmen, dass unser 5jähriger Sohn (auf dem Foto von einem Vereinsfest) abgebildet ist - lediglich mit Unterhose bekleidet.“ Der Mann vermisst da Sensibilität. Weil er irrtümlich vermutet, dass Kinder-Bilder solcher Veranstaltungen ohne sein Einverständnis abgedruckt werden dürfen, hätte er erwartet, zuvor wenigstens angesprochen zu werden. Die Teilnehmerzahl sei schließlich überschaubar und eine Klärung möglich gewesen.

Doch ich wiederhole: Bei kleinen, gut übersehbaren Ereignissen und Veranstaltungen, auch wenn sie öffentlich sind, müssen die Erziehungsberechtigten befragt werden, ob Fotos ihrer Kinder verbreitet werden dürfen. Dieses ihr Recht nachzuvollziehen ist für Fotografen noch zumutbar. Wo große Veranstaltungen beginnen, lässt sich auch daran ermessen, dass es aufgrund des Umfangs meist unmöglich ist, Erziehungsberechtigte auszumachen und um Erlaubnis zu fragen.

 

Verantwortung der Redaktion

Und der Vater schreibt, was im noch wichtig ist: „Wir legen Wert darauf, dass auch auf sozialen Medien keine Bilder unserer Kinder veröffentlicht werden.“ Das ist vernünftig und zu respektieren. Die Redaktion hat die ihm jedenfalls zugesichert, dass das Kinderbild gelöscht wurde und kein zweites Mal erscheinen kann – weder in der Zeitung, noch digital. Das gehört zu ihrer Verantwortung, die bleibt selbst dann, wenn sie davon ausgegangen ist, dass die Erziehungsberechtigten der wenigen erkennbaren Kinder vom Bildeinsender befragt worden waren.

 

Der andere Fall

Aber nicht immer können Erziehungsberechtigte befragt werden. Bei ihnen bleibt dann die Verantwortung. Ein solcher Fall ist meiner Leseranwalt-Kollegin Kerstin Dolde aus Hof begegnet. Eltern haben sich bei ihr darüber beschwert, dass ihr Nachwuchs ungefragt auf einem veröffentlichten Foto von der „Fridays for Future“-Demonstration zu erkennen war. Sie forderten Löschung der Aufnahme. Was bei der erschienenen Zeitung unmöglich ist, wurde beim öffentlich erreichbaren Internet-Angebot so vollzogen. Das geschah allerdings freiwillig, ohne rechtliche Verpflichtung. 

 

Klar ist: Von Großveranstaltungen berichten Medien 

Man hatte in Hof Verständnis. Aber dass bei großen öffentlichen Ereignissen auch Medien vertreten sind und dann meist auch in Bildern berichten, müssen verantwortliche Erwachsene wissen. Durch das Erscheinen mit Kindern bei einer großen Demo lassen sie (konkludent) erkennen, einverstanden zu sein, samt Kindern auf Fotos oder in bewegten Bildern veröffentlicht zu werden. Löschungen sind dann eine Frage der Kulanz. Wo große Veranstaltungen beginnen, lässt sich auch daran ermessen, dass es aufgrund ihres Umfangs meist unmöglich ist, Erziehungsberechtigte auszumachen und um Erlaubnis zu fragen.

Das heißt auch sehr grundsätzlich, Kinder werden auf zeitgeschichtlich bedeutsamen Aufnahmen nicht, wie es sonst oft geschieht, unkenntlich gemacht. Unzumutbar ist es eben für Fotografen, von Erziehungsberechtigten während oder nach großen Veranstaltungen noch Genehmigungen von Erziehungsberechtigten einzuholen. Anders wäre das wiederum, würden die Kinder bei dem Ereignis individuell herausgestellt. Dann geht nichts ohne Genehmigung.

Weitere Leseranwalt-Kolumnen zum Thema:

"Wie sich Minister Rösler zum Schutz seiner Kinder eines besseren besonnen hat" (2011)

"Becker-Tochter Anna als Jungstar auf dem Laufsteg und Fragen des gesetzlichen Jugendschutzes" (2015) 

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch www.vdmo.de

Sie haben das Wort
Der Aufruf in der Zeitung an Vereine und Schulen, Beiträge einzusenden. Die Verantwortung für Veröffentlichungen bleibt ...

Rückblick

  1. Vorsicht bei Meldungen aus fremden Quellen
  2. Ein Leser, der sich bedroht fühlt
  3. Weischenberg: Zu wenige Journalisten aus unteren sozialen Schichten
  4. Auch Leugner haben das Wort
  5. Unbegründete Hoffnungen aus der Forschung und Panik-Gefahr
  6. Eine Beteiligte hat berichtet
  7. Vorbildfunktion in eigener Verantwortung
  8. Wichtig: Vor der Verbreitung von Kinderbildern
  9. Raser und ihre Fahrzeuge
  10. Gegen einen Nazi-Vergleich und eine Verschwörungstheorie
  11. Nebelschwaden im szenischen Einstieg
  12. Was nicht berichtet wurde
  13. Redaktioneller Transparenz nicht selbst im Wege stehen
  14. Fragezeichen in Schlagzeilen wohlüberlegt setzen
  15. Das Zittern und die Würde der Persönlichkeit
  16. Fotografierte Zeitgeschichte
  17. Sexueller Missbrauch: Bitte keine Details
  18. Persönlichkeitsschutz verletzt
  19. Empfehlung für mehr Transparenz
  20. Ein freches Foto und die Gürtellinie
  21. Wenn schaulustig nicht schmeichelhaft ist
  22. Wenn öffentliches Interesse schwerer wiegt als Vertraulichkeit
  23. Ein Fall für journalistische Verantwortung
  24. Niemand muss anonym informieren
  25. Öffentliches Interesse wiegt schwer
  26. Gestellte Wein- und Bierseligkeit
  27. Journalistische Wahrhaftigkeit und Gott
  28. Über den Opferschutz wacht der Presserat
  29. Die Straftat und der Verdacht
  30. Kräftige Worte von Marcel Reif
  31. Das war keine Würdigung
  32. Das Missverständnis mit der Zensur
  33. Im Kampf gegen falsche Nachrichten
  34. Meinungen ertragen lernen
  35. Keine Schablone über Redaktionen legen
  36. Ungenaue Führerscheinzahl: Wer stirbt, wird nicht gelöscht
  37. Konzeptionelles Nachdenken
  38. Amtsperson war früher
  39. Fußball kann man überblättern
  40. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  41. Falsche Tatsache im Leserbrief
  42. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  43. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  44. Geschmackssache: Foto von Merz
  45. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  46. Ungleichgewicht in Zahlen
  47. Nachgeholte Berichtigungen
  48. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  49. Ein Plädoyer für Transparenz
  50. Verpixeln oder nicht?

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