WÜRZBURG

Das steht in der Missbrauchsstudie

Sie seien über das Ausmaß des Missbrauchs erschüttert, sagen Bischöfe und Forscher über die Studie, die sie am Dienstag in Fulda bei der Herbst-Vollversammlung der Bischofskonferenz vorgelegt haben. Dabei seien die jetzt vorgelegten Zahlen nur die Spitze des Eisberges, dessen tatsächliche Größe unbekannt ist. Hier Details aus der Studie:

Was bedeutet die Bezeichnung MHG-Studie?

MHG-Studie steht für die beteiligten Forschungseinrichtungen an den Universitäten in Mannheim, Heidelberg und Gießen. Thema war „Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“, so der Langtitel der Studie.

Welche Diözesen haben sich beteiligt?

Alle 27 Diözesen Deutschlands hatten sich vertraglich verpflichtet, am Forschungsprojekt teilzunehmen. Es gibt in der Studie keine Angaben darüber, wie die einzelnen Bistümer kooperiert haben, sagt der Koordinator der Studie, Professor Harald Dreßing vom Zentrum für Seelische Gesundheit in Mannheim, aber Hinweise darauf, dass Akten teilweise vernichtet oder manipuliert wurden.

Welcher Zeitraum wurde untersucht?

Der Analysezeitraum umfasst die Jahre zwischen 1946 und 2014; erhoben wurden auch Fälle aus früheren Jahren, wenn der betroffene Beschuldigte 1946 noch lebte und wegen einer früher begangenen Tat beschuldigt wurde.

Welche Informationen werteten die Forscher aus?

Forschungsansatz war, voneinander unabhängige Informationsquellen zu nutzen. Es wurden Strukturdaten der Diözesen (Verfügbarkeit und Qualität von Datenmaterial; Umgangspraxis der Diözesen mit Missbrauchsfällen und deren Dokumentation; Inhalte der Priesterausbildung) analysiert, ebenso Straf- sowie Personalakten der Diözesen und Präventionsaspekte. Betroffene wurden anonym befragt oder persönlich interviewt. Einzelfälle wurden nicht juristisch oder kriminalistisch bewertet. Deshalb ist in der Studie von Beschuldigten die Rede, nicht von Tätern.

Wie hoch ist die Zahl der beschuldigten Kleriker?

Durchgesehen wurden insgesamt 38156 Personal- und Handakten der 27 Diözesen; bei 1670 Klerikern fanden sich Hinweise auf Beschuldigungen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Das waren 4,4 Prozent aller Kleriker aus den Jahren 1946 bis 2014. Diese Zahl stellt laut den Forschern eine untere Schätzgröße dar; der tatsächliche Wert liege aufgrund der Erkenntnisse aus der Dunkelfeldforschung höher. Deshalb halten die Forscher zusammenfassend fest, dass die Ergebnisse nur die Spitze des Eisberg zeigen.

Wie hoch ist die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen?

Den 1670 beschuldigten Klerikern konnten nach den Personal- und Handakten insgesamt 3677 Kinder und Jugendliche als von sexuellem Missbrauch betroffen zugeordnet werden. Dies waren den Angaben zufolge 2,5 Betroffene pro Beschuldigtem. Bei den Strafakten lag die Zahl bei 3,9 Betroffenen.

Wie hoch ist der Anteil der Mehrfachbeschuldigten?

Die Hinweise auf mehrere Betroffene pro beschuldigtem Kleriker wird von den Forschern mit 42,3 Prozent angegeben. Bei 54 Prozent der Beschuldigten bezogen sich die Hinweise auf einen einzigen Betroffenen. Auf Mehrfachbeschuldigte entfielen durchschnittlich 4,7 Betroffene. Der Maximalwert lag bei 44 Betroffenen eines Beschuldigten.

Wie alt waren Betroffenen beim ersten sexuellen Missbrauch?

Beim ersten sexuellen Missbrauch waren über die Hälfte der Betroffenen (51,6 Prozent) bis maximal 13 Jahre alt. Vierzehn Jahre und älter waren 25,8 Prozent. Bei über 22 Prozent war das Alter unbekannt.

In welcher Beziehung standen Beschuldigte und Betroffene zueinander?

Dreiviertel aller Betroffenen standen mit den Beschuldigten in einer kirchlichen oder seelsorgerischen Beziehung, etwa Ministrantendienst, Religionsunterricht, Erstkommunions- oder Firmungsvorbereitung.

Wie gingen Beschuldigte beim Missbrauch vor?

