Wir müssen nicht alle Details über die Sexualpraktiken von Jörg Kachelmann erfahren

Haben in unserem Rechtsstaat nicht auch Schwerverbrecher das Recht auf ein Mindestmaß an Persönlichkeitsschutz und Privatsphäre?“, fragt ein Leser. Anlass sind intime Passagen in einem Bericht (vom 14.9.) über den Prozess gegen den TV-Wettermoderator Jörg Kachelmann, dem eine Vergewaltigung vorgeworfen wird.

Sie waren unter der Überschrift „Was Kachelmann dem Haftrichter sagte“ zu lesen. Darin war eine Sexualpraktik des Angeklagten beschrieben und eine Angabe über seine Zeugungsfähigkeit verbreitet worden, so wie es vor Gericht zur Sprache gekommen war. Ich wiederhole es hier nicht. Ich wende mich wesentlichen Fragen des Lesers zu, weil die auch von Journalisten vor der Veröffentlichung gestellt werden müssen: „Was kann eigentlich Hinz und Kunz für ein Interesse daran haben, das so genau zu erfahren?

Reicht es nicht aus, wenn die Staatsanwaltschaft und das Gericht davon wissen, um ein gerechtes Urteil zu finden?“

Ich habe dem Leser geantwortet, dass meiner Meinung nach in dem Artikel zu viel über Kachelmanns Intimsphäre stand, obwohl die Redaktion aus dem Ursprungsbericht der Presseagentur weitere Details aus seinem Sexualleben herausgestrichen hatte. Für mich ist es kein Argument, dass andere Medien noch mehr pikante Einzelheiten verbreiteten.

Die Verbreitung derartiger Intimitäten ist selbst dann, wenn sie im Prozess angesprochen wurden, ethisch nur zu rechtfertigen, wenn sie für das Verständnis des Sachverhaltes unverzichtbar sind, im vorliegenden Fall also für einen Prozess um Vergewaltigungsvorwürfe. So heißt es im Kodex des Deutschen Presserates: Die Presse achtet das Privatleben und die Intimsphäre des Menschen. Berührt jedoch das private Verhalten öffentliche Interessen, so kann es im Einzelfall in der Presse erörtert werden. Das steht sinngemäß auch in den Leitlinien unserer Redaktion.

Ich jedenfalls glaube, dass das Verständnis eines Zeitungslesers für einen Vergewaltigungsvorwurf ohne detaillierte Information über sexuelle Vorlieben des Angeklagten zu erreichen ist. Leser sollen beurteilen, müssen nicht urteilen.

Der Grundsatz, dass sich Prominente mehr Öffentlichkeit gefallen lassen müssen als Hinz und Kunz, reicht alleine nicht aus für die Verbreitung intimer Details. Bleibt das Interesse der Öffentlichkeit für dieses Verfahren, das auch infolge der hohen medialen Aufmerksamkeit riesig ist. Wird daraus nun pure Sensationslust, weil es um Sexualpraktiken eines Prominenten geht?

Finden Sie für sich, verehrte Leser, eine Antwort. Ich antworte im Sinne des Persönlichkeitsschutzes für einen prominenten Angeklagten: Es sollte jetzt nicht alles aus dessen Intimleben in den Medien erscheinen, was vielleicht noch nicht einmal für die Rechtsprechung bedeutend ist.

Rückblick

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  15. Fotografierte Zeitgeschichte
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