Berlin

Bauern-Aufstand: Wie unser Reporter die Demo in Berlin erlebte

Solch eine Demonstration hat Berlin noch nicht gesehen: Mit rund 6000 Traktoren kamen Bauern aus ganz Deutschland in die Hauptstadt.
Main-Post-Reporter Jonas Keck vor dem Brandenburger Tor. Drei Tage lang begleitete er Landwirte aus Unterfranken auf ihrer Protestfahrt. Foto: Jonas Keck

"Wir machen einen Aufstand", sagt Martin Gleichmann. An der Tür seines Traktors befestigt der Landwirt eine Fahne, auf der ein Schuh zu sehen ist. Sie ist der historischen Flagge der Bauernproteste aus dem 15. Jahrhundert nachempfunden.  Die sogenannte Bundschuh-Bewegung sorgte damals in Südwestdeutschland für Aufruhr. "Wir machen etwas ähnliches, wie die Bauern damals", sagt der Bauer aus Friesenhausen (Lkr. Haßberge).

Gleichmann gehört der Initiative "Land schafft Verbindung" an und ist einer der Organisatoren der Sternfahrt von Geldersheim (Lkr. Schweinfurt) nach Berlin. Rund 5100 Bauern aus allen Teilen Deutschlands waren mit dem Traktor bis vor das Brandenburger Tor gefahren, um ihren Unmut auszudrücken. Sie demonstrieren gegen die steigenden Anforderungen an ihren Berufsstand. Das betrifft etwa Umweltauflagen und Bürokratie, aber auch mangelnde Anerkennung. Für viele Bauern geht es nicht zuletzt um die finanzielle Existenz.

"Ich bin kein Wohlfahrtsunternehmen", sagt Martin Gleichmann. Der 53-Jährige leitet einen Biobetrieb mit 90 Milchkühen und besitzt 150 Hektar Ackerfläche. "Du schaffst und schaffst und schaffst. Und am Ende kommt nichts dabei rum", beschreibt er die Situation vieler Kollegen. "Ich will von meiner Hände Arbeit leben, und nicht von staatlichen Subventionen abhängig sein." Die ungewisse Zukunft, sie ist es, was die Bauern auf die Straße treibt.

Landwirt Martin Gleichmann aus Friesenhausen hinter dem Steuer seines Traktors. Foto: Jonas Keck

Für viele Teilnehmer der Demo war es die erste Fernreise mit dem Traktor. Gleichmann indes kann sie kaum alle aufzählen. Um für eine bessere Agrarpolitik in der Europäischen Union zu demonstrieren, war er schon zwei Mal in Brüssel. Auch in Jena, Mainz und am Bodensee hat er bereits demonstriert. Immer mit dem Schlepper.

Die Aktion schweißt die Bauern zusammen

Unabhängig davon, ob die Bauern durch die Demonstration in Berlin politische Erfolge erringen können, schweißt das Erlebnis die unterfränkischen Landwirte weiter zusammen. Sie fahren nicht nur stundenlang hintereinander her. Sie bauen zusammen Feldbetten auf und halten sich gegenseitig durch Schnarchen wach. Sie essen Würste vom gleichen Grill und helfen sich mit einer Sicherung aus, wenn ein Traktor technische Probleme hat.

Große Zustimmung gab es für die Bauern am Straßenrand. Foto: Jonas Keck

Die lange Fahrtzeit hat den wenigsten Teilnehmern zu schaffen gemacht. "Beim Ernten sitzen wir manchmal 20 Stunden am Tag auf dem Schlepper", erzählt Gleichmann. Zumal die Fahrersitze gut gefedert sind. Die Beifahrer haben mehr Grund zu klagen. Die Sitzfläche ist schmal und der Fußraum ist knapper bemessen als im Flugzeug mancher Billiglinie.

Gleichmanns Erfahrungen mit Traktordemos kamen der Initiative "Land schafft Verbindung" auch in Berlin zugute. Er ist es, der die Kolonne zusammenhält. Er ist es, der Katzenstreu in Milchflaschen füllt, um zwölf Stunden ohne Halt für Pinkelpausen durchfahren zu können. Doch auch für den Bauern aus Friesenhausen gibt es eine Premiere: Auf der Autobahn ist er mit dem Schlepper noch nie durch Deutschland gefahren.

Die Polizei meldet in Unterfranken keine Störungen

Am Sonntag war der Traktor-Konvoi, von der Polizei eskortiert, über die B 19 und die A 71 Richtung thüringische Landesgrenze getuckert. Unfälle oder andere Störungen hat es laut Polizeisprecher Enrico Ball zumindest auf unterfränkischem Boden nicht gegeben. Die Landwirte hätten sich vorbildlich an alle Auflagen gehalten, sagt Ball. Auch die zahlreichen Schaulustigen entlang der Strecke hätten keine Probleme verursacht.

