Berlin

BUND-Vorsitzender Weiger zum Umweltschutz: „Wir brauchen mehr politischen Druck“

BUND-Chef Hubert Weiger: „Die Klimakrise ist nicht gestoppt. Sie wird immer dramatischer“, sagte der 72-Jährige. Dies könne jeder an sterbenden Wäldern, ausgetrockneten Flüssen und Ernteverlusten der Landwirtschaft sehen. Foto: Peter Förster, dpa

Der 72-jährige Kaufbeurer Hubert Weiger ist promovierter Forstwissenschaftlern und engagiert sich seit Anfang der 1970er Jahre beim Bund Naturschutz. Er war 1975 Gründungsmitglied des „Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V.“ (BUND). Seit 2007 ist Weiger Bundesvorsitzender. Im Interview warnt vor den Folgen der Klimakrise.

Herr Weiger, nach 12 Jahren als Vorsitzender machen Sie Schluss. Sie sind in der Umweltbewegung Jahrzehnte aktiv. Wann sind Sie das letzte Mal als Frosch-Küsser bezeichnet worden?

Hubert Weiger: Also Frosch-Küsser? Daran kann ich mich nicht erinnern. Aber als Kröten-Träger. Das war in den 70er beziehungsweise 80er Jahren. Manche haben über uns gelächelt, nun tragen sie die Frösche und Kröten über die Straße. Aber es war immer Respekt vor dem persönlichen Einsatz dabei. In den letzten Jahren ist es gelungen, zu verdeutlichen, dass dies alles nicht aus Jux und Tollerei geschieht. Sondern schlichtweg aus einer ökologischen Notwendigkeit.

Ist Umwelt- und Klimaschutz nach jahrzehntelanger Arbeit in der Mitte der Gesellschaft angekommen? Sind Sie damit zufrieden, was Sie in der Vergangenheit erreicht haben?

Weiger: Natur- und Umweltschutz ist – nicht erst seit den Klima-Demos – kein Rand-Thema mehr. Wir haben einen überproportionalen Zuwachs an Unterstützern. Allein in der Zeit als ich Vorsitzender sein konnte, haben wir uns fast verdoppelt. Wir haben Gebiete in Deutschland, wo die Mitgliederzahl höher ist, als die aller demokratischen Parteien zusammen.

Also können Sie beruhigt den Stab weiterreichen?

Weiger: Nein. Es gibt trotz aller Fortschritte, nicht den zentralen Durchbruch. Die Klimakrise ist nicht gestoppt. Sie wird immer dramatischer. Wir sehen das am Waldsterben, aufgrund der Trockenheit und der maximalen Hitzetage im Sommerhalbjahr. Wir sehen es an den ausgetrockneten Flüssen. An den sinkenden Grundwasserständen. An den Ernteverlusten der Landwirtschaft sowie an den Hitzetoten in den Großstädten. Wir haben viele Entwicklungen, die für die Menschen die Umweltkrise zunehmend sichtbar und erfahrbar machen.

Das zentrale Ziel ihres Verbandes, das Artensterben zu stoppen - ist auch nicht erreicht…

Weiger: Mit Sicherheit nicht. Es gibt punktuelle Fortschritte, partiell im Bereich von Wäldern. Es gibt kleine Fortschritte im Bereich Moorschutz. Aber es gibt zugleich einen massiven Artenrückgang in der offenen Agrarlandschaft. Wir haben sogar den Rückgang bei Allerweltsarten - wie beispielsweise der Goldammer oder der Feldlerche. Vogelarten, die sonst flächendeckend vorhanden waren. Das Zentrum des Hausspatzes ist inzwischen Berlin und es sind nicht mehr die Dörfer in Deutschland. Das muss man sich einmal vorstellen.

Was sind Ihre größten Erfolge als BUND-Chef?

Weiger: Ich freue mich, dass mein Verband zentral beitragen konnte, dass wir aus der Atomkraft ausgestiegen sind. Uns ist gelungen, die Agro-Gentechnik in Europa zu verhindern. Wir steigen jetzt ein in den Ausstieg aus der Kohle. Aber: Bei der Freude über die Erfolge. Wir brauchen mehr politischen Druck. Es braucht mehr politisches Engagement. Die Zeit der Freiwilligkeit ist vorbei. Wir brauchen mehr klare staatliche Vorgaben mit klaren Zielen, die auch zu finanziellen Konsequenzen bei Nichteinhalten führen müssen.

