Europa

24 Stunden mit der EU: Wie Europa unseren Tag begleitet

Keine Frage der Uhrzeit: Europäische Errungenschaften begleiten uns durch den ganzen Tag. Foto: Jane Barlow

6.30 Uhr, Guten Morgen Europa! Vor uns liegt ein langer Arbeitstag, an dem jeder den Errungenschaften dieser Union etliche Male begegnet, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das geht  schon unter der Dusche los: Denn das köstliche Nass, dass da aus der Brause rieselt, ist strengstens durch die Trinkwasserrichtlinie 98/93/EG reguliert. Die legt nämlich nicht nur fest, dass das Wasser genauso gut wie Mineralwasser sein muss und sich sogar für Diäten eignet. Und damit sich an dieser Qualität auch rein gar nichts ändert, müssen Bauherren und die Installationsbetriebe darauf achten, dass die Leitungen, durch die das Wasser in die Wohnung fließt, aus Rohren besteht, die keine Fremdstoffe abgeben.

Seife oder Duschgel? In jedem Fall hat das duftende Etwas offenbar die Kosmetik-Verordnung erfolgreich absolviert, was übrigens nicht ganz einfach ist, da die Bestandteile genauestens auf der Verpackung aufgelistet sein müssen. Die Ware darf möglichst nicht an Tieren im Labor getestet worden sein. Es dürfen keinerlei hautreizende Ingredienzen benutzt werden – für alle Fälle muss die Anschrift der verarbeitenden Firma genannt werden. Neuerdings dürfen Duschgels auch keine Mini-Plastikteilchen mehr enthalten, die zum Epilieren gedacht waren. Das ist vorbei, weil sich diese kleinen Kügelchen bei der Klärung des Abwassers selbstständig machen und im Meer landen.

Milch ins Müsli? Was auf der Milchtüte steht und was drin ist, hat die EU genau geregelt. Foto: Hans-Jürgen Wiedl

7.15 Uhr, genau die Zeit, zu der die meisten Europäer gerade beim Frühstück sitzen, wie die EU-Statistiker herausgefunden haben.  Ein Schluck Milch zum Morgenkaffee? Und etwas Milch ins Müsli? Sie ist ein Ergebnis intensiver europäischer Gesetzgebung. Das beginnt bei den Vorschriften über die Produktion, denn das Futter für das Vieh und die artgerechte Haltung der Tiere sind europäisch vorgeschrieben. Wer auf biologische Landwirtschaft setzt, muss 60 Prozent dessen, was er dem Vieh gibt, aus der unmittelbaren Umgebung erwerben. Käufer wie Verkäufer dürfen, wenn sie „Bio“ anbauen, künftig nicht mehr herkömmliche Landwirtschaft nebenbei betreiben. Bei der Verarbeitung dessen, was als Rohstoff in der Molkerei abgegeben wird, geht es weiter. Ob es sich um Vollmilch, teilentrahmte (fettarme) oder Magermilch handelt - alles ist festgelegt. Der Fettgehalt wurde europäisch geregelt. Wer den Karton mit der Aufschrift „mindestens 3,8 Prozent Fett“ wählt, erhält eine Vollmilch mit natürlichem Fettgehalt. Bei „mindestens 3,5 Prozent Fett“ handelt es sich bereits um ein gänzlich anderes Produkt mit eingestelltem Fettgehalt. Und der Verbraucher kann, wenn er will, noch mehr über den weißen Muntermacher erfahren, wenn er die Verpackung nur gründlich liest: In einem kleinen ovalen Kreis wird nach entsprechenden Kennzeichnungsvorgaben aus Brüssel exakt aufgeführt, aus welchem Land (D = Deutschland) die Milch kommt, in welchem Bundesland (zum Beispiel BY = Bayern) das Produkt eingefüllt wurde. Die fünfstellige Nummer der Produktionsstätte verrät, wo die Milch hergestellt wurde. Aufschriften wie „pasteurisiert“, „ultrahocherhitzt“ oder „homogenisiert“ vervollständigen die Verbraucherinformation entsprechend der europäischen Richtlinien. Sollte ein Hersteller die Milch mit Vitaminen oder anderen Zusatzstoffen angereichert haben, muss dies auf der Verpackung vermerkt sein.

