Kommentar: Bauern und Verbraucher müssen miteinander reden

Woran erkennen Verbraucher, dass sie altmodisch sind? Sie bestellen sich im Kino eine Tüte Popcorn. Die coolen Leute hingegen ordern „CineBalls“, das sind kleine Waffelbällchen aus Weizen- und Hanfmehl, gefüllt mit einer Salsa- und einer Käsesoße. Sie werden vom Hersteller in selbstredend gendergerechter Grammatik als „ein alternativer Snack für Kinobesucher*in-nen“ angepriesen. Wen es jetzt innerlich schüttelt, bei dem dürfte „Knärzje“ auch nicht auf den Tisch kommen: ein sogenanntes Zero-Waste-Bier (frei übersetzt etwa: Null-Müll-Bier), das aus aussortiertem Brot gebraut wird und deshalb der Lebensmittelverschwendung entgegenwirken soll. Zu finden ist das alles auf der gerade gestarteten Internationalen Grünen Woche in Berlin und die Beispiele zeigen, wie sich die beiden Messebereiche Ernährung und Landwirtschaft (das dritte ist Gartenbau) entwickeln.

Die eingangs genannten Beispiele zeigen auch, dass Tier- und Klimaschutz sowie nachhaltige Ernährung zum Spielball von Marketingstrategen geworden sind. Die deutsche Ernährungsindustrie jubelt darüber. Nach ersten Schätzungen konnte der Umsatz 2019 im Vorjahresvergleich um 2,2 Prozent auf 183,6 Milliarden Euro gesteigert werden. Davon entfielen 122,2 Milliarden Euro auf Deutschland.

Neue Trends und die Nachfrage nach Billiglebensmitteln

Gestützt wurde dieses Plus von neuen Trends – und von einem anhaltenden Griff zu Billiglebensmitteln, die mit Nachhaltigkeit bekanntlich nichts zu tun haben. „Die Bereitschaft mehr zu zahlen, trifft nicht auf alle Produkte gleichermaßen zu und reicht oftmals nicht dafür aus, die Mehrkosten komplett zu decken“, teilt die Branche mit und weiß auch gleich, wer schuld ist: Nicht die Hersteller sind es, sondern die Politik. Nach dem Staat ruft auch der Deutsche Bauernverband. Laut einer internen Umfrage hat sich die Stimmungslage der Landwirte noch weiter verschlechtert. Sie beurteilen die Situation demnach als „sehr ungünstig“ und fordern von der Politik verlässliche Rahmenbedingungen für ihre Zukunftsinvestitionen. Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch: Die Bauern beschweren sich über Auflagen, die im Sinne von mehr Tier- und Klimaschutz ergehen.

Konsumenten wollen wissen, wie ihr Essen produziert wurde

Der Deutsche Bauernverband (DBV) und die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) sind die „ideellen Träger“ der Grünen Woche, der Klimaschutz wurde zum Schwerpunkt erhoben. Vor diesem Hintergrund müssen sie sich fragen lassen, ob Megalebensmitteltrends und politische Forderungen wirklich die Antworten auf die Fragen sind, die Konsumenten heute stellen. Die wollen wissen, wie die Wurst produziert wurde, in die sie gerade beißen. Es geht um Nachhaltigkeit, um Verpackungsmüll, um kurze Transportwege.

Für vernünftige Antworten müsste der Dialog vor allem zwischen Landwirten und Konsumenten intensiviert werden. Beide können dann gemeinsam Einfluss auf die profitorientierte Lebensmittelbranche nehmen. Der Deutsche Bauernverband jedoch ist vielfach in Selbstreflexion gefangen. Das Rahmenprogramm der Grünen Woche ist allen Ernstes mit „Das Davos des Agrarbusiness“ überschrieben. Noch weiter weg kann man sich von Ottonormalverbraucher kaum bewegen. Zumal die Branche nach der Gründung der Initiative „Land schafft Verbindung“ auch noch mit mindestens zwei Zungen spricht.

Wenn die Funktionäre sich einigen und noch etwas mehr Luft zwischen sich und der Lebensmittelindustrie lassen, dann klappt das auch mit der Glaubwürdigkeit. Dann geht es wieder zurück zur Natur und nicht vorwärts zum nächsten Trend.

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