Nach Angaben der Forscher gaben alle Betroffenen an, dass psychischer Druck oder psychische Gewalt ausgeübt wurde; zudem hätten die Beschuldigten ihre Autorität ausgenutzt. Über ein Drittel der Betroffenen gab an, dass die Beschuldigten Versprechungen gemacht oder Vorteile in Aussicht gestellt haben. Bei der Analyse der Strafakten ergab sich meist eine „planmäßigen Tatbegehung“, es soll sich nicht um spontane oder einmalige sogenannte Durchbruchshandlungen gehandelt haben, sondern, so Professor Dreßing, um ein „strategisches Handeln“.

Was sagen die Forscher zu Homosexualität und Zölibat im Zusammenhang mit sexuellem Missbrauch?

Weder Homosexualität noch Zölibat seien alleinige Ursachen für den sexuellen Missbrauch von Minderjährigen, so die Wissenschaftler der MHG-Studie. Aber „das komplexe Zusammenspiel von sexueller Unreife und abgewehrten und verleugneten homosexuellen Neigungen in einer ambivalenten, teilweise auch offenen homophoben Umgebung können eine Erklärung für das Überwiegen männlicher Betroffener beim sexuellen Missbrauch durch katholische Kleriker bieten“.

Wie reagierte die Kirche auf Missbrauchsbeschuldigungen?

Der Schutz der Institution Kirche habe Vorrang gehabt, wenn Sanktionen ausgesprochen wurden, seien sie „leicht“ gewesen, sagen die Forscher. Beschuldigte Priester wurden häufiger versetzt als nicht beschuldigte – innerhalb der eigenen Diözese oder in eine andere. Meist wurden die aufnehmenden Gemeinden oder Diözesen den Angaben der Forscher zufolge nicht informiert, auch nicht über mögliche Risiken für Wiederholungstaten.

Wie lautet das Resümee der Forschergruppe?

Die Autoren der MHG-Studie halten fest, dass sexueller Missbrauch durch katholische Kleriker ein anhaltendes Problem sei. Es handele sich keinesfalls um ein historisches Phänomen. Sie halten weitere Aufklärung, Aufarbeitung und Prävention deshalb für dringend notwendig.

Was sagt aktuell der Papst zum Thema Missbrauch?

Papst Franziskus hat davor gewarnt, Fehlverhalten früherer Zeit ausschließlich nach heutigen Kriterien zu betrachten. Das gelte auch für den Umgang mit sexuellem Missbrauch, sagte Franziskus am Dienstagabend auf dem Rückflug von seiner Baltikum-Reise. In früheren Zeiten seien solche Vergehen überall verschwiegen worden; auch in Familien, „wo der Onkel die Nichte vergewaltigte, der Vater die Kinder – weil das eine riesengroße Schande war“. Natürlich seien Menschen heute mit Recht durch Skandale in der Kirche empört, besonders wenn es um Missbrauch gehe. Und Kindesmissbrauch durch Kirchenmänner sei besonders „monströs“, denn die Kirche solle Kinder Gott nahebringen, statt ihr Leben zu zerstören. Das moralische Bewusstsein wachse über die Jahre hinweg, so Franziskus. Er habe in jüngster Zeit von der Glaubenskongregation zahlreiche Urteile gegen Geistliche erhalten, und er habe die Behörde aufgefordert weiterzuarbeiten. Das sei nicht verhandelbar.

Mit Informationen von KNA

Beratungsangebote

Für Betroffene werden anlässlich der Vorstellung der Missbrauchsstudie kostenfreie und anonyme Telefon- und Onlineberatungen angeboten, laut der Deutschen Bischofskonferenz zunächst bis 28. September: täglich von 14 bis 20 Uhr. Außerhalb dieser Zeiten rufen Berater nach Wunsch zurück: Tel. 0800 / 00 05 640. Internetberatung: www.hilfe-nach-missbrauch.de (anonym und 24 Stunden besetzt).

Das Hilfeportal des unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbraucht ist erreichbar unter: www.hilfeportal-missbrauch.de; das kostenfreie/anonyme Hilfetelefon unter Tel. 0800 / 22 55 530.

Der externe Ansprechpartner für Opfer sexuellen Missbrauchs in der Diözese Würzburg ist seit September 2017 Thomas Förster, Richter am Oberlandesgericht Bamberg. Die Juristin Sandrina Altenhöner ist Försters Stellvertreterin. Beide Ansprechpartner sind zugleich Mitglied im Arbeitsstab „Sexueller Missbrauch und körperliche Gewalt“.

Kontaktmöglichkeiten: Betroffene können mit beiden Ansprechpartnern auf mehreren Wegen Kontakt aufnehmen; per E-Mail sind beide erreichbar unter: missbrauch@dioezese-wuerzburg.de; Thomas Förster ist telefonisch erreichbar unter Tel. (0151) 212 657 46; seine Postanschrift lautet: Postfach 11 02 62, 96030 Bamberg. Die Telefonnummer von Sandrina Altenhöner ist: (0151) 644 02 894. cj

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