Ein Vorschlag der EU-Kommission hat dazu geführt, dass Neuwagen verpflichtend mit einem automatischen Notrufsystem ausgestattet sind. Foto: Armin Weigel

8 Uhr - Der Weg zur Arbeit oder zur Schule wird mit einem Fahrzeug zurückgelegt, dessen Abgase europäisch normiert, dessen aktive und passive Sicherheitsausstattung längst vereinheitlicht wurden. Seit Anfang 2018 muss jeder Neuwagen das neue eCall-System an Bord haben. Im Falle eines Unfalls holt eine kleine Box hinter dem Armaturenbrett Hilfe. Es lohnt sich übrigens, die Fahrt mal mit anderen Augen zu sehen. Denn auch wenn es nicht (mehr) dransteht – ein Großteil von Landes- oder Stadtstraßen, wichtigen Zubringern oder Umgehungsstraßen konnten nur mit Zuschüssen aus dem Infrastrukturfonds der Gemeinschaft gebaut werden. Und egal wie Mama, Papa oder Junior gekleidet sind: Die EU hatte schon mal vorgebeugt und dafür gesorgt, dass Hemd, Hose, Rock, T-Shirt und Schuhe keine Farben enthalten, die die Haut reizen oder dass keine kleinteilige Applikationen aufgenäht wurden, die für Kleinkinder unter drei Jahren gefährlich werden könnten. Das ist selbstverständlich? Mitnichten. Jedes Jahr holen die Aufsichtsämter der Gemeinschaft nach Warnmeldungen des Rapex-Frühwarnsystems der EU etliche hundert Artikel wieder aus den Regalen des Einzelhandels, weil ausländische Hersteller gegen die Auflagen des CE-Gütesiegels oder andere Produktionsvorschriften verstoßen haben.

10 Uhr, im Büro oder auf der Baustelle angekommen? Da ist nichts wie früher. Zum Beispiel bei den Arbeitsbedingungen für einheimische oder Gast-Arbeiter, die EU hatte ihre Finger im Spiel. So sorgt die gerade erst vor einigen Monaten aktualisierte Entsenderichtlinie dafür, dass EU-Bürger immer den Lohn bekommen, den auch einheimische Arbeitskräfte erhalten. Sie haben Anspruch auf den gleichen Urlaub, die gleichen Zusatzgratifikationen – alles nur um zu verhindern, dass Billiglohnarbeiter das Niveau untergraben. Und auch wenn es eher traurig ist, das überhaupt ansprechen zu müssen: EU-Richtlinien haben Mindeststandards zur Gleichstellung von Mann und Frau geschaffen, Quoten für den beruflichen Aufstieg von Frauen wurden formuliert und der Schutz vor jeder Form von Diskriminierung oder gar Belästigung am Arbeitsplatz festgeschrieben. Die jungen Eltern können um diese Zeit weiter bei ihren Kleinkindern bleiben, weil der Mutter- und Vaterschaftsurlaub innerhalb der Union geregelt wurde – inklusive der notwendigen staatlichen Zuwendungen. Das sind alles Ergebnisse der auslaufenden Legislaturperiode.

Überstunden aufschreiben! Foto: mjh lof/dpa

12 Uhr: 12 Uhr: Es wird Zeit für die Mittagspause. Auch darauf hat jeder EU-Bürger einen Anspruch. Die Arbeitszeit-Richtlinie schreibt vor, wie lange jeder Erwerbstätige arbeiten darf. Höchstens sechs Stunden sind zusammenhängend erlaubt, dann muss eine Pause drin sein. Und innerhalb von 24 Stunden hat jeder Arbeitnehmer ein Anspruch auf eine mindestens elfstündige Unterbrechung. Innerhalb von sieben Tagen ist mindestens ein freier Tag zu gönnen. Beginn, Pausen, Unterbrechungen – alles muss genau erfasst werden. Erst vor wenigen Tagen hat der Europäische Gerichthof in einem Urteil festgestellt: Zum Schutz der Arbeitnehmer sind genaue Aufzeichnungen nötig. Das Urteil muss bald umgesetzt werden.

