Berlin

Kommentar: Das heutige Waldsterben ist noch dramatischer

Der Nationalpark Hartz ist kein Einzelfall in diesem Sommer: Zahlreiche Bäume sind braun und vertrocknet, Schädlinge haben leichtes Spiel. Foto: Swen Pförtner, dpa

Die heimischen Wälder sind massiv bedroht und das ist schlecht für uns alle. Dass Deutschland im globalen Maßstab gesehen über vergleichsweise geringe Baumbestände verfügt, darf nicht dazu führen, die Herausforderung zu ignorieren und den Schutz der eigenen Wälder zu vernachlässigen. Die Rettung der Waldbestände ist eine wahre Menschheitsaufgabe und Voraussetzung zur Rettung des Weltklimas. Dem reichen Deutschland, das sich gerne als Vorreiter im Umweltschutz sehen will, kommt hier vor allem - aber nicht nur - eine Vorbildfunktion zu.

Klar: Solange in Asien, Afrika und Lateinamerika hektarweise Regenwälder brandgerodet oder abgeholzt werden, dürften alle Klimaschutzbemühungen der westlichen Welt nicht ausreichen. Es wird dann nie gelingen, den globalen Temperaturanstieg auch nur zu verlangsamen. Denn der Wald bindet das klimaschädliche Kohlendioxid und produziert lebenswichtigen Sauerstoff. Doch Deutschland ist in Sachen Waldschutz nicht in einer Position, mit dem Finger auf die waldreichen Entwicklungs- und Schwellenländer zu zeigen. Die sehen ihre Natur vor allem als wirtschaftliche Ressource, so wie das auch in Europa seit Jahrhunderten der Fall war und bis heute ist.

Zum größten Teil sind unsere Wälder nichts als Plantagen

Die deutschen Urwälder sind, bis auf kleine, streng geschützte Reste, längst gefällt. Zum größten Teil sind unsere Wälder nichts als Plantagen, auf denen Nadelbäume dominieren. Schnell wachsende Fichten oder Kiefern stehen in Reih und Glied, von Artenvielfalt keine Spur. Und der Klimawandel setzt diesen Monokulturen massiv zu. Die von Dürre und Trockenheit geschwächten Bäume fallen reihenweise Schädlingen wie dem Borkenkäfer zum Opfer oder knicken bei Sturm um wie Streichhölzer. Waldbrände nehmen zu, wie die vergangenen Sommer gezeigt haben.

In den achtziger-Jahren hat das "Waldsterben" noch zu einem entsetzten Aufschrei in der Bevölkerung geführt. Das Thema machte die Umweltbewegung und die Grünen stark, die Politik reagierte mit der Einführung des Katalysators. Viele Experten halten das neue Waldsterben für weit dramatischer. Doch angesichts der Groß-Debatte ums Weltklima mutet es oft nur wie eine Randnotiz an.

Die Pflege des Waldes muss sich für die vielen privaten Waldbesitzer rechnen

Klimaschutz aber muss in den Wäldern vor unserer Haustür beginnen. Die Bundesregierung darf jetzt nichts unversucht lassen, um den überfälligen Umbau der Wälder voranzutreiben. Der nationale Waldgipfel, zu dem Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner von der CDU am Mittwoch einlädt, muss greifbare, ambitionierte Ergebnisse liefern. Wenn Wetterextreme zunehmen, braucht es Bäume, die besser damit umgehen können, Mischwälder statt Monokulturen. Wälder sollten so angelegt werden, dass sich Waldbrände notfalls leichter bekämpfen lassen. Wälder müssen natürlicher, wilder werden. Das bedeutet nicht, dass sie nicht kommerziell genutzt werden können. Im Gegenteil: Die Pflege des Waldes muss sich für die vielen privaten Waldbesitzer rechnen. Da ist es gut, dass Forstwirtschaft einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann. Holz, ob als Balken, Brett oder Faserdämmstoff, ist ein nachhaltiges Baumaterial. Ein Niedrigenergiehaus aus Holz bindet Kohlendioxid und kann am Ende seiner Lebensdauer einfach entsorgt werden. Moderne, schadstoffarme Pelletheizungen tragen ihren Teil zur Energieversorgung bei.

Im Laufe der Zeit hat sich unser Bild vom Wald immer wieder gewandelt. Mal war er unwirtlicher Ort der Angst, in dem Räuber und wilde Tiere hausen. Dann wieder wurde er romantisch verklärt. Oder gnadenlos ausgebeutet. Heute ist er Abenteuerspielplatz für Ausritte mit dem Mountainbike oder Sehnsuchtsort für Großstädter, die beim "Waldbaden" die Verbindung zur Natur suchen. Wenn Politiker und Experten, Waldbesitzer und Jäger, Naturschützer und Holzindustrie jetzt über die Zukunft des Waldes beraten, sollte sie alle ideologischen Scheuklappen ablegen. Denn die generationenübergreifende Mammutaufgabe, die viel Zeit und Millionen von Setzlingen erfordert, lässt sich nur gemeinsam bewältigen.

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