An fast jeder Autobahnbrücke von Bayern bis Brandenburg stehen Zuschauer mit Transparenten. Sie wünschen den Landwirten eine "Gute Fahrt" und bekunden ihre Sympathie. Die Reaktionen auf der Strecke sind ausnahmslos positiv – bis die Bauern Berlin erreichen. Dort wechseln sich begeistertes Winken und verständnisloses Kopfschütteln der anderen Verkehrsteilnehmer ab. Überall wird der historische Moment mit dem Handy gefilmt.

Beeindruckend: Mit knapp 6000 Traktoren kamen die Bauern nach Berlin. Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa

Erst einen Tag vor der Abfahrt hatte sich Martin Gleichmann ein Smartphone zugelegt. "Viel Organisatorisches läuft über Whatsapp", sagt er. Das will er sich nicht durch Dritte per Funk durchgeben lassen. Die Gruppe des Messenger-Dienstes "A 71 nach Berlin" zählt rund 180 Mitglieder. Ähnlich viele fuhren von Geldersheim aus die rund 450 Kilometer nach Berlin.

Das Brandenburger Tor in Berlin Mitte ist das Ziel, dort in der Nähe findet am Dienstag auch die große Kundgebung statt. Die Polizei spricht von knapp 6000 Traktoren, die nach Berlin gekommen sind. Insgesamt sollen es 40 000 Teilnehmer gewesen sein.

Bundestagsabgeordnete aus der Region Mainfranken suchen den Weg zu den unterfränkischen Bauern. "Ich habe den Eindruck, dass wir Politiker den Draht zu den Landwirten verloren haben", sagt etwa Anja Weisgerber, CDU-Politikerin aus dem Landkreis Schweinfurt. Sie will künftig stärker den Kontakt suchen. Auch die Abgeordnete Simone Barrientos (Die Linke) aus Ochsenfurt ist vor Ort. Sie hält den Druck der Bauern auf der Straße "für wichtig".

Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, spricht bei einer Protestaktion von Bauern gegen das Agrarpaket der Bundesregierung vor dem Brandenburger Tor - und erntete viele Pfiffe.  Foto: Bernd von Jutrczenka, dpa

Als schließlich Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) auf dem Podium zu den Tausenden Landwirten spricht, ist die Ablehnung der Bauern spürbar. Immer wieder wird gepfiffen. "Es nützt doch nichts, wenn ich Ihnen nach dem Mund reden würde", sagt sie – und sucht doch den Schulterschluss: "Artenschutz ist wichtig. Bauernschutz ist aber auch wichtig." Sie will für die Landwirtschaft ein "nationales Dialogforum" gründen. Am Ende gibt es verhaltenen Applaus.   

Mahnfeuer in der Heimat

Sind die Landwirte zufrieden? Das muss die Zukunft zeigen. Auf jeden Fall haben sie ein beeindruckendes Zeichen gesetzt. Letzte Fotos am Brandenburger Tor werden gemacht. Und während die daheimgebliebenen Bauern aus Solidarität in Main-Spessart, in der Rhön oder in den Haßbergen Mahnfeuer entzünden, treten die Landwirte mit ihren Traktoren den Rückweg aus Berlin an. Nicht mehr im großen Konvoi. Diesmal individuell.

In der Heimat entzündeten die Bauern derweil - wie hier in Gräfendorf im Landkreis Main-Spessart - Mahnfeuer aus Solidarität mit ihren Kollegen in Berlin. Foto: Wolfgang Schelbert

Bei der Polizei sieht man der Rückreise gelassen entgegen. "Die einzelnen Verkehrspolizeiinspektionen werden die Lage beobachten", sagt Polizeisprecher Ball. Man stehe mit den Kollegen – insbesondere aus dem benachbarten Thüringen – in Kontakt. Sollten sich die Bauern in "größeren Gruppen" auf den Weg Richtung Unterfranken machen, werde noch entschieden, ob die Polizei entsprechende Maßnahmen treffen muss. Anders als auf dem Hinweg werden die Bauern zumindest in Bayern keine Autobahn nutzen, so Ball. 

Wenn es nach Gleichmann geht, war das nicht der letzte Protest dieser Art. Solche Aktionen seien nötig, um in der Politik und den Medien Gehör zu finden – erst dann kann sich auch etwas bewegen.

Die Bauernaufstände der Bundschuh-Bewegung wurden damals niedergeschlagen.

Die aktuelle Initiative der Landwirte muss nicht nur die Landwirtschaft und das Verhalten der Verbraucher verändern, sie muss die Marktwirtschaft umkrempeln. Dann hat die Bewegung das Potential, zu bleiben.

 

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