Würzburg

Leseranwalt: "Vulnerabel" muss erklärt werden, "letal" auch

Selten stand Medizin-Berichterstattung so im Fokus. Eine Rüge des Presserates mahnt zu Differenzierung. Und medizinische Fremdwörter sollten nicht unerklärt bleiben.
Ein Erklärer: Hier exemplarisch Lothar Wieler, Leiter des Robert Koch-Instituts. Auch in der Medizin-Berichterstattung bedarf es stets schlüssiger Erklärungen.  bedarf.          
Foto: Annegret Hilse, dpa | Ein Erklärer: Hier exemplarisch Lothar Wieler, Leiter des Robert Koch-Instituts. Auch in der Medizin-Berichterstattung bedarf es stets schlüssiger Erklärungen.  bedarf.          

Medizinberichte haben in Corona-Zeiten an Aufmerksamkeit gewonnen. Das lenkt den Blick auf den verantwortlichen Umgang damit. So wurde der Deutsche Presserat auf einen Bericht der Sächsischen Zeitung hingewiesen. Darin wurde unter dem Titel „Mit Mundspray gegen das Virus“ über einen möglichen Schutz vor SARS-CoV-2 durch einen Spray mit ätherischen Ölen berichtet. So geht es aus einer Mitteilung des Presserates hervor.

Die Rüge des Presserates

Die Beschreibung der möglichen – positiven – Wirkung dieses Produktes sei dabei undifferenziert und unkritisch erfolgt. So urteilt der Presserat. Er sieht darin eine unangemessen sensationelle Darstellung eines medizinischen Themas. Dadurch könnten unbegründete Hoffnungen geweckt werden. Das wäre nicht gut. Deshalb verbietet genau das der Pressekodex in Ziffer 14. Überdies sei ein Werbeeffekt für das Produkt entstanden - ebenfalls ein Verstoß ist, hier gegen Ziffer 7. So wurde die Redaktion der Zeitung gerügt - mit der Verpflichtung zur Veröffentlichung dieser Rüge.

"Geht´s nicht eine Nummer kleiner?"

Wichtig ist es auch, Medizin-Beiträge möglichst aufschlussreich und erklärend zu gestalten. Darauf hat mich Leser O.M. hingewiesen, nachdem er am 23.9. den Bericht unter der Überschrift „Wie Würzburg zum Hotspot wurde“ gelesen hatte. Darin war der Würzburger OB Christian Schuchardt zitiert, der erklärt hatte, diejenigen mit dem größten Anteil am Infektionsgeschehen seien aktuell junge Erwachsene, bei denen eine Infektion "nicht letal" ist. Und weiter habe er gesagt, es bestehe die Gefahr, dass die "wirklich vulnerable Personengruppe der Senioren" wieder erreicht werde.

Dazu O.M.: „Bei 'letal‘ hat mir der Duden geholfen, bei 'vulnerabel‘ bedurfte es Wikipedia." Seine Frage: „Geht´s in einer Tageszeitung bitte nicht eine Nummer kleiner oder wenigstens mit einer mit Erklärung für nicht ganz so Gebildete?“

Ja, Herr O.M., Sie fragen zurecht. Auch wenn es ein Zitat des Oberbürgermeisters gewesen ist, das die Redaktion nicht verändern darf, kann die Leserschaft eine Erklärung beider Fremdwörter erwarten.

Die Erklärung

Ich hole die Erklärung nach, weil beide Begriffe wohl noch häufiger erscheinen müssen. „Letal“ steht für „tödlich“. Und wenn eine Personengruppe besonders „vulnerabel“ (beide Wörter aus dem Lateinischen) ist, handelt es sich um Menschen, die wegen körperlicher und/oder seelischer Konstitution (z.B. Behinderung, psychische Störung, Schwangerschaft, hohes Alter) oder/und aufgrund besonderer sozialer Situation (z.B. Obdachlose) "verletzlicher" sind. Diese Erklärung habe ich der Gesundheitsberichterstattung des Bundes, getragen vom Robert Koch-Institut (RKI) und vom Statistischen Bundesamt, entnommen.

Aus Main-Post vom 23.9.2020 - Beitrag mit unerklärten Fremdwörtern.
Foto: Repro Sahlender | Aus Main-Post vom 23.9.2020 - Beitrag mit unerklärten Fremdwörtern.

Anton Sahlender, Leseranwalt. Siehe auch Vereinigung der Medien-Ombudsleute.

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