War es nicht ein Fehler, so überhastet aus der Kernerenergie auszusteigen? In der Folge pusteten die Kohlekraftwerke trotz Energiewende viel Kohlendioxid in die Luft.

Weiger: Das hängt damit zusammen, dass die Kohlekraftwerke nicht stillgelegt worden und wir dadurch zum führenden Stromexportland in Europa geworden sind. Die Atomkraft ist keine Alternative im Klimaschutz. Ihr größtes Problem ist bis heute nicht gelöst. Nämlich, wie gehen wir mit dem hochradioaktiven Abfall um. Es gibt weltweit kein gesichertes Endlager für hochradioaktive Abfälle. Die Atomenergie ist außerdem eine Hochrisiko-Technologie, bei der nichts passieren darf. Dreimal wurde in der Geschichte bewiesen, dass sie nicht beherrschbar ist: Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima.

Sie haben zahllose Nachtsitzungen hinter sich, zuletzt massiv während der Arbeit in der Kohlekommission. Am Ende kommt meist weniger heraus, als gedacht. Wann nervt Sie eigentlich die Politik?

Weiger: Nervenaufreibend ist, dass mit hohem – auch zeitlichen – Einsatz gearbeitet wird. Dafür steht leider auch die Kohlekommission. Wir haben 80 verschiedene Vorträge gehört. Wir haben intensiv beraten. Die Ergebnisse waren dann ernüchternd, gerade für uns Umweltverbände. Am Ende wurden unter Zeitdruck die Ergebnisse erzielt. Man wollte vor Tagesanbruch die Ergebnisse an die Öffentlichkeit transportieren. Jede Gruppe mobilisierte alle Kräfte, um entsprechende Ergebnisse zu verhindern beziehungsweise zu beschleunigen. Man fragt sich immer, warum müssen die bis morgens um fünf Uhr zusammensitzen. Da ist doch kein Mensch mehr richtig verhandlungsfähig.

Was ist das Schönste an der Politik?

Weiger: Das Treffen und Kennenlernen verschiedenster Menschen. Ein spannender Prozess. Man ist gezwungen, sich mit völlig anderen Positionen auseinander zu setzen. Ich bin bewusst zu anderen Organisationen gegangen. Wenn man diese Möglichkeiten nutzt, ist das auch bereichernd.

In Bayern hat Markus Söder der CSU grün verordnet. Wie glaubhaft ist das?

Weiger: Ich kenne Markus Söder schon lange. Er hat sich zum Beispiel gegen die Staustufen an der unteren Donau eingesetzt und sich damals zu Unrecht eine blutige Nase geholt. Ob er es jetzt ernst meint mit dem Klima- und Umweltschutz muss sich an der konkreten Politik zeigen. Die reine Rhetorik der richtigen Positionen reicht nicht aus. Söder hat ein Gespür für die Stimmungen im Volke. Deshalb ergrünt er. Es kann aber auch sein, dass er seine Richtung wieder ändert, wenn sich die Stimmung dreht. Aktuell hat Markus Söder dem Ausbau der Erneuerbaren Energien einen Bärendienst erwiesen. Die Abstandsregelung für Windkraft, die Söder in Berlin durchgesetzt hat, ist das Gegenteil von dem was wir brauchen. Er wirft damit dieser für die Energiewende unverzichtbaren Branche erneut Knüppel zwischen die Beine.

Sagen Sie eigentlich Markus oder Herr Söder?

Weiger: Herr Söder.

Noch etwas länger am Ruder als Sie ist Bundeskanzlerin Angela Merkel. Sie wurde einst als Klimakanzlerin gefeiert, hat aber viele Hoffnungen enttäuscht. Wollte Sie mehr erreichen im Kampf gegen die Erderwärmung als sie konnte oder wollte sie nie mehr?

Weiger: Im Unterschied zu mir ist Frau Merkel wirklich am Ruder. Ich habe häufiger mit ihr gesprochen und sie wollte mehr für den Klimaschutz. Ihr Problem ist viel mehr ihre Fraktion aus CSU und CDU. Umweltpolitiker haben es dort traditionell schwer. Und wenn es mal einen gibt, wird er oder sie an den Rand gedrängt. Aber letztendlich gilt auch für Frau Merkel, dass sie sich am Ergebnis messen lassen muss. Und das ist in Sachen Klimaschutz mehr als enttäuschend.

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