Berlin

Analyse: Harsche Kritik am RKI ist wohl zum Volkssport geworden

Das Robert-Koch-Institut steht plötzlich im Rampenlicht. Alles, was die Mitarbeiter und allen voran ihr Chef Wieler machen, wird mikroskopisch genau beobachtet.
31.03.2020, Berlin: Lothar Wieler, Leiter des Robert-Koch-Instituts, äu�ert sich auf einer Pressekonferenz zu dem aktuellen Stand der Ausbreitung des Coronavirus und seiner Bekämpfung. Foto: Annegret Hilse/Reuters-Pool/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
31.03.2020, Berlin: Lothar Wieler, Leiter des Robert-Koch-Instituts, äu�ert sich auf einer Pressekonferenz zu dem aktuellen Stand der Ausbreitung des Coronavirus und seiner Bekämpfung. Foto: Annegret Hilse/Reuters-Pool/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: bsc

Es ist Februar, die erste große Pressekonferenz des Robert Koch-Instituts, kurz RKI, zur Coronakrise läuft. Allerdings sind kaum Journalisten anwesend. Das RKI hat schlichtweg vergessen, alle relevanten Medien einzuladen. Eine Pressesprecherin begrüßt ausdrücklich „die Zuschauer von Phoenix“, jenem öffentlich-rechtlichen „Ereigniskanal“, der ein eher überschaubares Publikum anspricht. Die wenigen anwesenden Journalisten schmunzeln.

Gleich wird RKI-Chef Lothar Wieler die neuen Zahlen zum Coronavirus verkünden – und zum Glück übertragen ein paar TV-Sender das Geschehen. Schnell noch ein Anruf in der Pressestelle des Instituts: „Bei Ihnen läuft gerade eine Pressekonferenz. Ich hätte gerne gewusst, warum wir nicht eingeladen wurden?“ – „Äh, tatsächlich, das weiß ich jetzt gar nicht.“ – „Aber ich rede schon mit der Pressestelle, richtig?“ – „Ja, aber schreiben Sie mir bitte eine Mail, ich weiß gerade nicht...“

Eine vielsagende Anekdote über das Robert Koch-Institut mit seinen mehr als 1100 Mitarbeitern? Arbeitet so etwa die Behörde, deren Namen inzwischen in Deutschland einen Bekanntheitsgrad wie Tempo oder Coca-Cola erreicht haben dürfte? Und auf die die Bundesregierung hört in ihrem Kampf gegen die Pandemie.

Die Anekdote stammt noch aus den frühen Krisentagen. Niemand weiß damals so richtig, wie man umgehen soll mit diesem Coronavirus, das Menschen befällt und sie töten kann. Ein Virus, das Abläufe durcheinander- und Menschen an ihre Grenzen bringt. Auch das Robert Koch-Institut in seinem prächtigen Backsteinbau am Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal ist vom Chaos nicht frei. Doch während andere Behörden sich wegducken können und Fehler nicht auffallen, steht das RKI plötzlich im Rampenlicht. Alles, was die Mitarbeiter und allen voran ihr Chef Wieler machen, wird mikroskopisch genau beobachtet.

Wieler und seine Leute geben nahezu täglich Berichte ab. Und die werden auch von denen kritisch kommentiert, die keine Virologen sind. „Was für ein RKIrrtum!“, titelte die Bild und listete auf, was Wieler angeblich alles schon falsch gemacht habe. Zum Beispiel, dass er und sein Institut noch Ende Januar erklärten, das Coronavirus sei keine Gefahr für Deutschland.

Es ist nicht ganz einfach, die Faktenlage darzustellen. Fest steht, dass Wieler bereits Anfang Januar auf das Virus hingewiesen und ein Zentrum für künstliche Intelligenz in der „Public-Health-Forschung“ gefordert hat, um „Fortschritte für die Gesundheit der Bevölkerung“ zu erzielen. Dennoch scheinen Wieler-Kritik und RKI-Bashing für viele zum Volkssport geworden zu sein.

