Unterm Strich: Erz so weit Auge und Lippe reichen

Der Kapitalismus mag im Sterben liegen. Aber die zweite große Unart unseres Jahrhunderts, das Piercing, wirkt vor wie nach quicklebendig. Die Szenerie ist allen wohlbekannt: Man schaut in ein fremdes Gesicht und denkt sich: Potztausend – was hat sie für famose Quecksilber-Pickel! Wurde die Nase nicht richtig geputzt? Oder hängt da eine erzene Nudel im Mundwinkel? Sehschwache Mütter sähen sich genötigt, dem Muttertrieb folgend in ein Taschentuch zu spucken, um es weg zu reiben. Der gewöhnlich verbundene Piercing-Dreiklang Braue, Unterlippe, Nase ist dabei wohlgemerkt nur das Kassengestell unter den Piercings. Denn wer es richtig ernst meint, der sattelt noch drauf und sieht danach so aus, als hätte er im falschen Moment in das Mündungsrohr einer Piercing-Kanone geguckt. Und so kommt es, dass manche Köpfe an die Ordensbrust eines hoch dekorierten sowjetischen Weltkriegsveteranen erinnern. Damit aber nicht genug. Als würde das Gesicht nicht genügen, lässt sich manche Madam sogar die Dutterln damit zieren. Das sieht wenig kommod aus und tut wahrscheinlich auch höllisch weh, aber trotzdem: Eisenstift folgt auf Eisenstift, offenbar steckt man nach dem ersten Pfund in der Visage zu tief drin, um wieder auszusteigen. Dabei vermuten wir, dass Extrem-Piercer Probleme haben, an Bord eines Kreuzfahrtschiffs zu kommen – zu groß die Gefahr, dass all das Metall den Kompass ablenkt. Trotzdem gibt es zumindest eine gesellschaftliche Gruppe, die es schafft, noch outer zu sein: Tattoo-Träger. Sie müssen sich bei jeder Rechtschreibreform den Text neu stechen lassen.

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