ROM

Der Protest im Schwarm

Tausende «Sardinen» demonstrieren in Rom gegen Rechtspopulismus
Die Kundgebung in der italienischen Hauptstadt ist der bisherige Höhepunkt der sogenannten „Sardinen“-Bewegung. Tausende Menschen sind am Wochenende in Rom gegen Rechtspopulismus auf die Straße gegangen. Foto: Klaus Blume, dpa

Als die Dezember-Abendsonne Rom in ein warmes Licht taucht, ist die Piazza San Giovanni zwar nicht bis auf den letzten Platz, aber doch sehr gut gefüllt. Tausende Menschen sind am Samstag in der italienischen Hauptstadt zusammengekommen, um ihren Unmut über die Aggressivität im politischen Diskurs Luft zu machen. Die „Sardinen“ haben Rom erreicht. Es ist eine wichtige Etappe auf dem Weg der neuen Protestbewegung in Italien, die den Rechtspopulismus und seine Personifizierung, den ehemaligen Innenminister und jetzigen Oppositionsführer, Lega-Chef Matteo Salvini, im Visier hat.

Ob es nun 100 000 Menschen waren, wie die Veranstalter behaupten, oder nur 35 000, wie die Polizei verbreitet, ist beinahe ein Randaspekt. Die Bilder von den Menschen, Familien, Älteren, Jugendlichen, Migranten, die ohne Parteisymbole und ohne Fahnen und nur mit selbst gebastelten Papierfischen, den Sardinen, angetreten sind, sind eindrucksvoll.

Erster Flashmob in Bologna

Vor einem Monat wagten sich die „Sardinen“ per Flashmob erstmals in Bologna ans Tageslicht. Das Ziel war damals, mehr Menschen zusammen zu bringen als Lega-Chef Salvini, der zu einem Wahlkampfauftritt in der Stadt war. Eng wie die Sardinen zusammen stehen gegen Aggressivität, Hass, Diskriminierung und Rassismus, das ist die erklärte Motivation der Demonstranten. Rom ist bereits die 113. Stadt, in denen die Demonstranten zusammen kommen.

Auch in vielen anderen, vor allem europäischen Städten versammelten sich am Samstag vornehmlich junge Italiener zu Protesten, etwa in Berlin, Dresden, Madrid, London, Helsinki, Brüssel, aber auch in New York. „Wir sind hier, um als antifaschistisches Italien Farbe zu bekennen“, sagte Francesco De Angelis, Demonstrant in Rom. Emma Moroni, 57 Jahre alte Angestellte, erklärte: „Die Sardinen sind unser Symbol. Wir haben keinen Leader, das Wichtige ist das Zusammensein im Schwarm. Die Sardinen haben auf diese Weise Kraft, die Haifische wenden sich ab.“ Der Haifisch Salvini gab schon vor Wochen bekannt, dass er von den „Sardinen“ wenig bis gar nichts hält. „Sie sind nur gegen etwas, was für ein armseliges Leben!“ Doch die Salvini-Fixiertheit der Sardinen gehört der Vergangenheit an. „Ich weiß gar nicht, wo er heute ist und freue mich sehr darüber“, sagte Mattia Santori Reportern am Samstag. Der 32-jährige Santori rief die Bewegung in Bologna mit drei Freunden auf Facebook ins Leben. Zweifellos zählen die Sympathisanten zum linken Spektrum in Italien.

Die Piazza San Giovanni ist der traditionelle Versammlungsort der Gewerkschaften am 1. Mai in Italien. Auch am Samstag sangen die Teilnehmer das Partisanen-Lied „Bella ciao“. Vertreter der italienischen Partisanen-Vereinigung waren am Samstag dabei, Alt-Linke, enttäuschte Sozialdemokraten und frustrierte Wähler der Fünf-Sterne-Bewegung. Die Zeitung La Repubblica beschreibt die Sardinen als „Bewegung, die der Stachel und das kritische Gewissen der Politik, die nach links blickt, ist und die populistische Rechte verurteilt“. Schon früher war Italien Bühne linker Volksbewegungen. In den Berlusconi-Jahren machten die von Linksintellektuellen ins Leben gerufenen Girotondi (Ringelreihen) von sich reden. Es folgte die Wut der Anhänger der Fünf-Sterne-Bewegung, die längst in die Politik gegangen sind.

Vier von zehn Italienern können sich laut Umfragen auch vorstellen, die „Sardinen“ bei der nächsten Parlamentswahl zu wählen. Doch die denken bislang nicht an einen Eintritt in die Politik. Ihre am Samstag proklamierten und teilweise wohl illusorischen Forderungen lauten: Wer ein politisches Amt innehat, soll nur auf den institutionellen Kanälen kommunizieren (und nicht per Twitter). Transparenz im Hinblick auf den Gebrauch der Sozialen Netzwerke durch die Politik; die Verbannung jeglicher Gewalttätigkeit aus dem politischen Diskurs sowie Gleichstellung von verbaler und physischer Gewalt. Schließlich die Abschaffung der Sicherheitsdekrete Salvinis, die einen wesentlich geringeren Schutz für Migranten in Italien vorsehen.

„Kleine Sardine sucht Zukunft“

In welche Richtung die bunten „Sardinen“ künftig schwimmen wollen, das wollten am Sonntag 150 Initiatoren von Sardinen-Demonstrationen in Italien bei einem Treffen in Rom besprechen. Die Optionen sind zahlreich. „Kleine Sardine auf der Suche nach der Zukunft“, lautete der Schriftzug, den eine Demonstrantin auf der Piazza San Giovanni auf ihren selbst gebastelten Fisch geschrieben hatte.

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