Sogar auf dem Spielplatz mischt die EU mit . .  . Foto: Patty Varasano

17 Uhr - endlich Feierabend. Vorschlag: Wie wäre es, mit den Kindern auf einen Spielpatz zu gehen? Solche Anlagen haben in der EU-Gesetzgebung der vergangenen Jahre übrigens eine große Rolle gespielt. Weil Brüssel im Zusammenhang mit dem umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat dafür gesorgt hat, dass dieser Wirkstoff nicht länger in unmittelbarer Nähe von Spielplätzen ausgebracht werden darf. Um diese Tageszeit ist es noch hell – übrigens ein Ergebnis der Sommerzeit, auf die sich die EU verständigt hat. Also raus in die Natur, vielleicht ein Spaziergang oder eine Fahrradtour. Kaum jemand weiß, dass ein Großteil dieser Wege, die man dabei benutzt und befährt, eine Frucht der europäischen Infrastruktur-Programme sind. Denn das Leader-Projekt hat in vielen Regionen solche Erholungsmöglichkeiten überhaupt erst möglich gemacht. Brüssel zahlt für Wanderwege, auf denen sich Jogger und andere Erholungssuchende tummeln, etliche tausend Euro pro Vorhaben – einen Hinweis darauf wird man vergeblich suchen.

Noch einen Film gucken? "3 Tage in Quiberon" wurde von der EU gefördert.  Foto: copyright Prokino

20.15 Uhr: Einfach nur noch relaxen, einen guten Film aus der Online-Datenbank eines Anbieters auswählen? Die Auswahl ist übrigens deswegen so groß, weil Netflix und andere keine unterschiedlichen Angebote mehr in den Mitgliedstaaten machen dürfen. Noch am Anfang dieser Legislaturperiode durften Musik- und Video-Streamingdienste ihre Preise je nach Land staffeln. Sowas passte nicht zum Binnenmarkt. Also ein kleiner Film-Tipp für den Abend: „3 Tage in Quiberon“, ein großartiger Streifen. Eigentlich will Romy Schneider am Gipfel ihrer Karriere einfach einmal eine Auszeit nehmen und reist mit ihrer besten Freundin Hilde nach Quiberon. Doch als zwei Journalisten eintreffen, die ein Interview mit der Schauspielerin führen möchten, ist die Ruhe zerstört. Zwischen den Reportern und den beiden Frauen entwickelt sich eine bizarre Dynamik. Letztendlich gibt Romy Schneider den Männern ein legendäres Interview. In dem Streifen, der den Deutschen Filmpreis 2018 bekam, steckt übrigens ein saftiger Zuschuss der EU-Filmförderung. Im Vorjahr unterstützte Brüssel allein 17 Produktionen, die alle bei der Berlinale liefen.

23 Uhr: Nachtruhe. Der lange Tag, an dem der Bürger von der EU begleitet wurde, neigt sich dem Ende zu. Aber auch für einen guten und sicheren Schlaf hat Europa gesorgt. Denn die Richtlinie 2001/95/EG schreibt vor, wie die Betten beschaffen sein müssen, in denen Kinder nicht nur ruhig, sondern vor allem sicher träumen. Schließlich ereignen sich pro Jahr rund 17.000 Unfälle in allen Mitgliedstaaten in Kinderbetten. Deshalb lohnt noch ein kurzer Blick unter das Gestell: Prangt dort ein CE-Prüfzeichen, kann die Nacht eigentlich nur gut werden. Europa ist längst nicht mehr nur ein Raum des Friedens, der Freiheit und des Wohlstands, sondern eben auch der Bürger. Manchmal lohnt es sich, das wieder zu entdecken.

Rückblick

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