Doha

Besuch in Katar: Moderner Sklavenhandel im WM-Gastgeberland?

In drei Jahren wird das Finale der Fußball-WM angepfiffen. Menschenrechtler kritisieren Katar heftig. Unser Reporter erlebte, wie sich die Verantwortlichen um das Thema winden.
Blick über den Bauzaun: die Baustelle des Al Rayyan Stadions bei Doha, Katar Foto: Benjamin Stahl

Die Taxifahrt endet auf einer nagelneuen Autobahn an einer Straßensperre aus Beton. "Näher ran kann ich nicht", entschuldigt sich unser Fahrer. Der Abschnitt jenseits der Sperre ist für den Verkehr noch nicht freigegeben. Rund 20 Kilometer hinter uns liegt die katarische Hauptstadt Doha, vor uns und um uns vor allem Wüste. "Den Rest müsst ihr zu Fuß gehen." Unser Ziel ist noch einige Hundert Meter entfernt, aber gut sichtbar: Aus der Baustelle des Al Rayyan Stadions, wo in drei Jahren mehrere Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen werden, ragen etwa ein halbes Dutzend Kräne. Die wachsende Arena selbst wirkt wie ein in der Wüste gelandetes Ufo. Das Taxi wendet und lässt uns scheinbar im Nirgendwo zurück. Wir steigen über die kniehohe Betonbarriere und machen uns auf den Weg.

Für Januar hat Katar Reformen angekündigt

Die Stadionbaustellen des WM-Gastgeberlandes Katar, wo fast ausschließlich Gastarbeiter aus den ärmsten Ländern Südasiens und Afrikas schuften, sorgen – neben der fragwürdigen Turnier-Vergabe 2010 – seit Jahren für Negativschlagzeilen: einbehaltene Pässe, schlechte Zahlungsmoral, schäbige Unterkünfte und sogar Todesfälle. Von moderner Sklaverei in einem märchenhaft reichen Land ist die Rede.

Menschenrechtsorganisationen kritisieren Katar und die Fifa schon lange. Amnesty International berichtete etwa immer wieder, dass Arbeitsmigranten monatelang keinen Lohn bekämen. In einem Bericht von 2018 heißt es: Unabhängige Kontrolleure hätten "in allen zehn der von ihnen untersuchten Unternehmen Verletzungen der Rechte von Arbeitsmigranten" festgestellt. Sie hätten aber auch "von vorsichtigen Verbesserungen bei den Bauvorhaben im Rahmen der Fußballweltmeisterschaft 2022" berichtet.

Vorsichtiger Optimismus auch bei Human Rights Watch. Grund sind Reformen, die Katar 2017 angekündigt hat, darunter Gesetze, die die Situation von Arbeitsmigranten verbessern sollen. "Falls sie umgesetzt werden, wäre dies im Vergleich zu anderen Ländern der Golf-Region ein großer Fortschritt", so die Menschenrechtsorganisation. Konkret ist ab Januar 2020 unter anderem die Einführung des ersten Mindestlohns der arabischen Welt geplant und Migranten sollen keine Ausreisevisa mehr benötigen.

Vier Quadratmeter pro Arbeiter

Umso näher wir der Baustelle kommen, desto weniger sehen wir: Die Stelle auf der menschenleeren Autobahn, wo uns unser Fahrer abgesetzt hat, lag auf einer Anhöhe und bot einen guten Blick auf das Al Rayyan Stadion. Nun verschlechtert sich mit jedem Schritt unser Blickwinkel – Sichtschutzzäune schotten die Baustelle ab. Dennoch erkennen wir einige Arbeiterunterkünfte. Container, zwischen denen Leinen gespannt sind. Auf ihnen trocknet Wäsche in der katarischen Wintersonne. Es ist Mittag und über 30 Grad heiß. Wir begegnen den ersten Arbeitern. Einige sitzen im Schatten, doch generell wird gearbeitet.

