Rom

Im Schwarm gegen den Populismus

Die Protestbewegung „Sardinen“ findet immer mehr Anhänger in Italien
Das Feindbild der Bewegung der Sardinen ist der Rechtspopulist Matteo Salvini. Hier macht er im Wahlkampf in Forli in der Emilia Romagna ein Selfie mit einem Mann. Foto: Stefano Cavicchi, dpa

Die Sardinen spielen in der italienischen Küche eine untergeordnete Rolle. In Venetien beispielsweise gibt es frittierte Sardinen auf Zwiebeln mit Essig und Rosinen, eher gewöhnungsbedürftig. Dafür treten die Sardinen nun einen gesellschaftlichen Siegeszug an. Denn die Protestbewegung mit diesem Namen, die in den letzten Wochen im Internet entstand und sich nun wie ein großer Schwarm über das ganze Land verbreitet, versteht sich nicht als politischer Akteur.

Es geht den Sardinen eher um eine Atmosphäre, das sich in den vergangenen Jahren auf der Apenninen-Halbinsel herausgebildet hat und dem sie sich nun mit Zivilcourage entgegen stellen wollen. Auf die Straße gehen, ganz eng beieinander stehen gegen die Menschenfeindlichkeit, gegen Hass, Intoleranz und Rassismus. Wie die Ölsardinen in der Dose. Das ist ihr Programm.

Die Protagonisten der Bewegung sind eher jüngeren Alters, mehrheitlich zwischen 30 und 40 Jahren. Es gibt aber auch Anhänger wie die 85-jährige Wanda Pane aus Neapel, die sich auf Facebook gerade in einem selbstgestrickten Sardinengewand mit wolligen Schwanzflossen und dem Hashtag „originalneapolitansardina“ verewigt hat. Tausende Likes und Komplimente waren Signora Pane gewiss. Anfang der Woche füllten 10 000 protestierende Sardinen den Domplatz von Parma. Zuvor waren es 7000 in Modena, ebensoviele in Rimini und 12 000 in Bologna.

Im Januar stehen Regionalwahlen in der Emilia-Romagna an. Ex-Innenminister Matteo Salvini ist auf Wahlkampftour, seine rechtspopulistische Lega liegt laut Umfragen landesweit immer noch bei knapp 35 Prozent. Die Lega-Kandidatin hat gute Aussichten darauf, Regionalpräsidentin zu werden, ausgerechnet in der früheren Hochburg der Linken, in der die Partisanen-Tradition und „Resistenza“ immer noch eine große Rolle spielen. Das war der Auslöser für die „erste Fisch-Revolution“ der Geschichte, wie die Gründer schreiben.

Die Organisatoren haben offenbar im ganzen Land einen Nerv getroffen. Am 1. Dezember kommen die Sardinen in Mailand zusammen, in Florenz waren sie auch schon. Mitte Dezember haben sie sich in Rom verabredet, später auch in Verona. In allen Städten gibt es Menschen, die wohl ein Ventil gesucht haben, um ihren Protest im Hinblick auf die Entwicklung kundzutun, in der in der Öffentlichkeit immer freimütiger gegen Ausländer, Juden, Homosexuelle, aber auch gegen Frauen gehetzt wird. Der Missstand ist so offensichtlich, dass im italienischen Senat zu Monatsbeginn eine Sonderkommission gebildet wurde, die Phänomene wie „Intoleranz, Rassismus, Antisemitismus und Aufstachelung zu Hass und Gewalt“ kontrastieren soll.

Vor allem in den Sozialen Netzwerken kursieren Hassbotschaften, an denen auch die Politik ihren Anteil hat. Der Sprachwissenschaftler Federico Faloppa, der für Amnesty International vor der EU-Wahl im Mai einen „Hass-Barometer“ erstellte, sagt: „Es gibt keinen direkten Zusammenhang zwischen der Aggressivität der Politiker und der Entstehung von hate speech. Wir haben allerdings auf Seiten der Politiker eine Art versteckte Aufgeregtheit beobachtet, die explizit diskriminierende Kommentare hervorbringt.“

 

Salvini und seine Anti-Immigrations-Kampagnen sind dafür wohl das beste Beispiel. Als der Ex-Innenminister vor zwei Wochen im Wahlkampf in Bologna auftrat, starteten vier junge Bologneser auf Facebook ihre Aktion „6000 Sardinen gegen Salvini“. Der Veranstaltungssaal der Lega fasste 5600 Personen. Auf der Piazza Maggiore in Bologna finden 6000 Personen Platz, wenn sie eng zusammen stehen, fanden Santori und seine Freunde heraus. Wie die Ölsardinen. „Uns gefiel die Idee, dass viele Personen, die sich im Internet und in der Gesellschaft vielleicht einsam fühlen, ganz eng zusammen stehen“, sagte Santori. Es sei der Moment gekommen, „die Wucht der populistischen Rhetorik zu verändern“. Der Flash Mob wurde ein großer Erfolg, doppelt so viele Menschen wie erwartet versammelten sich. Die Teilnehmer brachten selbstgebastelte Ölsardinen aus Papier mit. Die Menschen in anderen Städten zogen nach. Besonders wichtig ist den Veranstaltern, nicht in politisches Fahrwasser zu geraten. Fahnen, Parteisymbole, Beschimpfungen seien tabu. Dass Sardinen im Mittelmeer eine eher geringe Lebenserwartung haben, besorgt die Gründer nicht. Sie weisen darauf hin, dass die Kraft einer einzelnen Sardine gleich null sei. Kraft habe dieser Fisch im Schwarm.

 

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