Joviale Ämterbeschreibung

Zum Artikel "Unter Mitbrüdern" (28.2.):

In Ihrem Artikel über die zerstrittenen deutschen Bischöfe zitieren Sie den Kirchenrechtler Thomas Schüller, Direktor des Instituts für Kanonisches Recht der Universität Münster: „Jeder ist in seinem Bistum ein kleiner Papst. Oder, wenn Sie so wollen, ein Ministerpräsident.“ Ein Faktencheck zu dieser jovialen Ämterbeschreibung scheint angebracht. Ist Markus Söder, Bayerischer Ministerpräsident, also ein kleiner evangelisch-lutherischer Papst „kraft göttlicher Einsetzung durch den Heiligen Geist“, wie katholisches Kirchenrecht einen Bischof versteht? Absurde Gleichsetzung! Aber sie versucht geschickt zu verbergen, woraus die römische Kirche, anders als die evangelisch-lutherische, ihren Anspruch auf Macht, ihre Legitimation, ableitet. Da unterscheiden sich die Konfessionen nämlich grundsätzlich. Zwar eint sie die Demut vor dem Unbegreifbaren und der Glaube an eine die Generationen überdauernde und Gemeinschaft stiftende Kraft. Aber wie wir dieser Kraft gewahr werden, wem sie sich offenbart hat oder offenbart, da trennen sich die Vorstellungen. Wem also verleiht diese Kraft, dieser Geist, dieser „Heilige Geist“ Souveränität?
Nach römisch-katholischer Auffassung übertrug er Lehramt und Rechtsprechung administrativ Petrus, den Aposteln und ihren Nachfolgern. Daraus entwickelten sich ein hierarchisch-sakrales Amtsverständnis und eine mönchisch-männliche Amtsstruktur nach dem Vorbild einer absoluten Monarchie mit Weiheämtern und einem Papst an der Spitze. Der „Synodale Weg“ führt weit an dieser Institution vorbei und trifft sie wohl nicht einmal argumentativ.
Für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hingegen betonte ihr ehemaliger Ratsvorsitzender Manfred Kock 2001 anlässlich eines Vortrags in der Karl-Rahner-Akademie zu Köln: „Die Zusprüche an Petrus in Matth. 16,17–19 und Joh 21, 15 ff. gelten der ganzen Kirche. … Kriterium für die Christusnachfolge ist das Bekenntnis, wie es Petrus gesprochen hat, nicht aber Petrus selber als Bekenner.“ Kock bekräftigt also das Priestertum aller bekennenden Gläubigen. Entsprechend bietet die Landessynode der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern ein Spiegelbild und Gegenüber zur Gesellschaft. Sie kann über alle kirchlichen Angelegenheiten verhandeln und beschließen.
Diesen Unterschied zwischen dem alten sonnenkönighaften „Der Staat bin ich“ eines Souveräns auf dem Stuhl des Apostels Petrus und dem „Wir sind Kirche“ souveräner Christen in unserer Republik, diesen Unterschied sucht Thomas Schüller in seinem Statement tendenziös zu verwischen. Unsere Tageszeitung hätte ihn daher besser als eifrigen katholischen Publizisten vorgestellt, nicht als ordentlichen Professor, der ja wissenschaftsethischen Prinzipien hätte genügen müssen.


Kurt Riedel, 97453 Schonungen

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