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Die Deutschen sind gespalten: Was bringt ein Tempolimit?

Die Deutschen sind gespalten: Was bringt ein Tempolimit?       -  Die Frage nach dem Tempolimit spaltet die Nation.
Die Frage nach dem Tempolimit spaltet die Nation. Foto: dpa

Es ist ein heiß diskutiertes Thema – ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen. Derzeit sind 53 Prozent der Bundesbürger dafür, 45 Prozent sind dagegen. Das zeigt eine Umfrage des ARD-Deutschlandtrends. Die Große Koalition hatte im Zuge der Klimaschutz-Beratungen bereits über ein Tempolimit diskutiert, die Union stellte sich dagegen. Erst im Oktober waren die Grünen im Bundestag mit einem Vorstoß zur Einführung von Tempo 130 gescheitert. Auch die meisten SPD-Abgeordneten stimmten dagegen, wie es in Koalitionen bei Oppositionsanträgen üblich ist. SPD-Politiker machten aber in der Debatte schon deutlich, dass das Thema etwa bei Beratungen über mehr Verkehrssicherheit im neuen Jahr wieder auf die Agenda soll.

Doch was würde eine einheitliche Geschwindigkeitsbegrenzung in Sachen Klimabilanz, Unfallzahlen und Verkehrsaufkommen tatsächlich bewirken?

Auf welchen Strecken gibt es bereits ein Tempolimit?

Deutschland hat etwa 13 000 Kilometer Autobahnen. Auf 70,4 Prozent dürfen Autofahrer nach Angaben der Bundesanstalt für Straßenwesen ohne Geschwindigkeitsbegrenzung fahren. Es gilt lediglich eine Richtgeschwindigkeit von 130 Kilometer pro Stunde. 8,8 Prozent der restlichen Fahrbahnabschnitte sind mit einer sogenannten Verkehrsbeeinflussungsanlage ausgestattet. Diese zeigen zum Beispiel temporäre Fahstreifensperrungen oder Routenentfernungen, die sich aus dem Verkehrsfluss ergeben. Hier wird auf der Mehrheit der Strecken bei guten Verkehrsbedingungen kein Tempolimit angezeigt. Damit bleiben 20,8 Prozent der Autobahnen übrig, auf denen eine Begrenzung zwischen 60 und 130 Kilometer pro Stunde gilt.

Wie beeinflusst ein Tempolimit den Spritverbrauch?

Laut dem Umweltbundesamt führt eine höhere Geschwindigkeit auch zu einer Erhöhung des Spritverbrauchs. Denn je schneller ein Auto fährt, desto größer sind der Luftwiderstand und die Reibung auf der Straße. Je mehr Widerstand, desto mehr Sprit wird benötigt, um das Auto anzutreiben. In einer Testfrage im amtlichen Fragenkatalog für die theoretische Fahrerlaubnisprüfung in Deutschland heißt es: Bei einem Mittelklassewagen steigt der Verbrauch um 35 Prozent an, wenn das Auto 160 Kilometer pro Stunde anstatt 130 Kilometer pro Stunde fährt.

Reduziert ein Tempolimit den CO2-Ausstoß?

Mit dem Spritverbrauch bei höherer Geschwindigkeit steigt auch der Ausstoß von Kohlenstoffdioxid (CO2). Genaue Zahlen haben Verkehrsforscher des Öko-Instituts und des International Council on Clean Transportation mithilfe einer europäischen Datenbank ausgewertet. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass ein Tempolimit auf deutschen Autobahnen von 130 Kilometern pro Stunde zwischen 1,1 und 1,6 Millionen Tonnen CO2 einsparen könnte. Das sind zwischen 0,14 und 0,2 Prozent des gesamten deutschen CO2-Ausstoßes.

Senkt ein Tempolimit die Schadstoff- und Feinstaubbelastung?

Nach Angaben des österreichischen Umweltbundesamtes und der Deutschen Umwelthilfe stößt ein Auto bei 100 Kilometern pro Stunde im Schnitt 19 Prozent weniger Stickoxide und elf Prozent weniger Feinstaub aus, als wenn es die gleiche Strecke mit 130 Kilometern pro Stunde fahren würde. Je schneller also das Auto unterwegs ist, desto höher der Schadstoffausstoß.

Senkt ein Tempolimit die Unfallzahlen?

Bisher gibt es keine deutschlandweiten Studien, die sich diesem Thema widmen. Das Bundesland Brandenburg hat allerdings für sein Land eine Studie erstellt, die den Zusammenhang von Tempolimit und Unfallzahlen untersucht. Sie stammt aus dem Jahr 2017 und zeigte, dass sich die Zahl der Unfälle annähernd halbierte: von 654 Unfällen in drei Jahren ohne Tempolimit auf 337 Unfälle in drei Jahren mit einer Geschwindigkeitsbegrenzung auf 130 Kilometer pro Stunde. Auch die Zahl der Verunglückten sank deutlich von 838 auf 362 Verunglückte in drei Jahren. Die Studienautoren betonten damals allerdings: „Der Rückgang der Unfall- und Verunglücktenzahlen kann nicht vollständig auf die Einführung der Geschwindigkeitsbegrenzung zurückgeführt werden. In den letzten Jahren ist im Land Brandenburg ein allgemeiner Rückgang der Unfallzahlen auf Autobahnen zu verzeichnen gewesen.“

Senkt ein Tempolimit die Zahl der tödlichen Unfälle und der Unfälle mit Personenschaden?

Laut einer Untersuchung des Statistischen Bundesamtes für das Jahr 2017 war eine der Hauptunfallursachen auf deutschen Autobahnen zu schnelles Fahren. In dem Bericht steht: „2017 war mehr als ein Drittel der Autobahnunfälle darauf zurückzuführen, dass mindestens eine beteiligte Person die Höchstgeschwindigkeit überschritten hatte oder für die Straßen- oder Witterungsverhältnisse zu schnell fuhr.“ Nach Angaben des Deutschen Verkehrssicherheitsrates starben 424 Menschen im Jahr 2018 auf deutschen Autobahnen, 5910 verletzten sich schwer. Zwei Zahlen, die Michael Mertens, stellvertretender Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP), senken möchte. „Ich bin sicher, ein Tempolimit könnte Menschenleben retten und Schwerverletzte verhindern.“ Denn zum einen könnte die bloße Anzahl an Unfällen verringert werden. Und zum anderen würde eine Geschwindigkeitsbegrenzung die Folgen der Unfälle reduzieren. „Man kann einen Unfall bei Tempo 130 vielleicht überleben. Aber bei 200 auf keinen Fall“, sagt Mertens.

Welche Studien gibt es in Deutschland zum Thema Tempolimit?

Aktuell ist die Daten- und Studienlage zum Thema Tempolimit in Deutschland dürftig. Viele Studien sind veraltet oder lückenhaft. Untersuchungen und Gutachten, inwieweit eine strikte Geschwindigkeitsbegrenzung die Reisedauer beeinflusst oder ob die Bildung von Staus eingeschränkt wird, liegen keine vor. Andere Länder in Europa seien viel weiter, sagt GdP-Vize Michael Mertens. In Österreich und den Niederlanden gibt es zum Beispiel umfassende Forschungsprojekte. „Ich fordere in Deutschland ein fachlich fundiertes Gutachten, das alle Aspekte eines Tempolimits untersucht – frei von jeglichen Emotionen.“

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