Vor der Baustelle des Al Rayyan Stadions bei Doha sitzt ein Arbeiter unter einem improvisierten Plastikunterstand im Schatten. Foto: Benjamin Stahl

Das haben wir anders gehört. "In der Mittagshitze ist Pause", wurde uns erzählt. Und: Die meisten Arbeiter lebten in acht zentralen Unterkünften mit Freizeitmöglichkeiten, Supermärkten und Waschsalons. Vier Mann pro Raum – das mache vier Quadratmeter pro Arbeiter.

Es ist nicht so, dass man in Katar keine Antworten auf kritische Fragen zur WM bekommt. Im Gegenteil: Alle Gesprächspartner – meist Ausländer, von den rund 2,7 Millionen Einwohnern Katars sind nur 300 000 Einheimische – wirken vorbereitet. Kellner, Reiseleiter, Taxifahrer, Menschen also, auf die man auch als Tourist trifft, bemühen sich darum, nichts Falsches zu sagen. Lebens- und Arbeitsbedingungen in dem Land? "Everything is fine", sagt der Taxifahrer aus Kenia. Ob er Baustellenarbeiter kennt? Sicher, aber nicht gut. Er fährt lieber Taxi.

Weiter lehnt er sich nicht aus dem Fenster. "Die haben alle ein Dach über dem Kopf", sagt eine Reiseleiterin über die Gastarbeiter. Und überhaupt: Sie seien ja freiwillig hier, meint ein anderer. Alles, was man sonst hinterfragen könnte in Katar – arrangierte Ehen, Frauenrechte, dass Ausländer in vielen Bereichen schlechter gestellt sind als Einheimische –, wird mit Verweis auf die "andere Kultur" abgebügelt. Und in Deutschland habe es ja auch gedauert, bis Gewerkschaften gegründet werden durften.

Der schwarze Peter wird weitergegeben

Menschen, die in irgendeiner Form beruflich mit der WM in Katar zu tun haben, hören zwar allzu kritische Journalistenfragen nicht gerne. Doch auch sie antworten. Höflich, aber immer mit dem Hinweis, dass sie eigentlich gar nicht befugt sind, etwas zu sagen und nicht zitiert werden wollen. Beim Prestigeprojekt Fußball-WM könnte schon ein falsches Wort für Verwerfungen mit dem Arbeitgeber führen. Dabei fallen die Antworten wohl ganz im Sinne des Emirs aus: Der schwarze Peter wird abgeschoben.

Seit Jahren werde in Katar dafür gearbeitet, dass auf den WM-Baustellen "hohe Standards" eingehalten werden, beteuert ein Mitarbeiter aus dem Umfeld der WM-Organisatoren. Ja, einige Baufirmen hätten in der Vergangenheit gegen Vorgaben verstoßen. Häufig sei es aber "schwer nachvollziehbar, wo und bei welcher Firma etwas vorgefallen ist".

Von drei Baustellentoten ist in einem anderen Gespräch die Rede, jeder Fall sei untersucht worden. Eine Hotline, an die sich Arbeiter bei Problemen in ihren Muttersprachen wenden können, habe seit 2018 rund 600 Anrufe gezählt. Warum die negativen Berichte über Katar immer mit der WM in Zusammenhang gebracht würden, versteht man nicht. Von den Hunderttausenden Gastarbeitern arbeiteten schließlich bislang nur rund 30 000 an WM-Projekten.

Modelle statt echte Stadien

Nicht nur mit offiziellen Statements tut man sich schwer. Für echte Einblicke in die WM-Vorbereitungen gilt dasselbe: Das Supreme Committee for Delivery & Legacy, das für die Bereitstellung der WM-Infrastruktur zuständig ist, sagt eine zugesagte Besichtigung der bereits fertiggestellten Stadien "aus organisatorischen Gründen" ab. Stattdessen es gibt ein Ersatzprogramm.