Was auch an seiner Medienpräsenz liegt. Handwerkliche Fehler – wie der mit den Einladungen zur Pressekonferenz im Februar – sind abgestellt. Gleichwohl tut sich Lothar Wieler, Jahrgang 1961, nach wie vor schwer bei öffentlichen Auftritten – deutlich schwerer als der omnipräsente Christian Drosten.

Der schwarz gelockte Virologe von der Berliner Charité ist zu dem Corona-Erklärer der Republik geworden, fast einem Rockstar gleich. Frauen bekunden in sozialen Netzwerken: „Drosten, ich will ein Kind von dir!“ Drosten, Jahrgang 1972, strahlt in Interviews sowohl Nahbarkeit als auch Kompetenz aus. Wissenschaftliches weiß er unaufgeregt, eloquent und klar zu vermitteln. Es gibt mittlerweile Drosten-Fans, die ihre Tage mit seinen Podcasts beginnen und beenden.

Aber diese Popularität hat ihren Preis: Kürzlich sagte Drosten, dass ihm so einiges auf die Nerven gehe. Es seien nicht die Wissenschaftler, sondern die Politik, die Entscheidungen in der Krise treffe. Er drohte mit Rückzug aus der Öffentlichkeit. Er habe in der vergangenen Woche bewusst keine Interviews gegeben, weil er das Gefühl habe, dass ihm und anderen Forschern Aussagen „angehängt werden, die so nicht stimmen“. Drosten regte sich über Zeichnungen auf, die ihn aufs Korn nehmen. „Ich sehe mich selber als Comicfigur gezeichnet – und mir wird schlecht dabei.“

Lothar Wieler, in dessen Gesicht sich über die Jahre Furchen eingegraben haben und dessen Haar mehr und mehr in Richtung Grau tendiert, ist da anders. Eher der trockene Typ. Ob ihn die ständige Kritik an seiner Arbeit nerve? Wieler lächelt und bedankt sich für die Frage. „Wo Licht ist, ist auch Schatten“, sagt er und macht mit der Hand eine Wischbewegung. „Wichtig ist, dass unser Haus arbeiten kann“, sagt er und ergänzt: „Wichtig ist, dass meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den vollen Support kriegen.“ Der RKI-Präsident ist, das ist offensichtlich, keiner, der ins Rampenlicht muss. „Das ist eine schwere Zeit für uns, aber es ist für alle eine schwere Zeit“, sagt er. Es gebe viele Menschen in diesem Land, die Druck hätten und unter bestimmten Bedingungen arbeiten. „Damit müssen wir umgehen.“

Die häufigste Kritik am Robert Koch-Institut ist die, dass es mit alten Zahlen operiere. Zum Vergleich wird die Johns Hopkins Universität (JHU) in den USA herangezogen, die angeblich aktuelleres Material anbiete. Dabei ist die Erklärung simpel. JHU und RKI beziehen „ihre Daten aus unterschiedlichen Quellen, daher sind Abweichungen unvermeidlich“, erläutert das Robert Koch-Institut. Die Angaben der Johns Hopkins Universität basieren demnach auf einer kontinuierlichen Internetrecherche, bei der verschiedene Quellen berücksichtigt werden. Das bringt zwar schnell neue Zahlen, lässt „aber nur begrenzte Schlüsse auf die Entwicklung zu, da nähere Informationen zu den Fällen fehlen und die Berichterstattung der Bezugsquellen nicht einheitlich ist“, so das RKI.

In Baltimore, dem Sitz der Johns Hopkins Universität, reagiert man auf Nachfrage dazu unamerikanisch unhöflich, bestätigt die Einschätzung der deutschen Kollegen aber. „Das Team, das rund um die Uhr an der Pflege der Karte arbeitet, stützt sich auf verschiedene Quellen“, erklärt denn auch Pressesprecher Douglas Donovan. Die JHU-Internetseite stütze sich, konkretisiert er, auf öffentlich zugängliche Daten aus verschiedenen Quellen, „die nicht immer übereinstimmen. Häufigere Aktualisierungen der Karte führen oft zu höheren Fallzahlen als aus anderen Quellen, die weniger häufig aktualisiert werden“.

