LESERANWALT

Worte an WM-Desinteressierte

Die Begeisterung der Massen für die Fußball-WM teilen nicht alle. Eine Zeitungsleserin lässt das erkennen, ebenso wie diese Zeichnung, die vor wenigen Tagen in der Lokalausgabe von Lohr erschienen ist. Die Unterzeile lautete: "Ganz nah dran: An vielen Orten im Landkreis werden wä... Foto: Zeichnung: Bonski/Marco Zagrabinsky

Nur eine Kritik zur Fußball-Weltmeisterschaft (fortan auch kurz WM) hat mich erreicht. Früher, bei Weltmeisterschaften zuvor, haben mehr Zeitungsleser reagiert, so wie jetzt Frau I.S. aus dem Raum Würzburg. Sie stellt fragend fest, dass „in jeder Ausgabe überdurchschnittlich viel Druckerpapier ver(schw)endet“ wird. Daraus folgert Sie: "Nicht nachvollziehbar für Otto-Normal-Verbraucher, d.h. für an Sport desinteressierte Main-Post-Leser.“ Die Dame erwartet eine Erklärung.

 

Massen-Interesse

Was ich Frau I.S. dann erklärt habe, gebe ich - selbst höchst engagierter WM-Gucker - hier vorbeugend weiter, in der Annahme, dass die Frau nicht so ganz alleine ist, wenn sie für die „an Sport desinteressierten Leser“ schreibt. Zu denen gehören wahrscheinlich arg wenige der von ihr zitierten „Otto-Normal-Verbraucher“. Geht es doch um das Massen-Interesse für ein Sportereignis. Das erkennen TV-Sender an immensen Einschaltquoten ("Fußball-WM hängt alles ab").

 

Weltweit und vor der eigenen Haustüre

Auch in der Redaktion dieser Zeitung kommt überdurchschnittliches Interesse aus der Leserschaft an. Und auf mainpost.de, bei digitalen WM-Angeboten, wird die Aufmerksamkeit den WM-Fußball messbar. Die Zahlen gehen in die Höhe, wenn die WM zum Gegenstand regionaler Berichte wird: Bei öffentlichen TV-Übertragungen, bei Gesprächsberichten mit Promis aus der Nähe oder dem Torwandschießen mit Vertreter/innen beteiligter Nationen. Es ist eben ein sowohl weltweit, als auch vor und hinter der eigenen Haustüre und im täglichen Gespräch wahrgenommenes "Mega-Sportfest“. Abermillionen Menschen feiern es.

 

Einfluss auf das eigene Leben

So nimmt die WM vier Wochen und darüber hinaus auch Einfluss auf das eigene Leben. Wer derzeit ein Spiel von Deutschland in seinen Planungen übersieht, hat vermutlich schon verloren. Er könnte sogar der Ignoranz bezichtigt werden. – Verständlich, dass das manche Menschen nervt. Ausgleichend mache ich aber darauf aufmerksam, dass es auch um eine Berichterstattung geht, die über den Fußball hinaus  zu Land und Leuten  führt. Der Blick auf  Gastgeber Rußland ergibt zudem eine politische Dimension , die ebenfalls Gegenstand von Nachrichten und Kommentierung sein muss. Kritische Beiträge mahnen Fairness an oder prangern die zunehmende Kommerzialisierung des Sport-Ereignisses an.

 

WM und Papier-Kosten

Klar ist, dass Medien große Ereignisse angemessen darstellen und präsentieren müssen. Eine Fußball-WM kann deshalb auch in gedruckten Zeitungen nicht kleingeschrieben werden. Das entspricht nicht der Realität – gerade nicht im Land des Titelverteidigers. Das akzeptieren auch jene wirtschaftlich denkenden Personen, die Papier-Kosten und Finanzen verantworten. Denn die Aufmerksamkeit im Umfeld des Fußballs kommt der Zeitung und kann der Werbewirtschaft zugutekommen, damit den Abonnenten.

