Leitartikel: Über Auschwitz wächst nie Gras

Standpunkt: Die allzu legale Droge Alkohol

Irgendwann muss doch mal Schluss sein. Immer wieder fällt der Satz so oder ähnlich, während sich der heute 93-jährige Oskar Gröning in Lüneburg wegen Beihilfe zum Mord in 300 000 Fällen verantworten muss. Gröning war als Buchhalter der SS in Auschwitz – er tötete nicht, aber half dabei. Mehr als 70 Jahre ist das her, und die, die heute einen Schlussstrich fordern, hätten ihn vermutlich schon vor 20, 40 oder mehr Jahren gezogen.

Ihnen sei gesagt, was der frühere Bundesinnenminister und FDP-Abgeordnete Werner Maihofer in einer der großen Verjährungsdebatten des Bundestags 1979 ins Mikrofon sprach: „Über Mord wächst irgendwann mal Gras, und zwar im Regelfall schon nach einer Generation. Über Auschwitz aber wächst kein Gras, noch nicht einmal in 100 Generationen.“

Damals fiel die Verjährungsfrist für Mord, die zunächst bei 20, später bei 30 Jahren gelegen hatte. Beschämend genug: Die Entscheidung war nicht zuletzt Folge zunehmenden Drucks aus dem Ausland. Leider hatte sie einen entpolitisierenden Charakter, denn die generelle Aufhebung der Verjährungsfrist setzte den „zivilen“ Mord mit dem Morden der Nationalsozialisten gleich. Die besonderen Umstände und Dimensionen der NS-Verbrechen blieben unerwähnt. Maihofer hatte das mit seinem Appell verhindern wollen.

Mehr als eine Million Menschen haben die Mordgehilfen der Nazis allein in Auschwitz „vernichtet“, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Zwangsarbeiter und andere Verfolgte. Nach einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung aber will die große Mehrheit der Deutschen nicht mehr an den Holocaust erinnert werden. 81 Prozent möchten die Geschichte der Judenverfolgung hinter sich lassen, 58 Prozent wollen einen Schlussstrich ziehen. Das ist traurig und beschämend, aber auch bezeichnend: So krank kann „gesundes Volksempfinden“ sein.

Nicht nur die Ungeheuerlichkeit des Holocausts verbietet den Schlussstrich, auch die ungeheure (Nach-)Lässigkeit, mit der die Nachkriegsjustiz jahrzehntelang die Bestrafung der Nazimörder hinausschob. Unter den Roben von Richtern und Staatsanwälten schimmerte in der neuen Zeit lange noch das alte Braun, zudem schneiderte auch die Politik der Adenauer-Erhard-Republik bei Tag und Nacht am großen Mantel des Vergessens.

Der Legende gewordene Frankfurter Generalstaatsanwalt Fritz Bauer war es endlich, der die Weichen für die Aufsehen erregenden Auschwitz-Prozesse stellte, die 1963 begannen. Nach dem Tode Bauers 1968 blieb die Verfolgung der NS-Verbrechen eher dem Kommissar Zufall überlassen, als dass sie systematisch betrieben wurde. Vor allem aber tat die Justiz noch lange so, als habe es nur einen Täter gegeben – Adolf Hitler. Erst seit dem Demjanjuk-Prozess 2011 gilt jede Form des Mitwirkens in der NS-Todesmaschinerie als Beihilfe zum Mord. Deswegen konnte Oskar Gröning, der Buchhalter des Todes, noch vor Gericht gestellt werden.

Erfreulich, dass sich die Rechtsauffassung in weiten Teilen der deutschen Justiz geändert hat. So konnten einige der Nebenkläger am Dienstag das umfassende Geständnis des Oskar Gröning und seine Bitte um Vergebung hören. Für sie und geschichtsbewusste Deutsche dürfte allein ein Schuldspruch „Im Namen des Volkes“ Genugtuung sein. Bei der Strafzumessung ist wohl Gnade vor Recht angebracht.

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