26.03.2020, Berlin: Christian Drosten, Direktor, Institut für Virologie, Charite - Universitätsmedizin Berlin (M), spricht neben Anja Karliczek (CDU, r), Bundesministerin für Bildung und Forschung, sowie Heyo Kroemer, Vorstandsvorsitzender, Charite - Universitätsmedizin Berlin, im Forschungsministerium vor einer Pressekonferenz zum Nationalen Forschungsbündnis der Universitätsmedizin im Kampf gegen Covid-19. Foto: Michael Kappeler/dpa-pool/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
26.03.2020, Berlin: Christian Drosten, Direktor, Institut für Virologie, Charite - Universitätsmedizin Berlin (M), spricht neben Anja Karliczek (CDU, r), Bundesministerin für Bildung und Forschung, sowie Heyo Kroemer, Vorstandsvorsitzender, Charite - Universitätsmedizin Berlin, im Forschungsministerium vor einer Pressekonferenz zum Nationalen Forschungsbündnis der Universitätsmedizin im Kampf gegen Covid-19. Foto: Michael Kappeler/dpa-pool/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: Michael Kappeler

Einen Kommentar zum RKI will Donovan nicht abgeben. Er führt noch zahlreiche Datenquellen auf, das Robert Koch-Institut ist nicht darunter. Diese Zurückhaltung wird auch mit dem Konkurrenzkampf der Forschungseinrichtungen zu tun haben. Corona bedeutet nicht nur mediale Aufmerksamkeit, das Virus spült auch Millionenbeträge in die Forschungskassen. Wer am lautesten ruft, darf hoffen, nach dem Ende der Krise reichlich mit Drittmitteln bedacht zu werden.

Wieler lässt das kalt. „Ich betone es immer wieder: Für uns ist wirklich wichtig, dass wir die Informationen erhalten und dass wir die Informationen analysieren können“, sagt er. Nur so könne sein Institut Empfehlungen zum Umgang mit der Pandemie geben. „Das ist der entscheidende Punkt.“

Wieler ist Veterinärmediziner und Mikrobiologe. Seine Forschungsschwerpunkte: Tierseuchen und Infektionskrankheiten, die zwischen Tieren und Menschen übertragen werden können. Im März 2015 wurde er Präsident des Robert Koch-Instituts. Internetnutzer oder Journalisten mögen ihn als etwas glücklos-holprigen Kommunikator empfinden, Bundesgesundheitsminister Jens Spahn lobt ihn. „Was ich erlebe, ist, dass Kollegen aus europäischen Nachbarländern aktiv nach der Expertise des Robert Koch-Instituts nachfragen“, sagt der CDU-Politiker. „Wir haben hier als Bundesrepublik Deutschland ein international und europäisch sehr angesehenes Institut für die öffentliche Gesundheit.“ Wieler und er hätten schon mehrfach darüber gesprochen, wie das Institut gestärkt werden könne. Und schon jetzt wirbt Spahn für eine tiefgreifendere Vernetzung des Robert Koch-Instituts mit dem öffentlichen Gesundheitswesen. Hauptaufgabe des RKI ist es ja, die Bevölkerung vor Krankheiten zu schützen, den Gesundheitszustand zu verbessern sowie die Bundesregierung und andere Stellen entsprechend zu beraten.

Lothar Wieler beobachtet das Geschehen um sich aufmerksam. „Das ist jetzt nicht die Zeit für Dilettanten, das ist die Zeit für Profis“, sagt er selbstbewusst. Was er nicht sagt, ist, dass er und seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter seit Wochen mit wenig Schlaf auskommen müssen. Eine Folge: Er hat die Zahl seiner Pressekonferenzen reduziert. Um Kräfte zu schonen. Fakten liefert die Internetseite seines Instituts und die lassen an eine Entwarnung im Moment kaum denken. Mit Stand 1. April waren in Deutschland 67366 Infizierte gemeldet, 5453 mehr als am Tag zuvor. 732 Menschen sind an den Folgen der Viruserkrankung gestorben, die Zahl der Genesenen hat die Grenze von 16000 überschritten.

Irgendwann allerdings wird die Coronakrise ausgestanden sein. „Hinterher kann man über alles reden und dann gibt es eine Generalabrechnung“, verspricht Wieler. Im Moment hat er dafür keine Zeit.

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