 

Die vier Wochen gehen vorüber

Meine Antwort an die Leserin: Liebe Frau I.S., lassen Sie den Leuten den Spaß an der WM, einem weitgehend friedlichen Ereignis. Die vier Wochen gehen vorüber. Auch gegenwärtig finden sich doch noch genug andere Beiträge in der Zeitung, darunter leider auch wenig erfreuliche.

HINWEIS: DER GESAMTE BEITRAG IST NOCH VOR DEM AUSSCHEIDEN DES TITELVERTEIDIGERS DEUTSCHLAND ENTSTANDEN:

Frühere Leseranwalt-Kolumne zu Fußball

 "Fußball-Europameisterschaft ohne Tunnelblick" (2012)

Anton Sahlender, Leseranwalt, siehe auch  www.vdmo.de 

Rückblick

  1. Kritik an Überschrift: Niederlage für Deutschland
  2. Falsche Tatsache im Leserbrief
  3. Kampf um Aufmerksamkeit und Reichweite
  4. Erkennbar bei öffentlicher Partei-Veranstaltung
  5. Geschmackssache: Foto von Merz
  6. Was hinter einer Polizei-Statistik steckt
  7. Ungleichgewicht in Zahlen
  8. Nachgeholte Berichtigungen
  9. Leserbriefschreiber nicht auf Fragen sitzen lassen
  10. Ein Plädoyer für Transparenz
  11. Verpixeln oder nicht?
  12. Heiße Tage und Nächte
  13. Vorteile von Kooperationen der Tageszeitungen
  14. Transparenz für das redaktionelle Konzept
  15. Die Größe des Dirk Nowitzki in der Zeitung
  16. Mehr als ein nach Dresden modern gewordenes Verständnis
  17. Parteigänger und ihre Vorstellungen
  18. Wider den Vorwurf, Redaktionen würden Meinungsfreiheit einschränken
  19. Aufgeklebte Werbung einer Partei
  20. Reichweite ist nicht alles
  21. Lehren für den Journalismus
  22. Kritikwürdiges Boulevardstück
  23. Analysen sind Meinung
  24. Wer hat hier Kummer mit wem?
  25. Treffende Argumente statt zuspitzender Worte
  26. Die überflüssige Ohrfeige
  27. Wenn Söder im Bericht plötzlich ätzt
  28. Der verbrämte Nazi-Vergleich
  29. Worte an WM-Desinteressierte
  30. Herkunft von Nachrichten offenlegen
  31. Kreuzerlass: Vorwurf einer falschen Behauptung
  32. Versuchte Einschüchterung
  33. Keine mildernden Umstände für ängstlichen Leser
  34. Disskussionsmüll vermeiden
  35. Wider höfliche Antwort-Phrasen
  36. Trotz Kürzung: Kern der Nachricht blieb
  37. Fragen und Antworten, die Fragen aufwerfen
  38. Die "Kastelruther Spatzen" und die Banalität
  39. Es ist sinnvoll, in öffentlichen Veranstaltungen Medienvertreter zu begrüßen
  40. Liefern Journalisten nur das, was Konsumenten haben wollen?
  41. Leserbriefe stärken den demokratischen Diskurs
  42. Ausweis für die besondere Rolle in der Demokratie
  43. Beiträge über Dorothee Bär gefährden keine Überparteilichkeit
  44. Pause zur Entspannung
  45. Technologische Risiken und Nebenwirkungen für das Gemeinwesen
  46. Quellenangaben gegen Fakes
  47. Unfall: Verharmlosende oder spaßige Überschrift vermeiden
  48. Die neue Lebensgefährtin ist nun als Nachricht durch
  49. Enttäuschung und Erwartung am Jahresende 2017
  50. Der Leseranwalt: Journalisten sollten nicht nur zu Ihnen reden, sondern auch mit Ihnen

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