36 Monate, zehn Tage, sechs Stunden, 20 Minuten, 34 Sekunden. Im Al Bidda Tower, in den das Supreme Committee geladen hat, tickt die Uhr. Im Eingangsbereich des Wolkenkratzers mitten in Dohas Geschäftsviertel Al Dafna wird auf einem Bildschirm die Zeit bis zum Anstoß der Weltmeisterschaft heruntergezählt. Hier laufen die Fäden des Organisationskomitees der Fußball-WM zusammen. Mit dem Aufzug geht es hinauf.

Blick aus dem Al Bidda Tower in Doha, wo unter anderem das Supreme Committee for Delivery & Legacy der FIFA untergebracht ist. Foto: Benjamin Stahl

Im 14. Stock sollen multimediale Infostationen, detailverliebte Stadionmodelle und eine Ausstellung über die katarische Fußballgeschichte – die bei allem Respekt eigentlich keine verdient – auf das Großereignis einstimmen. Statt eines Besuchs echter Stadien gibt es einen Rundgang durch ein Miniaturwunderland mit Museum, in dem sich Katar abmüht, sich als Fußballnation zu inszenieren. Die Stadien seien voll und nach dem überraschenden Asien-Cup-Gewinn der Nationalmannschaft habe es tagelang Autokorsos gegeben, heißt es.

Auch Mitarbeiter der Medienabteilung des Supreme Committees berichten nur Allgemeines und Positives. Von der extrem hohen Sicherheit in Katar. Von den acht Stadien, die höchstens 55 Kilometer voneinander entfernt sind. Fünf Stadien sollen an das Metronetz angeschlossen sein, das gerade entsteht. Zu den anderen drei Stadien sollen Busse fahren.

Es werde eine "kompakte WM". Und eine nachhaltige: Sechs Stadien sollen zwar Fußballstadien bleiben, die meisten werden aber zurückgebaut, die Zuschauerkapazität werde in der Regel um die Hälfte wieder reduziert. Die Tribünen, so der Plan, werden nach der WM an Entwicklungsländer gespendet.

Und natürlich gibt es während der WM in dem streng muslimischen Land Alkohol. Nicht in den Stadien, aber zumindest in den Fan-Zonen. Zu welchem Preis? Offen. Bei der gerade laufenden Klub-WM, einem ersten Testlauf für die Weltmeisterschaft, kostet eine 0,33-Liter-Flasche Bier umgerechnet etwa fünf Euro. Deutlich günstiger als in den meisten Hotels, wo schon einmal zwölf Euro pro Flasche fällig sind.

Im Al Bidda Tower in Doha sind Modelle aller WM-Stadien ausgestellt. Hier ein Modell des Lusail Stadiums, in dem unter anderem das Finale stattfinden soll. Foto: Benjamin Stahl

Hinweise auf angeprangerte Missstände in dem WM-Gastgeberland muss man im Al Bidda Tower suchen. Einzig ein Kurzfilm mit dem Titel "Workers' Welfare" (zu deutsch: "Wohlergehen der Arbeiter"), der an einem der Infostationen gezeigt wird, lässt ahnen, dass man sich mit der Kritik an den Arbeitsbedingungen beschäftigt. Die aufwendig produzierten Bilder thematisieren aber lediglich ein Fußballturnier unter Gastarbeitern.

Unser Fußmarsch endet nach rund 20 Minuten vor Tor acht der Baustelle des Al Rayyan Stadions. Auf einem Plastikstuhl sitzt ein junger Wachmann im Schatten. Als er uns sieht, steht er auf und kommt auf uns zu. "Wo kommt ihr her?", will der freundliche Kenianer wissen. "Deutschland? Ihr seid sicher 'soccer mad'". Fußballverrückt. Abschottung? Fehlanzeige. "Im Januar ist hier alles fertig", sagt er stolz. "Kommt ruhig näher und macht Fotos."

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