Scheurings Wort zum Samstag: Vom Abholen und vom Mitnehmen

Ich höre und lese oft, dass Leute fordern, man müsse „die Menschen dort abholen, wo sie sind“. Manche sagen auch, man müsse „die Menschen mitnehmen“. Ein Bildungsexperte sagt: „Wir müssen die Kinder da abholen, wo sie stehen.“ Ein Politiker erklärt: „Ich weiß genau, wohin ich will – aber ich will möglichst viele mitnehmen.“ Und ein Theologe meint: „Frohe Botschaft heißt: Menschen abholen, wo sie sind.“ Von Taxifahrern erwarte ich, dass sie die Menschen dort abholen, wo sie sind. Das ist sozusagen die Grundlage ihres Geschäftsmodells. Aber Bildungsexperten, Politiker und Theologen? Ein Fernsehkoch meint: „Wir müssen die Menschen mitnehmen.“ Bei mir ist es so: Immer wenn jemand sagt, er wolle die Menschen mitnehmen, fühle ich mich nicht abgeholt – und trotzdem ganz mitgenommen. Über einen Auftritt von Musikern in einem Gefängnis lese ich: „Die Rapper holen die Häftlinge dort ab, wo sie sind.“ Sie dürfen sie aber vermutlich nicht mitnehmen, sonst gibt es Ärger mit der Polizei. Die Menschen abholen, wo sie stehen: Und wenn die Menschen so viel getrunken haben, dass sie nicht mehr stehen können – muss man sie dann auch abholen? Manche sitzen ja auch. Ein Medienexperte will „die Menschen dort abholen, wo sie sitzen: vor dem Fernseher.“ Ich weiß nicht, ob die Menschen sich das gefallen lassen, wenn sie jemand vor dem Fernseher abholt und mitnimmt. Jetzt sagt ein Politiker auch noch: „Wir müssen dahin gehen, wo die Menschen sind und sie abholen.“ Ich finde: Alle, die so reden und schreiben, gehören doch abgeholt – egal, wo sie gerade sind.

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